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Freizeit: Ungleichheit langfristig deutlich gefallen
Besserverdiener arbeiten heute länger als Geringverdiener

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist die Einkommensungleichheit in entwickelten Ländern weitgehend konstant geblieben. Allerdings hat sich die Verteilung von Freizeit zwischen ärmeren und reicheren Mitglieder der Gesellschaft deutlich angeglichen. Während ein männlicher US-Amerikaner des unteren Einkommensfünftels in den 1890er Jahren 64,4 Stunden im Durchschnitt arbeitete, waren es nur 55,8 Stunden für einen Einkommensbezieher des obersten Fünftels. 2013 jedoch arbeiteten die oberen 20% länger als die unteren 20%, nämlich durchschnittlich 43 anstatt 37,5 Stunden. Die Angleichung der Arbeitszeiten von Beziehern höchster und niedrigster Einkommen sollte in Diskussionen über die Entwicklung der Einkommensverteilung über die Zeit nicht außer Acht gelassen werden. Nicht alle scheinbar gleichen Einkommensungleichheiten sind gleich.

Ungleichheit hat viele Facetten

Zweifelsohne bewegen die Themen Einkommens- und Vermögensungleichheit die Menschen. Ein Tunnelblick auf diese beiden Indikatoren ist jedoch nicht zu empfehlen.

Ungleichheit manifestiert sich auch in einer ungleichen Verteilung immaterieller Ressourcen wie Bildung, Lebenserwartung, Glücksempfinden, Mobilität und Arbeits- bzw. Freizeit, die nicht stets perfekt mit Einkommen und Vermögen korreliert sind.

Freizeit nimmt unter den immateriellen Faktoren eine besondere Rolle ein: Sie eignet sich als Maßstab dafür, wie viel Zeit Menschen auf all die Aktivitäten verwenden können, die sie wertschätzen und für deren Ausübung sie bereit sind, in Form entgangener Löhne indirekt zu zahlen. Rückschlüsse auf die langfristige Entwicklung von Freizeit können näherungsweise über die Entwicklung der Arbeitszeiten gezogen werden.

1890er: Lange Arbeitszeiten für Geringverdiener

Historische Daten zur Arbeitszeit von Individuen nach ihrer Position in der Einkommensverteilung sind rar. Für die Zeit um die vorletzte Jahrhundertwende stehen jedoch Daten aus den USA zur Verfügung. Für die 1890er Jahre analysierte Dora L. Costa Umfragen aus einigen Bundesstaaten, die insgesamt die tägliche Arbeitszeit von etwa 11000 Männern zwischen 25 und 64 in Erfahrung brachten.

Abgebildet sind in der untenstehenden Grafik jeweils die durchschnittlichen Wochenarbeitsstunden des obersten und untersten Einkommensfünftels. In den 1890ern arbeiteten Männer aus dem untersten Einkommensfünftel durchschnittlich 64,4 Stunden, während ein Mann der 20% Einkommensstärksten nur knapp 55,8 Stunden pro Woche bezahlter Arbeit nachging.*

Besserverdiener arbeiten heute länger als Geringverdiener

Jüngere Daten sind mit denen aus den 1890er Jahren nur begrenzt vergleichbar. Aber Daten für Männer zwischen 18 und 64 für Jahre ab 1975, die aus den Bevölkerungsbefragungen des Bureau of Labor Statistics stammen und vom epi-Institut in Lohnfünftel aufgeteilt wurden, verdeutlichen, dass sich das Blatt gewendet hat: Die Wochenarbeitszeit für das untere Fünftel belief sich 1975 auf 39,6 Wochenarbeitsstunden, während Top-Verdiener durchschnittlich 41,1 Stunden in der Woche arbeiteten. Sie waren länger tätig als die unteren 20%.

Bis zum Jahre 1988 fiel die Wochenarbeitszeit der Geringverdiener auf 37,4 Stunden, während die Arbeitszeit von Beziehern höchster Einkommen auf 42,6 Stunden pro Woche anstieg. Zwar nahm in den 1990ern die Wochenarbeitszeit beider Verdienstgruppen zu, seit der Jahrtausendwende schwenkt das Pendel aber wieder um. Arbeiteten im Jahr 2000 Geringverdiener 38,6 Stunden und Männer des oberen Fünftels 43,9 Stunden in der Woche, betrug dieser Wert 2013 für die unteren 20% 37,5 Stunden und für die oberen 20% 43 Wochenarbeitsstunden.

Die Arbeitszeiten glichen sich also über den Zeitraum von 120 Jahren nicht nur an, die Ungleichheit kehrte sich gar um. Anders als in den 1890er Jahren arbeiten die oberen 20% der Einkommensverteilung heute durchschnittlich länger als die unteren 20%.

Aufgrund der ständig gestiegenen Partizipationsrate am Arbeitsmarkt sind die Daten der weiblichen Bevölkerung nur eingeschränkt über einen langen Zeitraum vergleichbar. Allerdings zeigt Costa, die Daten von den 1890er Jahren bis 1991 betrachtet, dass der Trend für Frauen ähnlich dem der Männer verlief.

Mehr Freizeit durch technischen Fortschritt

Über die wöchentlichen Arbeitsstunden lässt sich nur die Zeit ableiten, in der Menschen keine entlohnte Arbeitsleistung erbringen. Hausarbeit bleibt so unberücksichtigt. Jedoch würde auch bei der vollständigen Berücksichtigung von Hausarbeit der Trend der Angleichung von wöchentlich zur Verfügung stehenden Stunden der Freizeit zu verzeichnen sein. Denn der technologische und zeiteinsparende Fortschritt in der Hauswirtschaft kam vor allem breiten Schichten der Bevölkerung zu Gute. Offensichtliche Beispiele dieses Fortschritts, der die Hausarbeitszeit verkürzte, sind die Verbreitung von Waschmaschinen, Staubsaugern und Geschirrspülmaschinen.

Unterschätzte Angleichung der Freizeit

Die Daten für die USA verdeutlichen, dass Arbeitszeit und Freizeit heute gleicher verteilt ist. War es am Ende des 19. Jahrhunderts für das untere Fünftel der Einkommensbezieher üblich, 64 Arbeitsstunden pro Woche zu verrichten, waren es etwa 120 Jahre später nur noch 37,5. Dabei arbeitet das obere Fünftel heute länger als das untere Fünftel. Bleiben diese Entwicklungen in Diskussionen über Gleichheit und Ungleichheit unberücksichtigt, bleibt das gezeichnete Bild unvollständig. Nicht alle scheinbar gleichen Einkommens- und Vermögensungleichheiten sind gleich.

 
 

* Dora Costas Arbeit verwendet die täglichen Arbeitszeiten aufgeteilt nach Gehaltszehnteln. Dazu werden die Stundenlöhne sortiert und in zehn gleich große Gruppen eingeteilt. Zur besseren Vergleichbarkeit mit jüngeren Daten rechneten wir die Daten jeweils zweier Zehntel zu einem Gehaltsfünftel um. Die Wochenarbeitsstunden errechneten wir, indem die täglichen Arbeitsstunden mit 6 Arbeitstagen pro Woche, einer üblichen Arbeitswoche in den 1890ern, multipliziert wurden.

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