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Europäisches Bankensystem: Weiterhin nicht robust

In seinem neusten Monatsbericht schätzt der Finanzstabilitätsrat (FSB) die Lage der Bankenwelt optimistisch ein und bewertet vergangene Rekapitalisierungsmaßnahmen positiv. Die Fakten sprechen eine andere Sprache: Riskante Anlageklassen, etwa im Derivatehandel, unterliegen weiterhin einer mangelnden Regulierung, Italiens Bankensystem steht kurz vorm Kollaps und die europäischen Stress-Tests taugen nur als PR-Maßnahme.

Zweckoptimistischer Finanzstabilitätsrat

Der Bankensektor ist wahrscheinlich der einzige Wirtschaftsbereich, der einer einheitlichen globalen Regulierung unterliegt – verantwortlich ist der wenig bekannte Finanzstabilitätsrat (Financial Stability Board, FSB). Ende August veröffentlichte der FSB einen optimistischen Bericht samt neunseitigem Anschreiben, gerichtet an die im chinesischen Hangzhou tagenden Repräsentanten der G20.

Der Bericht soll hervorheben, welche „Erfolge bis zum heutigen Tage bezüglich der Stärkung des globalen Finanzsystems errungen wurden“, so dessen Verfasser FSB-Vorsitzender Mark Carney. Schaut man sich das Papier genauer an, findet man allerdings wenig Anlass für diesen demonstrativen Optimismus.

So behauptet der FSB, das globale Finanzsystem habe kürzlich zwei „Schocks” überstanden. Mit dem ersten Schock sind die Marktturbulenzen im Februar gemeint – wir haben darüber detailliert berichtet. Der zweite „Schock“ soll das Brexit-Votum sein. Nun kann man sicher argumentieren, dass der Wahlausgang unerwartet kam. Abgesehen von der anhaltenden Schwäche des Pfund auf den Devisenmärkten hat die Abstimmung bisher aber keine merklichen Auswirkungen auf die Märkte gehabt – von einem „Schock“ des globalen Finanzsystems zu sprechen, scheint daher etwas hochgegriffen.

Derivatbesicherung fehlreguliert

Der FSB-Bericht enthält wenig Substanz. Insbesondere jene Bereiche des Bankengeschäfts, die bisher für die größten systemischen Risiken gesorgt haben – etwa im Derivatehandel – werden kaum erwähnt; einer Reform unterzogen wurden sie erst recht nicht. Ein Beispiel: Weiterhin Bestand hat die Praxis, in der Bilanzierung von Derivaten zukünftig zu erwartende Zahlungsströme als „Profite“ zu verzeichnen. Die Fähigkeit der jeweiligen Gegenseite zur Bedienung der Derivate und somit jene „Profite“ sind aber Marktschwankungen unterworfen. Diese Risiken werden zum Zeitpunkt des Abschlusses der Derivategeschäfte nicht mit Sicherheiten unterlegt, häufig auch über die Laufzeit nicht.

Der FSB ist der Ansicht, diesem Problem genügend Sorge getragen zu haben: Der neuen Regulierung zufolge ist die Besicherung durch zentrale Gegenseiten (Central Counterparties, CCPs) vorzunehmen. Doch CCPs ändern nichts an den problematischen Anreizstrukturen, die Anleger weiterhin dazu verleiten werden, Risikoexponiertheit via Derivate anzuhäufen – lediglich wird die Haftung von dem exponierten Unternehmen an die öffentlich finanzierten CCPs übertragen. Der FSB-Bericht spricht die Problematik sogar an und zählt die Messung und Quantifizierung der Risiken zu den zukünftig zu bewältigenden Aufgaben:

„Da CCPs ebenfalls systemrelevant sind, arbeiten der FSB (und andere supranationale Regulierungsbehörden) daran, deren Widerstandskraft gegenüber Schocks zu erhöhen, die beispielsweise durch den Bankrott einer Mitgliedsbank ausgelöst werden können.“

Italiens Bankensektor hochbelastet

Der FSB-Bericht kann über die bestehenden Probleme nicht hinwegtäuschen. Er steht im krassen Widerspruch zum unaufhörlichen Strom schlechter Nachrichten aus der Bankenwelt, insbesondere aus Europa.

Da wäre beispielsweise die systemische Fragilität der italienischen Banken, die weiterhin Schlagzeilen macht. Die Bank Monte die Paschi die Siena bereitet erneut Sorgen. Seit 2009 kam sie in den Genuss von zwei staatlichen Bailouts, über die letzten zwei Jahre kam es zu Kapitalspritzen durch Investoren im Wert von 8 Milliarden Euro. Nun wurde bekannt, dass die Bank plant, 28 Milliarden Euro an faulen Krediten abzustoßen. Ihre Investoren werden dazu weitere 5 Milliarden Euro Eigenkapital nachschießen müssen.

Ab einem gewissen Punkt wird sich die Einsicht verfestigen, dass manche Banken in solch einer desolaten Verfassung sind, dass die offensichtlichen Kosten weiterer Rekapitalisierungen nicht mehr aufgewogen werden können. Warum noch mehr Mittel für Monte Die Paschi bereitstellen? Die Rettungsfreudigkeit der italienischen Regierung lässt sich wohl nur erklären mit einer Mischung aus Nationalstolz und Angst vor der politischen Blamage, die dem Eingeständnis der Steuergeldverschwendung folgen würde. Möglicherweise zieht die Regierung es auch vor, die Gläubiger der Bank vor Verlusten zu schützen und sie so der Regierung wohlgesonnen zu stimmen, indem sie die Kosten des Fehlinvestments auf alle Steuerzahler verteilt.

Europäischer Stress-Test ohne Nutzen

Diesen Sommer wurde Kevin Dowds langerwartete neue Studie publiziert, eine scharfe Kritik an den Stress-Tests. Zwar liegt der Fokus seines Papiers auf dem Vereinigten Königreich, doch ein Großteil der Kritik trifft ebenso auf die europäischen Tests zu. Dowd zeigt auf, dass die Stress-Test-Praxis im Grunde nichts anderes als eine aufgebauschte PR-Maßnahme ist. Der sich offensichtlich in desolatem Zustand befindliche, überdehnte Bankensektor soll so als stabil und reformiert verkauft werden.

„Nichts ist abwegiger als die durch die Stress-Tests genährte Vorstellung, dass das Bankensystem stabil sei. Nicht nur sind die Stress-Tests unnütz, schlimmer als das: Sie verbreiten ein falsches Sicherheitsgefühl. Sie gaukeln uns vor, dass der britische Bankensektor stabil sei, obwohl er in Wirklichkeit hochgefährdet ist.“

Wie Dowd überdies zeigt, wäre jede einzelne britische Bank durch den gründlicheren Stress-Test der Federal Reserve Bank gefallen. Die Bank of England hat Dowds Kritik bisher ignoriert und bleibt bei ihrer Linie, wonach die Stress-Tests demonstriert hätten, dass die Rekapitalisierungsanstrengungen größtenteils erfolgreich waren. Das muss nicht verwundern: Der Vorsitzende der Bank of England, Mark Carney, steht zudem dem Finanzstabilitätsrat vor.

Bild: Rike / pixelio.de

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