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Marshallplan: Kein Allheilmittel

Erst kürzlich forderte Bundesentwicklungsminister Gerd Müller einen Marshallplan für Syrien nach dem Bürgerkrieg. Er scheint sich sicher zu sein, dass das gut angelegtes Geld wäre. Wirtschaftshistoriker und Ökonomen sind sich hingegen nicht sicher, ob der Marshallplan nach dem Zweiten Weltkrieg eine maßgebliche Rolle für den westeuropäischen Wiederaufbau spielte. Zwar kam es in den 1950 und 60ern zu einem Nachkriegsboom in Westeuropa, es ist allerdings noch immer fraglich, ob und in welchem Umfang die Marshallhilfen dazu beitrugen. Forderungen nach einem Marshallplan "für Syrien", "für Europa", "für Afrika" oder "für den Nahen Osten" sollten deshalb nicht leichtfertig formuliert werden.

Der Marshallplan: Motivation, Umfang, Ausgestaltung

Nach dem Zweiten Weltkrieg war ein Großteil der westeuropäischen Produktionskapazitäten zerstört. Die Produktion von Nahrungsmitteln und die Energieversorgung lagen brach, was sich besonders im strengen Winter 1946/1947 bemerkbar machte. Um Produktionskapazitäten aufzubauen und marktwirtschaftliche Strukturen zu etablieren, flossen zwischen 1948 und 1951 Marshallhilfen in Höhe von etwa 14 Milliarden Dollar von den USA an westeuropäische Staaten - etwa 2,5 % des durchschnittlichen BIP in diesen Jahren. Für die amerikanischen Einfuhren von Waren und Rohstoffen zahlten die Staaten Europas in ihren Landeswährungen in eigens eingerichtete Gegenwertfonds ein, die für die Kreditvergabe an Unternehmen in Europa genutzt wurden.

Wiederaufbau begann vor dem Marshallplan

Für einiges Aufsehen in der Wirtschaftshistorik sorgte Werner Abelshauser 1981 mit der Rekonstruktionsthese. Sie besagt, dass die westdeutsche Wirtschaft sich bereits vor dem Eintreffen erster Marshallplan-Zahlungen erholte. Durch den Zweiten Weltkrieg lag die Industrieproduktion 1946 nur bei etwa 34 % des Niveaus von 1936. Bereits Ende 1948 erholte sich die Industrieproduktion auf etwa 79 % des Niveaus von 1936, während die meisten Marshalllieferungen noch in Planung waren. Zudem bezweifelt Abelshauser die oft vorgebrachte ordnungspolitische Wirkung des Marshallplans, war doch Westeuropa nicht gezwungen US-amerikanischen Druck nachzugeben, sondern viel mehr die USA an westeuropäischen Verbündeten interessiert.

Borchardt und Buch: Baumwolle und Strom

Zu einem anderen Ergebnis kommen die Wirtschaftshistoriker Borchardt und Buchheim, die insbesondere den Baumwoll- und Stromsektor untersuchten. Aufgrund der zerstörten Produktionsstruktur waren die Textilpreise nach dem Zweiten Weltkrieg sehr hoch, was für Unmut innerhalb der Bevölkerung gesorgt habe. Als Ende 1948 erste Baumwolllieferungen im Zuge des Marshallplans in Westdeutschland eintrafen, sanken die Textilpreise. Ludwig Erhard habe durch die Preissenkung den notwendigen Rückhalt für seine marktwirtschaftliche Agenda gefunden.

Außerdem soll der Marshallplan Wirkung durch die indirekte Bereitstellung öffentlicher Gegenwertmittel erzielt haben. Zwischen 1948 und 1952 seien so 70 % des Kapazitätsausbaus in der Stromerzeugung finanziert worden, der maßgeblich zum Wiederaufschwung der westdeutschen Wirtschaft beigetragen habe.

Marshallplan als Voraussetzung für die europäische Arbeitsteilung

Berger und Ritschl betonen, wie wichtig es war, dass die Marshallplan-Lieferungen anfänglich leere deutsche Rohstofflager auffüllten. Zwar verzeichnete die Bundesrepublik dadurch 1950 und 1951 Importüberschüsse, dies sei aber in Erwartung künftiger Exportchancen geschehen. Der Marshallplan stellte laut den Ökonomen eine Erstaustattung für die BRD bereit, die notwendig für die Reintegration der westdeutschen Wirtschaft in den europäischen Handel war.

Die ab 1952 auftretenden deutschen Exportüberschüsse hätten zur notwendigen Kapitalausstattung Europas beigetragen, wodurch das Prinzip des freien grenzüberschreitenden Handels in Europa gestärkt und der amerikanische Steuerzahler von weiteren Hilfen entlastet werden konnte. Zudem hätten die USA durch den Marshallplan Institutionen wie die Europäische Zahlungsunion aufgebaut, die europäische Kooperationsprobleme der Nachkriegszeit linderten.

Direkte Effekte bescheiden, indirekte Wirkung größer

Nach der Auflösung des Ostblocks wurden Stimmen laut, die einen Marshallplan für die produktionsschwachen osteuropäischen Staaten forderten. Der Ökonom Barry Eichengreen nahm dies zum Anlass, die Wirkung des ursprünglichen Marshallplans näher zu untersuchen. Er kam zu dem Ergebnis, dass die Marshallhilfen nur einen relativ schwachen direkten Effekt auf Investitionen, Importe und die Infrastruktur hatten. Indirekt hätten die akuten Marshallhilfen jedoch eine spätere Liberalisierung des Handels legitimiert, indem sie die Konsumgüterknappheit der Nachkriegszeit und die Angst vor einem finanziellen Chaos gelindert hätten. Sie trugen so dazu bei, die europäischen Ökonomien zu „Mischwirtschaften“ mit mehr Markt und weniger staatlicher Einflussnahme werden zu lassen, so Eichengreen und De Long in einem Papier von 1991.

Die direkten Effekte des Marshallplans werden auch in einer jüngeren Arbeit von 2011 für bescheiden gehalten. Die indirekten Effekte durch angestoßene Politikveränderungen wären dagegen wesentlich größer. Die Marshallhilfen könnten demnach als strukturelles Anpassungsprogramm verstanden werden, dass Hilfen nur gegen wirtschaftspolitische Reformen gewährt hätte.

Die Mythen des Marshallplans

Harte Kritik am Marshallplan übt Tyler Cowen. Erstens hätten die Hilfen keine signifikante Rolle für das Wirtschaftswunder der1950er gespielt, da sie höchstens vergleichsweise geringe 5 % des Bruttonationalprodukts betrugen. Zudem trifft laut Cowen nicht zu, dass die Hilfen der Marktwirtschaft zuträglich waren, da sie gerade in Frankreich einen starken Staatsinterventionismus begünstigt hätten.

Die Marshallmittel hätten auch nicht indirekt amerikanisches Wirtschaftswachstum begünstigt, weil ihre Finanzierung durch Steuern zuvor die US-Wirtschaft belastet habe. Während der Wirkungszeit des Marshallplans waren nur 55% der US Importe zollfrei, was laut Autor ein Indiz dafür ist, dass der Plan nicht dem internationalen Freihandel auf die Sprünge geholfen haben kann.

Marshallplan: Gewiss keine Patentlösung

Zwar kommen die meisten der hier vorgestellten Arbeiten zu dem Schluss, dass der Marshallplan positive Effekte auf die westeuropäischen Ökonomien hatte, ob durch Transfers oder viel mehr durch den Einfluss auf gesellschaftliche Organisationsformen ist jedoch unklar. Unabhängig davon, für wie erfolgreich man den Marshallplan als Entwicklungshilfe einschätzt, scheint es außer Frage zu stehen, dass die bereits in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts erlangte wirtschaftliche Entwicklung und die Vertrautheit mit demokratischen Strukturen dazu beigetragen haben, dass der Marshallplan nicht weniger erfolgreich war.

Die Situation mag in gegenwärtigen Krisengebieten diesbezüglich weniger aussichtsreich sein. Einen Hinweis darauf, dass Initiativen wie der Marshallplan für Empfängerländer alles andere als Selbstläufer sind, geben auch die Entwicklungshilfebemühungen der vergangenen 60 Jahre. Die empirische Literatur zum Zusammenhang zwischen erhaltener Entwicklungshilfe und Wachstum ist ernüchternd.

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Kommentar (1)

Zeitgenössische Beurteilung des Marshallplans

25. Februar, 22:33 von Michael von Prollius

Eine lesenswerte Einschätzung des Marshallplans in Buchform hat ein berühmter Publizist angefertigt, der in einer Passage einen berühmten Ökonomen zitierte:

“… Wenn ich Einfluss im amerikanischen Finanzministerium besäße, würde ich keiner einzigen der gegenwärtigen Regierungen Europas auch nur einen Cent leihen. Ihnen darf man keine Mittel anvertrauen, die sie nur zur Durchsetzung von politischen Strategien verwenden würden, in deren Verachtung sich (obwohl es dem Präsidenten in Paris nicht gelungen ist, die Macht oder die Ideale des amerikanischen Volkes durchzusetzen) Republikaner und Demokraten wohl einig sind.”
Das sind nicht die Worte von irgendeinem amerikanischen “Isolationisten” im Jahr 1947. Es handelt sich um die Worte des einflussreichsten britischen Ökonomen der letzten Generation. Sie wurden 1919 von John Maynard Keynes geschrieben in “The Economic Consequences of the Peace” (Seiten 283-5). Sie treffen mit verblüffender Genauigkeit auf die heutigen Bedingungen zu.

Die Rede ist von Henry Hazlitt und seinem kleinen Buch "Will Dollars save the world?" (hier 29f.). Darin analysiert er aus amerikanischer Perspektive den Marshallplan - und lehnt ihn aus ökonomischen und politischen Gründen ab.

- Antwort -

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