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Fortschritt: ALG II Bezüge höher als Pro-Kopf-BIP 1972

Wann war das durchschnittliche reale Einkommen in Deutschland so hoch wie das derzeitige reale Einkommen eines Beziehers von ALG II? Die Antwort: 1972. In Euro von heute betrug das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf 1972 knapp 14.700 Euro. Auf etwas mehr — nämlich 14.800 Euro — belief sich 2014 das reale Einkommen alleinstehender ALG II Bezieher in Form von Geldtransfers, Unterkunft, Kranken- und Pflegeversicherung sowie anteiligen Konsumausgaben des Staates.

Das geflügelte Wort von immer reicheren Reichen und immer ärmeren Armen ist
zugleich weit verbreitet und weit davon entfernt, die globale Entwicklung der letzten Jahrzehnte treffend zu beschreiben. Zutreffend ist vielmehr: Die Reichen wurden reicher, die Armen auch. Das gilt auch für Deutschland. Ein Vergleich durchschnittlicher früherer Einkommen mit der derzeitigen Höhe staatlicher Unterstützung für die Einkommensschwächsten macht es deutlich.

Einkommen aus ALG II 2014: 1.238 Euro monatlich

Von staatlicher Grundsicherung können Arbeitssuchende (ALG II), Nichterwerbsfähige und bedürftige Personen über 65 Jahre profitieren. Stellvertretend wird hier das Einkommen für Alleinstehende durch ALG II — häufig als Hartz IV bezeichnet — betrachtet. 2014 setzte sich das ALG II Einkommen vornehmlich aus vier Teilen zusammen:

1. Die Transfers in Geld gemäß dem Regelsatz beliefen sich auf 391 Euro pro Monat.

2. Für Leistungen für Unterkunft und Heizung wurden Ein-Personen-Bedarfsgemeinschaften deutschlandweit durchschnittlich 288 Euro im Monat zur Verfügung gestellt.

3. Empfänger von ALG II sind kranken- und pflegeversichert. Die durchschnittlichen Kosten pro Versichertem in der gesetzlichen Krankenversicherung und der sozialen Pflegeversicherung beliefen sich 2014 auf insgesamt 273 Euro monatlich. Der Umfang der Mittel, die vom Träger der Grundsicherung monatlich an diese beiden Sozialversicherungen überwiesen werden, ist erheblich geringer. Um mit einer realistischen Einschätzung des Wertes der empfangenen Kranken- und Pflegeversicherungsleistungen zu arbeiten, wurden hier die durchschnittlichen Ausgaben pro Versichertem berücksichtigt. Denn zu den Leistungen hat jeder Versicherte zu gleichem Maße Zugang.

4. Wie alle anderen Mitglieder der Gesellschaft profitieren auch Bezieher von ALG II von den Konsumausgaben des Staates. Berücksichtigt wurden hier Ausgaben für: Allgemeine öffentliche Verwaltung, Verteidigung, Öffentliche Ordnung und Sicherheit, Wirtschaftliche Angelegenheiten, Umweltschutz, Wohnungswesen und kommunale Einrichtungen, Freizeitgestaltung, Sport, Kultur und Religion sowie Bildungswesen. Pro Einwohner betrugen diese Ausgaben 2014 monatlich 286 Euro.

Insgesamt kam ein alleinstehender ALG II Bezieher so 2014 auf ein Einkommen in Höhe von 1.238 Euro im Monat oder 14.856 Euro jährlich. Dieses Einkommen kann verglichen werden mit historischen Pro-Kopf-Einkommen, hier repräsentiert durch das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, das um die Inflation bereinigt wurde.

Einkommen aus ALG II höher als Durchschnittseinkommen 1972

Das Einkommen eines ALG II Empfängers fiel weniger als halb so hoch aus wie das durchschnittliche Einkommen 2014. Das heutige ALG II Einkommen ist halb so hoch wie das durchschnittliche Einkommen des Jahres 1999.

Das reale Einkommen eines ALG II Empfängers im Jahre 2014 lag 1972 zum ersten mal über dem Durchschnittseinkommen, welches 14.653 Euro betrug. In anderen Worten: Die Einkommensärmsten von heute sind etwas reicher als der Durchschnitt der Bevölkerung 1972.

Auch Arme werden immer reicher

Selbstredend mag man bedauern, dass wir bis ins Jahr 1972 zurückblicken müssen, um auf ein durchschnittliches Einkommen zu stoßen, das inflationsbereinigt unterhalb des Einkommens heutiger ALG II Bezieher liegt. Zugleich offenbart der Vergleich, dass die Ärmsten reicher geworden sind, nicht ärmer. Empfänger von ALG II haben heute Zugang zu mehr Gütern und Dienstleistungen als Durchschnittsbürger im Jahre 1972. Hält dieser Trend an, werden in einigen Jahrzehnten die Einkommensärmsten das Einkommen eines heutigen Durchschnittsverdieners genießen können.

Das hier ermittelte reale ALG II Einkommen in Höhe von 14.856 Euro ist als Untergrenze zu verstehen. Unberücksichtigt bleibt bei dem Vergleich, dass wir heute von einigen Gütern und Dienstleistungen profitieren, die es 1972 schlicht noch nicht gab. PCs, Mobiltelefone, das Internet, Airbags, Bankautomaten, DNA-Tests, minimalinvasive chirurgische Eingriffe oder die MRT sind erst durch den technologischen Fortschritt seit 1972 möglich geworden. Zugang zu diesen und weiteren Innovationen der letzten Jahrzehnte lassen das Einkommen heutiger ALG II Empfänger noch etwas weiter über das Durchschnittseinkommen von 1972 ansteigen. Ebenfalls unberücksichtigt bleiben hier Ermäßigungen für ALG II Bezieher in Form niedrigerer Preise für beispielsweise Strom, Telefon, öffentliche Verkehrsmittel, Theater- und Schwimmbadbesuche und den Wegfall von Gebühren wie dem Rundfunkbeitrag. Diese Vergünstigungen erhöhen das reale ALG II Einkommen weiter.

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Kommentar (2)

Krumme Rechnung?

24. Februar, 17:40 von uwe

Warum die Konsumausgaben des Staates dem Einkommen des ALG II Beziehers hinzugerechnet werden, nicht aber dem Durchschnittseinkommen von 1972 ist für mich nicht nachvollziehbar. Ansonsten eine sehr interessante Auswertung.

- Antwort -

Staatskonsum

24. Februar, 21:02 von Alexander Fink

Die Konsumausgaben des Staates fließen in die Berechnung des BIPs ein. Die Ausgaben des Staates sind Einkommen für diejenigen, die die entsprechenden Güter und Dienstleistungen (auch Arbeit) bereitstellen.

- Antwort -

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