Institute for Research in Economic and Fiscal issues

IREF Europe - Institute for Research in Economic and Fiscal issues

Für wirtschaftliche Freiheit
und Steuerwettbewerb


von ,

Niedriglohnsektor: Längere Arbeitszeiten bei niedrigeren Löhnen?
Auch im Niedriglohnsektor: Vielarbeiter beziehen relativ hohe Löhne

Investmentbanker, Unternehmensberater, Manager und Politiker haben zweierlei gemein: Lange Arbeitszeiten und hohe Einkommen. Insgesamt gilt für vollbeschäftigte Angestellte in Deutschland: Je höher der Stundenlohn, desto länger sind tendenziell die Arbeitszeiten, nicht kürzer. Angesichts der insbesondere im Vorfeld der Einführung des Mindestlohns geführten Debatte über Erwerbsarmut könnte man den Eindruck gewinnen, dass im Niedriglohnsektor das Gegenteil zutrifft. Arbeiteten Angestellte im Niedriglohnsektor vor der Einführung des Mindestlohns umso länger, je niedriger ihr Lohn ausfiel? Nein. Auch im Niedriglohnsektor galt: Je höher der Lohn, desto länger die durchschnittliche Arbeitszeit.

Je niedriger der Lohn, desto länger die Arbeitszeit?

Seit Januar dieses Jahres kommt in Deutschland ein flächendeckender Mindestlohn von 8,50 Euro zur Anwendung. Vor seiner Einführung wurde die missliche Situation von Menschen mit relativ niedrigen Einkommen intensiv diskutiert. Ein Wochenbericht des DIW aus dem Jahre 2012 lässt jedoch nicht den Schluss zu, dass insbesondere die Schlechtverdiener im Niedriglohnsektor 2010 längere Arbeitszeiten aufwiesen, um ihre niedrigen Stundenlöhne zu kompensieren.

Der Wochenbericht des DIW zum Thema Niedriglohnsektor trägt den Titel "Geringe Stundenlöhne, lange Arbeitszeiten" und weist auf die relativ langen durchschnittlichen Arbeitszeiten im Niedriglohnsektor hin. Nicht explizit hingewiesen wird allerdings darauf, dass es im Jahr 2010 auch im Niedriglohnsektor die Arbeitnehmer mit relativ hohen Löhnen waren, die am meisten arbeiteten. Die Arbeitnehmer mit den geringsten Stundenlöhnen arbeiteten am kürzesten.

Auch im Niedriglohnsektor: Je höher der Lohn, desto länger die Arbeitszeit

Der DIW Wochenbericht zeigt, dass die durchschnittliche Wochenarbeitszeit im Niedriglohnsektor mit knapp 45 Stunden höher war als im übrigen Lohnsektor, in dem sie bei 42,8 Stunden lag. Als niedriger Lohn wurden Bruttostundenlöhne eingestuft, die nicht höher waren als zwei Drittel des Medianlohns. 2010 lag die Grenze bei 9,25 Euro pro Stunde.

Die aus dem Sozio-ökonomischen Panel stammenden Daten machen jedoch auch deutlich, dass für die relativ lange durchschnittliche Arbeitszeit der Arbeitnehmer im Niedriglohnsektor die Besserverdiener der Niedrigverdiener verantwortlich waren.

Wie die obige Grafik verdeutlicht, stiegen mit den durchschnittlichen Stundenlöhnen der Einkommensgruppen auch die wöchentlichen Arbeitszeiten. Während Arbeitnehmer im Niedriglohnsektor mit durchschnittlichem Monatseinkommen von 1.100 Euro und durchschnittlichen Stundenlöhnen von 6,7 Euro etwa 41 Stunden wöchentlich arbeiteten, brachten es Arbeitnehmer im Niedriglohnsektor mit einem Einkommen von durchschnittlich 2.000 Euro bei einem Stundenlohn von 8,9 Euro auf etwa 56 Stunden pro Woche. Die Berechnung der Stundenlöhne stammt von uns und erfolgte unter der Annahme von vier Arbeitswochen pro Monat und einem durchschnittlichen Einkommen in jeder Gruppe in Höhe der Hälfte der jeweiligen Einkommensspanne. Die übrigen Zahlen stammen vom DIW.

Ohne die Besserverdiener unter den Niedrigverdienern wäre die durchschnittliche Arbeitszeit im Niedriglohnsektor niedriger als im übrigen Lohnsektor gewesen. Erst die Arbeitnehmer im Niedriglohnsektor mit Einkommen zwischen 1.600 und 1.799 Euro und einem Stundenlohn von 8,9 Euro arbeiteten mit etwa 48 Stunden mehr als die Arbeitnehmer im übrigen Lohnsektor, die durchschnittlich 42,8 Stunden arbeiteten.

Sorge um lange Arbeitszeiten fehl am Platz

Vor Einführung des Mindestlohns hat die Situation auf den Arbeitsmärkten im Niedriglohnsektor keineswegs dazu geführt, dass die pro Stunde am schlechtesten Entlohnten immer mehr arbeiteten, um ihren Lebensunterhalt überhaupt sichern zu können. Die Daten des DIW offenbaren, dass es nicht möglicherweise besonders schutzbedürftige Schlechtverdiener unter den Niedrigverdienern waren, die lange Arbeitszeiten hatten, sondern Arbeitnehmer, deren Bruttolöhne 2010 im Durchschnitt bereits höher war als der heutige Mindestlohn.

Ein möglicher - wenig überraschender - Schluss: Arbeitnehmer im Niedriglohnsektor verhalten sich wie die Gesamtheit der Arbeitnehmer. Je höher der Lohn, desto höher ist die Bereitschaft, zusätzliche Arbeitsstunden auf sich zu nehmen.

Diesen Artikel teilen :

Ähnliche Artikel ...

Veranstaltung: Steuer-Perspektiven am 29. November in Berlin gemeinsam mit Prometheus

Steuersenkung: Die Zeit ist reif


Call for research proposals

Staatsbeteiligungen: Verschwenderisch und dennoch geschätzt



Eine Nachricht oder einen Kommentar hinterlassen?

Formular anzeigen

 css js

Mit der Nutzung unserer Webseite erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden.
S C H L I E ß E N

Monatlicher Newsletter.
Bleiben Sie stets informiert.