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Besser dran ohne Berlin?

Hauptstädte sind häufig die wichtigsten Wirtschaftszentren ihres Landes. In ihnen konzentrieren sich Konzernzentralen, Dienstleistungsunternehmen und gut qualifizierte Arbeitskräfte. Die wirtschaftliche Bedeutung vieler Hauptstädte spiegelt sich in den Zahlen wider: Ohne Paris fiele das französische Bruttoinlandsprodukt pro Kopf um 15 % geringer aus – das sind rund 4.800 Euro. Auch London (11 %) und Wien (6 %) heben das nationale BIP pro Kopf deutlich.

Berlin ist anders. Würde die deutsche Hauptstadt samt ihrer Bevölkerung aus der Bundesrepublik ausscheiden, wären alle verbliebenen Bundesbürger im Schnitt um 0,2 % reicher – das sind immerhin 75 Euro pro Jahr. Fast 4,3 % der Deutschen leben in Berlin, doch die Hauptstadt trägt nur knapp 4% zum deutschen BIP bei - ohne Länderfinanzausgleich und Hauptstadtförderung des Bundes wäre die Diskrepanz noch größer.

Wenngleich allzu dominante, von Konzernzentralen gespickte Hauptstädte kein eindeutiges Zeichen einer gesunden Wirtschaft sind und auf intensives Lobbying und Korruption hinweisen können, ist Berlins relative Schwäche erklärungsbedürftig. Angesichts Deutschlands traditionell dezentraler Wirtschaftsstruktur und der Nachwirkungen der Teilung verwundert es nicht, dass Berlin heute nicht so dominant ist wie Paris oder London. Doch das auch in den letzten 25 Jahren nur unterdurchschnittlich ausgeprägte Wachstum deutet darauf hin, dass mangelhafte Politik und Verwaltung die Berliner ausbremsen.

Berlin: Arm, aber sexy?

In den Worten eines früheren Oberbürgermeisters ist Berlin „arm, aber sexy“. Die erste Hälfte des Slogans trifft durchaus zu: Ein Drittel der Berliner Kinder und Jugendlichen wächst in Elternhäusern auf, die von Transferleistungen leben. Die Arbeitlosenquote liegt bei fast 10 % - deutlich über dem Stadtstaat Hamburg (7,2 %) und Brandenburg (8,2 %). Bezogen auf die regionale Kaufkraft liegt das Armutsrisiko bei 22,7 %. Unter den Bundesländern erreicht nur Bremen mit 24,7 % einen höheren Wert. Die Pro-Kopf-Verschuldung des Landes Berlin beträgt über 17.000 Euro – einen höheren Verschuldungsstand erreichen nur Bremen (rund 34.000 Euro) und das Saarland (rund 18.500 Euro).

Ist Berlin sexy? Die hohen Zuzugszahlen aus dem Rest Deutschlands und dem Ausland legen nahe, dass Berlin als attraktiv gilt. Bis 2030 wird ein Wachstum um rund 266.000 Menschen erwartet. Schätzungen gehen davon aus, dass Berlin dann 3,8 bis 4 Millionen Menschen beherbergen wird. Doch die Zuwanderung wird derzeit maßgeblich getrieben durch Flüchtlinge und niedrigqualifizierte EU-Ausländer.

Start-Ups statt Konzerne

Für Konzerne ist Berlin dagegen weniger sexy: Von den 30 DAX-Konzernen unterhält lediglich Siemens seinen Hauptsitz in Berlin – mit einem zweiten Hauptsitz in München, das die Hauptsitze vier weiterer DAX-Konzerne beherbergt. Auch Frankfurt am Main, Essen (jeweils drei Zentralen) und Bonn (zwei Zentralen) sind noch immer attraktiver für deutsche Unternehmen. Auch viele ausländische Konzerne bevorzugen alternative Standorte wie München (Amazon, Apple, Yahoo, Microsoft) oder Hamburg (Google, Facebook).

Dagegen ist Berlin der in Deutschland attraktivste Standort für Risikokapitalgeber, wenngleich es im europäischen Wettbewerb hinter andere Hauptstädte zurückfällt. Gemessen anhand der Anzahl angemeldeter Patente pro Kopf sind unter den europäischen Hauptstädten nur Stockholm und Paris innovativer. Doch zahlreiche süddeutsche Städte wie etwa Stuttgart, Karlsruhe, Mannheim und München übertreffen Berlin diesbezüglich.

Nachwehen der deutschen Teilung?

War Berlin im ausklingenden 19. Jahrhundert noch für 10 % des deutschen BIP verantwortlich, sind es heute nur noch knapp 4 %. Ist Berlins Schwäche das Ergebnis von vier Jahrzehnten deutscher Teilung, die die Hauptstadt besonders stark traf? Nach dem zweiten Weltkrieg verlor Berlin Banken und Börsenhandel an Frankfurt und viele Industriebetriebe wanderten in den Westen und Süden ab, darunter auch prominente Konzerne wie Siemens und AEG. Das isolierte West-Berlin konnte folglich kaum mit dem dynamischen Wachstum der alten Bundesrepublik mithalten, sondern wurde subventioniert. Ost-Berlin wurde zur gleichen Zeit systematisch heruntergewirtschaftet.

Ohne die deutsche Teilung wäre die Berliner Wirtschaft heute stärker, doch auch seit Mitte der 1990er Jahre fiel Berlin relativ zurück: 1996 lag das BIP pro Kopf in Berlin über dem deutschen Durchschnitt, heute liegt es darunter. Andere, ehemals heruntergewirtschaftete ostdeutsche Städte wie Leipzig und Dresden haben in den letzten Jahrzehnten ein stärkeres Wachstum erlebt. Ist es vorstellbar, dass Berlins unglückliche Vergangenheit das Wachstum noch immer hemmt?

Krieg und Teilung: Berlin besonders betroffen

Eine wachsende Literatur beschäftigt sich mit den permanenten Effekten unerwarteter Schocks auf die räumliche Verteilung wirtschaftlicher Aktivitäten. Studien kommen zu dem Ergebnis, dass selbst nach vollständigem Abklingen des Schocks nicht zwingend eine Rückkehr zur vorherigen räumlichen Verteilung zu erwarten ist. So zeigen Redding et al. (2011), dass die deutsche Teilung zur Verlagerung des Zentralflughafens von Berlin nach Frankfurt geführt hat. Jedoch ist trotz Wiedervereinigung nicht zu erwarten, dass dieser je nach Berlin zurückkehren wird. Es sei denn, ein Schock träfe Frankfurt überdurchschnittlich.

Ähnliche Pfadabhängigkeiten sind auch für andere Industrien wahrscheinlich, wenn die durch Standortverlagerung entstehenden Fixkosten relativ hoch und die erwarteten Produktivitätsgewinne relativ gering ausfallen. Auch die Literatur über die langfristigen Effekte der räumlich unterschiedlich stark ausgeprägten Bombardierung Deutschlands im zweiten Weltkrieg findet dauerhafte Auswirkungen auf die Verteilung wirtschaftlicher Aktivität.

Dezentralistisches Erbe?

Bisweilen wird Berlins Schwäche mit Hinweis auf Deutschlands dezentrales Erbe erklärt. Nicht Berlin sei schwach, sondern Deutschlands regionale Zentren seien stark. Tatsächlich sind die reichsten Städte Deutschlands keineswegs die größten.

Auch andere, eher dezentral organisierte Staaten haben Hauptstädte, die nicht zugleich das nationale Wirtschaftszentrum stellen, etwa Bern (Bundesstadt der Schweiz), Canberra, Rom oder Washington D.C. Doch anders als die Berliner sind die Bewohner von Bern, Canberra, Rom und dem Washingtoner Umland reicher als ihre jeweiligen Landsleute.

Wohlwollend ließe sich Berlins Sonderstellung als Hinweis auf die geringe Konzentration von Lobbyingaktivitäten und gut bezahlten Staatsdienern in der deutschen Hauptstadt interpretieren.

Schlecht regiert und verwaltet

Wenngleich Berlins Vergangenheit hilft zu erklären, weshalb die Hauptstadt keine so dominante Rolle einnimmt wie Paris oder London, dürften mangelhafte lokale Politik und Verwaltung maßgeblich für das schwache Wachstum seit der Wiedervereinigung sein. Berlin hat den Ruf, notorisch schlecht regiert zu werden – nicht erst seit dem Flughafendesaster. Auch die Verwaltung weist offensichtliche Mängel auf: Ein durchschnittlicher Verwaltungsmitarbeiter meldet im Jahr 35 Krankentage.

Berlin wird seit 2001 durchgehend von der SPD regiert. Empirisch wachsen von linken Parteien regierte Länder langsamer als von rechten Parteien regierte. Die Berliner Politik verhält sich auffallend inkompetent selbst in den Bereichen, die für Berlins Zukunft bedeutend sind: Innovative Start-Ups wie AirBNB, Uber oder CleverShuttle leiden unter der Besitzstandswahrungsmentalität der Berliner Kommunalpolitik; die durch reges Bevölkerungswachstum entstehende Mietproblematik wird durch die strenge Wohnungsmarktregulierung verschärft.

Ein zweites Bayern?

Berlins unglückliche Vergangenheit kann nicht ungeschehen gemacht werden. Wohl aber kann von Berlins Politikern erwartet werden, aus dem vorhandenen Potenzial das Beste zu machen. Bayern ging aus dem zweiten Weltkrieg als Agrarland mit einem unterentwickelten Dienstleistungssektor hervor. Dass es heute das reichste Flächenland ist, liegt – nicht ausschließlich, aber doch maßgeblich – an einer Politik, die dem Aufbau zukunftsträchtiger Industrien keine Hürden in den Weg stellte.

Eine Reform des Föderalismus könnte Wählern und Politikern die richtigen Anreize für eine politische Wende geben. Fiskalische Dezentralisierung, insbesondere die Abschaffung des Länderfinanzausgleichs, würde Berlins Pro-Kopf-Einkommen zwar zunächst weiter unter den Durchschnitt senken, könnte aber mittelfristig zu wachstumsfreundlicherer Politik führen. Auch ein Ausbau der Steuerkompetenzen auf Länderebene könnte Berlin helfen, aus seinem Potenzial als Kreativwirtschafts- und Start-Up-Stadt mehr zu machen.

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