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Neue Bilanzierungsvorschrift IFRS 9 unter Beschuss

Eine neue Bilanzierungsvorschrift – der sogenannte IFRS 9-Standard – sorgt für Diskussionen innerhalb der Finanzbranche. IFRS 9 führt – wie auch sein Vorgänger IAS 39 – nicht nur zu skurrilen Effekten auf den europäischen Finanzmärkten. Kritiker meinen, dass IFRS 9 zudem gegen geltendes Europäisches Recht verstoße, weil er nicht sicherstellt, dass die Berichterstattung von Unternehmen ihre tatsächliche finanzielle Situation widerspiegelt. So bietet er Banken zu viel Spielraum im Umgang mit notleidenden Krediten. Die Europäische Union wäre gut beraten, von dieser Bilanzierungsvorschrift die Finger zu lassen.

Bankenstresstests bedenklich

Die Europäische Kommission räumt ein, dass gemäß EU-Recht die Bücher eines Unternehmens ein den "tatsächlichen Verhältnissen entsprechendes Bild " zeichnen müssen. Mit Hilfe von Angaben über Vermögenswerte, Schulden, Finanzpositionen und Gewinn oder Verlust soll die finanzielle Situation von Unternehmen, einschließlich Banken, eingeschätzt werden können. Das ermöglichen die neuen IFRS- Bilanzierungsvorschriften jedoch nicht. Stattdessen sind Bankenstresstests nötig, um die finanzielle Situation von Banken zu evaluieren.

Zentralbanken vertrauen auf Stresstests von großen Banken als primäres Instrument, um den Zustand des Bankensystems bewerten zu können. In der Vergangenheit wurden Bedenken wegen der Tendenz zu eher positiven Ergebnissen, der Methodik, der Wahl hypothetischer ökonomischer Negativszenarien sowie der Bestanden- und Durchfallquote dieser Tests geäußert. Der aber vielleicht am meisten unterschätzte Aspekt betrifft die verwendeten Daten, nämlich die aus den Büchern der Banken stammenden Informationen.

Neuer Bilanzierungsstandard IFRS 9

Zwei aktuelle Nachrichten verdeutlichen die Kontroverse um die vorgeschlagene europaweite Änderung der Bilanzierungsvorschriften. Hintergrund ist die Umsetzung eines umstrittenen neuen Bilanzierungsstandards ? genannt IFRS 9. Die Tragweite dieser neuen Bilanzierungsvorschriften scheint noch nicht weitläufig bekannt zu sein. Nur wenige Fachmedien griffen das Thema auf.

Die Nachrichten entstammen:

1) Einer Antwort des EU-Kommissars für Finanzstabilität, Lord Hill, auf eine schriftliche Anfrage, die ein britischer EU-Abgeordneter kürzlich erhielt. Mehr dazu weiter unten.

2) Einer Antwort von EZB-Präsident Draghi auf ein Schreiben des Ausschussvorsitzenden des Europäischen Parlaments für Wirtschaft und Währung (ECON), in welchem dieser Bedenken zum Ausdruck bringt, dass IFRS 9 sich negativ auf die Stabilität großer Banken auswirken könnte. Draghi erachtet diese Bedenken als begründet. Er verspricht zu prüfen, ob die "Auswirkungen der Bilanzierung zum Fair Value" die Vertrauenswürdigkeit der Bewertung beispielsweise von angeschlagenen Kreditportfolios schwächen. Draghi erwartet, dass er dem ECON-Ausschuss im Laufe des Jahres 2017 wird detaillierter berichten können.

IFRS 9-Regelung in der Kontroverse

Nachweislich gibt es Spannungen zwischen zwei Gruppen von Mitgliedern des ECON-Ausschusses. Ein kürzlich veröffentlichter Bericht des Berichterstatters des Ausschusses Theodor Stolojan ? ehemaliger rumänischer Premierminister und nun Mitglied des Europäischen Parlaments ? scheint die Bedenken über die Bilanzierungsvorschriften sowie die Kritik an der Führung des Standardsetzers, der privaten IFRS-Stiftung, herunterzuspielen:

"Das International Accounting Standards Board (IASB) mit Sitz in London ist dabei, eine Reihe von weltweit gültigen Rechnungslegungsstandards hoher Qualität zu entwickeln und so eine gemeinsame Sprache für die globale Finanzberichterstattung zu schaffen. Der Berichterstatter anerkennt die Bedeutung dieser weltweit gültigen Standards, um den Wettbewerb zu verbessern und auf globaler Ebene Investitionsbarrieren zu beseitigen. "

Kritik an Bilanzierungsvorschriften

Der bekannte IFRS-Skeptiker, der deutsche Europaabgeordnete Sven Giegold von den Grünen, bat um Kommentierung des Berichts. Diese Bitte nahm der Vorsitzende eines der wichtigsten Pensionskassen für den öffentlichen Sektor Großbritanniens, dem Local Authority Pension Fund Forum (LAPFF), bereitwillig auf. Kürzlich kritisierte die Organisation die IFRS- Bilanzierungsvorschriften und auch die Governance-Strukturen der IFRS-Stiftung. Zusammen mit dem Pensions Investment Research Council, einem bekannten Vertreter britischer Aktionäre, führte LAPFF Kritik sowohl gegen IFRS 9 aber auch gegen den ersetzen Standard IAS 39 ins Feld. Die Probleme des alten Standards IAS 39 sind gut dokumentiert. Die bekanntesten waren:

1) Er wurde von Banken im Wesentlichen dazu genutzt, ihre Rücklagen für Verluste aus Kreditgeschäften zu reduzieren. Ausgewählte Klauseln und Beispiele des Standards wurden als Rechtfertigung erachtet, Rücklagen nur zu bilden, wenn tatsächliche Anhaltspunkte für die Gefährdung von Krediten, wie eine verpasste Zahlung, vorlagen. Dies führte zu nicht ausreichenden Rücklagen für zukünftige Kreditausfälle.

2) Der Standard wurde auch dahingehend interpretiert, dass Banken ihre eigenen Verbindlichkeiten zum Marktwert zu bilanzieren haben. Dies führte bei Zeiten zum bizarren Ergebnis, dass Banken Gewinne auswiesen, wenn Marktteilnehmer bankeigene Anleihen verkauften, weil das Vertrauen in die Bonität der Bank fiel.

IFRS 9 ordnet nun die Buchung von innerhalb von zwölf Monaten erwarteten Verlusten aus Kreditgeschäften an. Diese Regelung ist hilfreicher als die des IAS 39. Allerdings hatten sich Banken in der Regel bereits zuvor dafür entschieden, innerhalb Jahresfrist erwartete Verluste zu berücksichtigen, weil dies eine Bestimmung der Basler Kapitalvorschriften ist. Kritiker von IFRS 9 weisen darauf hin, dass durch das Ignorieren von nach über 12 Monaten erwarteten Verlusten Vermögen und Kapital einer Bank immer noch überbewertet werden.

IFRS 9-Regelung nicht im Einklang mit EU-Recht

Gemäß LAPFF und der Auffassung von George Bompas QC, einem stellvertretenden Richter des High Court in Großbritannien, sind die Auswirkungen dieser und anderer Mängel von IFRS sehr bedeutsam für die Banken. In einer Stellungnahme aus dem Dezember heißt es:

"Es ist schwierig, zu behaupten, dass Bücher, welche keine klare Bestimmung ermöglichen, was unter Bezugnahme von in ihnen angegebenen Beträgen für die Verteilung an Gläubiger existiert oder nicht, ein den tatsächlichen Verhältnissen entsprechendes Bild der Vermögenswerte und Verbindlichkeiten, der Finanzlage und der Gewinne oder Verluste des Unternehmens geben können."

Zurück zur ersten Nachricht. Der genannte britische Abgeordnete ist Syed Kamall. Er erhielt kürzlich eine schriftliche Bestätigung von Kommissar Lord Hill, dass das Setzen von Rechnungslegungsgrundsätzen EU-Recht respektieren muss. Demnach müssen Bilanzen Gläubigern ein den "tatsächlichen Verhältnissen entsprechendes Bild" der "Vermögens-, Finanz- und Ertragslage sowie des Verlusts" von Unternehmen bieten.

Ratifizierung von IFRS 9 missachtet Kritik

Die Europäische Union ratifiziert derzeit IFRS 9, basierend auf den Empfehlungen der European Financial Reporting Advisory Group (EFRAG). Die EFRAG scheint bisher nicht akzeptiert zu haben, dass die rechtliche Einschränkung eines den „tatsächlichen Verhältnissen entsprechendes Bild " auch für die spezifischen Bilanzzahlen nach IFRS-Standards gelten muss. Darüber hinaus beachtet die EFRAG die Forderung des EU-Rechts nicht, nachdem der primäre Zweck der Rechnungslegung die Beurteilung der Solvenz eines Unternehmens ist.

Mit Bezug auf das Schreiben von Kommissar Lord Hill an Syed Kamall, schrieb der LAPFF dem Kommissar selbst und drängte auf die Aussetzung von IFRS9. Ihr Brief macht deutlich, was auf dem Spiel steht:

"Wir können gar nicht überspitzen, wie ernst die Konsequenzen einer fehlerhaften Rechnungslegung sind ... sie ermöglicht wertvernichtenden Geschäftsmodellen, als profitabel durchzugehen, während sie in Wahrheit heimlich Kapital aufzehren."

Bild: RainerSturm / pixelio.de

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