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Partnerwahl und Ungleichheit

Ungleichheit ist derzeit in aller Munde. Erst jüngst erregte der Präsident des DIW, Marcel Fratzscher, Aufmerksamkeit mit der Aussage, dass Deutschland eines der ungleichsten Länder der Welt sei. Das ist fraglich, aber unstrittig ist, dass Faktoren, die die Einkommensverteilung beeinflussen, wissenschaftliche Aufmerksamkeit verdienen. Dabei ist Ungleichheit als Resultat des Zusammenspiels von für Individuen exogene Faktoren und individueller Entscheidungen per se weder gut noch schlecht. Neben vielen weiteren Aspekten hat die Entscheidung bezüglich eines Partners potentiell Einfluss auf den Grad der Ungleichverteilung von Haushaltseinkommen. So gibt es in den USA heute deutlich mehr bildungshomogene Partnerschaften als noch vor einigen Jahrzehnten. Ohne diesen Wandel wäre die Einkommensungleichheit zwischen Haushalten in den USA wesentlich weniger stark ausgeprägt. In Deutschland hingegen war der Trend, bildungshomogene Partnerschaften einzugehen, in den vergangenen Jahrzehnten schwächer und es gibt bisher keine empirischen Hinweise auf einen durch ihn herbeigeführten Anstieg der Einkommensungleichheit.

USA: Assortative Mating erhöht Einkommensungleichheit

Zum sogenannten Assortative Mating kommt es, wenn Menschen, deren Eigenschaften sich zum Beispiel in Bezug auf Herkunft, Bildung, Einkommen, Attraktivität oder Interessen ähneln, Partnerschaften schließen. Für die USA gibt es Hinweise darauf, dass es in den vergangenen sechs Jahrzehnten verstärkt zu Assortative Mating hinsichtlich der Bildung von Partnern gekommen ist. Ehen, in denen beide Partner einen Collegeabschluss oder beide keinen Collegeabschluss haben, sind häufiger geworden. Gab es im Jahr 1960 noch 8 % mehr bildungsgleiche Ehen im Vergleich zu der Situation, in der Partner zufällig einander zugeteilt werden, waren es 2005 schon 43 %. Der Anteil von Ehen, in denen beide Partner einen Collegeabschluss haben, stieg zum Beispiel von 1960 bis 2005 von 4,1 % auf 23,7 %. Wäre der Grad des Assortative Mating zwischen 1960 und 2005 konstant geblieben, hätte im Jahr 2005 der GINI für die USA gemäß des Ökonomen Jeremy Greenwood und seiner Koautoren statt bei 0,43 nur bei 0,34 gelegen.

Für die USA bestätigen die Soziologen Christine Schwartz und Robert Mare in einem Papier von 2003 indirekt den Trend zu mehr Assortative Mating. Zudem schätzt Christine Schwartz in einem Papier von 2010, dass zwischen 1967 und 2005 der Anstieg der Einkommensungleichheit zwischen verheirateten Paaren ohne Zunahme des Assortative Mating um 25 bis 30 % geringer ausgefallen wäre.

BRD: Erhebliche Zunahme homogener Ehen oder ...

Arbeiten zum Thema Assortative Mating in Deutschland sind rar gesät. So findet sich ein vom Wirtschaftsweisen Christoph Schmidt mitverfasster Aufsatz aus dem Jahre 2012, der einen Anstieg bildungshomogener Partnerschaften zwischen 1976 und 2005 feststellt. Beispielsweise lag 1976 der Anteil bildungshomogener westdeutscher Ehen mit einer Ehefrau zwischen 18 und 40 Jahren noch bei 56 %. 2005 waren es 65 %. Für Ostdeutschland finden sich Daten ab 1991: Bis 2005 stieg der Anteil bildungsähnlicher Partnerschaften mit einer Frau zwischen 18 und 40 Jahren hier von 69 % auf 72 %.

Ein gemessener Anstieg bildungshomogener Paare muss nicht unbedingt nur aus einer stärkeren Neigung zum Assortative Mating resultieren. Auch die Ausweitung und Angleichung der Bildungsbeteiligung von Frauen mag dazu beigetragen haben, dass es für Männer mit Universitätsabschluss wahrscheinlicher geworden ist, eine ähnlich gebildete Frau zu heiraten. Neben einer wachsenden Neigung zur bildungshomogamen Partnerwahl ist dies laut den Autoren eine zweite plausible Erklärung für den Anstieg bildungshomogener Ehen in Ostdeutschland. Der Anstieg westdeutscher bildungshomogener Ehen mit einer Ehefrau zwischen 18 und 60 geht jedoch ausschließlich auf eine stärkere Vorliebe für gleichgebildete Partner zurück, so Schmidt und seine Koautorin.

... Anteil bildungsähnlicher Ehen weitgehend konstant

Ein etwas anderes Bild für Deutschland zeichnen Martin Spitzenpfeil und Hans-Jürgen Andreß in einem Aufsatz von 2014. Sie unterteilen die Bildungsabschlüsse in drei Kategorien: Während Personen mit einer Universitäts-, Fachhochschul- oder Beamtenausbildung ihrer Definition gemäß eine hohe Bildung aufweisen, zeugt das Abitur oder eine abgeschlossene andere Ausbildung von mittlerer Bildung. Keinen oder einen Haupt- oder Realschulabschluss definieren die Autoren als niedrige Bildung. Während der Bevölkerungsanteil hoher bildungshomogener Paarhaushalte zwischen 1985 und 2011 um 4,07 % stieg, nahm der Anteil homogener niedrig gebildeter Haushalte in diesem Zeitraum um 5,06 % ab. Die Autoren schlussfolgern, dass insgesamt der Anteil bildungsähnlicher Partnerschaften bei einem Anstieg von nur 1,04 % auf 43,65 % über 26 Jahre weitgehend konstant blieb.

Des Weiteren finden sie Hinweise dafür, dass der Zuwachs hochgebildeter homogener Paare die Einkommensungleichheit erhöhte, während der relative Rückgang von Paaren mit vergleichsweise geringer Bildung die Einkommensungleichheit verringerte. Insgesamt sei somit kein maßgeblicher Effekt des etwas häufigeren Assortative Mating auf die Einkommensungleichheit festzustellen.

BRD: konzentriertere Verteilung von Abschlüssen ...

Es mag verschiedene Erklärungen dafür geben, dass zum einen Assortative Mating in den letzten Jahrzehnten in Deutschland weniger stark zunahm als in den USA und zum anderen die Auswirkungen der Zunahme homogener Partnerschaften auf die Einkommensungleichheit in Deutschland schwächer sind.

Womöglich unterscheiden sich in Deutschland Personen verschiedener Bildungsniveaus weniger stark bezüglich ihrer übrigen Eigenschaften als in den USA. Ein Indiz dafür ist die im Vergleich zu den USA in Deutschland stärker konzentrierte Verteilung der Bildungsabschlüsse. So haben fast 60% aller Deutschen eine mittlere Ausbildung in Form des Abiturs oder einer Ausbildung, während es in den USA nur 45% der Erwachsenen sind. Unterscheiden sich beispielsweise Abiturienten, die sich für eine Berufsausbildung entscheiden und Abiturienten, die sich für ein Studium entscheiden, bezüglich anderer Eigenschaften weniger stark als Personen mit oder ohne College Abschluss in den USA, mag daraus weniger Assortative Mating in Deutschland resultieren.

... und geringere bildungsabhängige Einkommensunterschiede

Ferner sind die Einkommensunterschiede zwischen den verschiedenen Bildungsgruppen in Deutschland nicht so erheblich wie in den USA. Daten zu Lohnunterschieden von hoch und niedrig Gebildeten stellt die OECD für 2012 zur Verfügung. Demnach verdient in Deutschland beispielsweise eine Person mit Universitätsabschluss im Durchschnitt gut doppelt so viel wie eine Person, die weder Abitur noch Ausbildung vorweisen kann. In den USA ist die Spreizung wesentlich größer: Personen mit hohem Bildungsabschluss verdienen 2,8-mal so viel wie Personen mit relativ niedrigem Bildungsstand. Kommt es in Deutschland zu Assortative Mating, führen die geringeren bildungsabhängigen Einkommensunterschiede zu einem schwächeren Anstieg der Einkommensungleichheit als in den USA.

Niemand hat die Absicht, freie Partnerwahl zu unterbinden

Der (relativ schwache) Anstieg des Assortative Mating mag auch in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten zu einer höheren Einkommensungleichheit zwischen Haushalten beigetragen haben. Anders als für die USA gibt es bisher allerdings keine empirischen Hinweise darauf. Allerdings wäre zweifelsohne die Einkommensungleichheit zwischen Haushalten diesseits und jenseits des Atlantiks allerdings geringer, wenn Partnerschaften zufällig geschlossen würden. Glücklicherweise sind gar die am stärksten für eine Angleichung von Einkommen und Vermögen Einstehenden nicht dazu bereit, die freie individuelle Partnerwahl zu unterbinden.

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