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Arbeitslosigkeit in den Ländern: Anhaltende Unterschiede
Erklärungsansatze für die westlichen Bundesländer

Die Arbeitslosenrate unterscheidet sich merklich zwischen den westlichen Bundesländern. 2014 betrug sie nur 4,4% für Baden-Württemberg, aber 12,2% für Bremen — fast das Dreifache. Nun könnte es sein, dass Entwicklungen der jüngsten Vergangenheit für diesen Unterschied verantwortlich sind. Ein Blick auf die letzten Jahrzehnte zeigt jedoch, dass Unterschiede bezüglich der Arbeitslosigkeit in den westlichen Bundesländern schon lange Bestand haben. 1985 waren in Baden-Württemberg 5,4% arbeitslos, in Bremen waren es 15,2%. Schon 1985 war die Arbeitslosenrate in Bremen also etwa dreimal so hoch. Welche Faktoren sind für die lang anhaltenden Unterschiede verantwortlich?

Bundesländer: Persistente Unterschiede bei der Arbeitslosigkeit

In den 1980er Jahren stieg die Arbeitslosenrate in Deutschland nach den Jahren des Nachkriegswirtschaftsaufschwungs erstmals deutlich über 5% an. Für die 10 westlichen Länder gilt, dass Bundesländer mit relativen hohen Arbeitslosenraten in den 1980ern heute ebenfalls relativ hohe Arbeitslosenraten zu verzeichnen haben.

Die Gegenüberstellung der Arbeitslosenquoten für 1985 und 2014 macht dies deutlich. Baden-Württemberg sowie Hessen erlebten 1985 und 2014 relativ niedrige Arbeitslosigkeit, während die Arbeitslosigkeit 1985 und 2014 in Bremen und dem Saarland relativ hoch war.

Das Rätsel: Warum ziehen Bremer nicht nach Bayern?

Unterschiede zwischen den Bundesländern hinsichtlich der Arbeitslosenraten bleiben über die Zeit erhalten. Warum? Handelte es sich um Nationalstaaten, die durch Sprachbarrieren und rechtliche Barrieren voneinander getrennt sind, wären die bleibenden Unterschiede leichter zu erklären. Aber hier handelt es sich um Bundesländer. Bremer sehen sich in Baden-Württemberg weder rechtlichen Barrieren noch Sprachbarrieren gegenüber - zumindest sind letztere nicht allzu gravierend.

Wieso verlagern nicht mehr Bremer und Saarländer ihren Wohnort nach Baden-Württemberg, Bayern oder Hessen? Dort hätten sie bessere Aussichten auf eine Anstellung.

Schocks und Arbeitsmarktinstitutionen

In der Literatur finden sich vor allem drei Erklärungsansätze für die Entstehung und Persistenz von Arbeitslosigkeit.

1. Schocks: Die Nachfrage nach Arbeit mag überraschend zurückgehen oder das Wirtschaftswachstum niedriger ausfallen als erwartet. In beiden Fällen kommt es zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit, weil die vereinbarten Löhne zu hoch sind. Fallen die Löhne mit der Zeit, weil Arbeitssuchende bereit sind, zu niedrigeren Löhnen zu arbeiten, geht auch die Arbeitslosigkeit zurück. Es ist deshalb nicht offensichtlich, wie Schocks dazu beitragen, die Arbeitslosigkeit in einem Land oder einer Region langfristig zu heben.

2. Arbeitsmarktinstitutionen: Die auf Arbeitsmärkten zur Anwendung kommenden Regeln können zu einem Anstieg der Arbeitslosenraten beitragen. Vor allem ist hier die Arbeitslosenunterstützung zu nennen. Je höher sie ausfällt und je länger sie gezahlt wird, desto weniger intensiv suchen Arbeitslose nach einer neuen Anstellung und desto höher muss der einem Arbeitslosen angebotene Lohn ausfallen. Beide Faktoren lassen die Arbeitslosigkeit ansteigen. Die Arbeitsmarktinstitutionen sind in Deutschland allerdings größtenteils vereinheitlicht. Möglicherweise lässt sich durch sie ein deutschlandweiter Trend hinsichtlich der Arbeitslosigkeit erklären. Aber für die Erklärung der Unterschiede von Bundesland zu Bundesland scheint der Hinweis auf die Arbeitsmarktinstitutionen aufgrund ihrer Einheitlichkeit nicht sonderlich hilfreich zu sein.

3. Das Zusammenspiel von Schocks und Arbeitsmarktinstitutionen: Bleiben Menschen nach einem negativen Schock länger arbeitslos, weil die Arbeitslosenunterstützung relativ attraktiv ist, verlieren sie möglicherweise relevante berufliche Fähigkeiten. Für Arbeitgeber werden sie zu weniger attraktive Kandidaten und andere Arbeitnehmer nehmen sie weniger als Konkurrenten war. Langzeitarbeitslose üben dann nur noch wenig Druck auf das Lohnniveau aus und die Arbeitslosigkeit verstetigt sich. Die Schocks in den 1970er und 1980er Jahren fielen in den Ländern unterschiedlich stark aus. Baden-Württemberg, Bayern, Hessen und Rheinland-Pfalz waren am schwächsten betroffen — gerade jene Länder, in denen auch 2014 die niedrigsten Arbeitslosenraten zu finden sind. Es ist möglich, dass stärkere negative Schocks in einigen Bundesländern gepaart mit deutschlandweit einheitlichen Arbeitsmarktinstitutionen die Arbeitslosigkeit in den besonders stark betroffenen Ländern mittelfristig ansteigen ließen. Aber auch das Zusammenspiel aus negativen Schocks und Arbeitsmarktinstitutionen liefert keine überzeugende Erklärung für jahrzehntelange deutliche Unterschiede hinsichtlich der Arbeitslosenraten in den westlichen Bundesländern.

Ausgereifte empirische Forschungsergebnisse weisen ebenfalls darauf hin, dass seit dem Schock der zweiten Ölkrise 1979/1980 die Arbeitslosenraten in einigen Ländern permanent auf höherem Niveau als in anderen liegen. Warum ziehen Bremer nicht nach Bayern, Baden-Württemberg oder Hessen? Es scheint sie niemand abzuhalten.

Veränderung von Normen bezüglich Arbeitslosigkeit?

Eine ebenfalls in der Arbeitsmarktliteratur zu findende Hypothese bezieht sich auf die Einstellung der Menschen zur Arbeitslosigkeit. So ist es möglich, dass in einer Zeit hoher Beschäftigung Arbeitslosigkeit mit einem Stigma belegt ist. Steigt die Arbeitslosenrate durch einen Schock deutlich an, mag der Anstieg dazu führen, dass Arbeitslose nicht mehr — oder weniger stark — stigmatisiert werden. Die Zunahme der Akzeptanz der Arbeitslosigkeit bei den Mitmenschen könnte den Anreiz für Arbeitslose verringern, nach einer Anstellung im eigenen oder anderen Bundesländern zu suchen.

Dass sich die Arbeitslosenraten in den verschiedenen Bundesländern zu einem gewissen Grade einheitlich bewegen, ist keine Überraschung. Überraschend ist, dass gravierende Unterschiede hinsichtlich der Arbeitslosenrate über die Zeit bestehen bleiben. Der Verweis auf Schocks, Arbeitsmarktinstitutionen und auch die Kombination aus Schocks und Arbeitsmarkinstitutionen liefert keine überzeugende Erklärung für die persistenten Unterschiede. Als Erklärung vielversprechender scheint ein Normenwandel hin zur Akzeptanz von Arbeitslosigkeit, zu dem es umso mehr kommt, je stärker ein Schock die Arbeitslosenrate in die Höhe treibt und sie über einen gewissen Zeitraum zu einem häufig anzutreffenden Phänomen macht. Die vollständige Lösung des Rätsels steht noch aus.

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