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Schwaches Pfund, starke Zentralbanken

Nach dem Brexit bleibt das britische Pfund schwach. Zwar erholten sich die amerikanischen Börsenkurse schnell, doch in Europa stellen sich Investoren auf erhöhte Unsicherheit ein. Um eine neue Krise zu verhindern, demonstrieren die Zentralbanken Einigkeit und beteuern die Märkte weiterhin zu stützen. Für die schottische Unabhängigkeitskampagne stellt sich erneut die Frage, ob und wie ein unabhängiges Schottland im Pfund verbleiben könnte.

Schwaches Pfund, wachsende Unsicherheit

Die Reaktion der Finanzmärkte auf den Brexit wurde in den Medien lang und breit diskutiert. Nachdem die Aktienkurse zunächst deutlich fielen, erholten sich die Börsen weltweit schnell wieder. Zwar herrschte Konsens bezüglich der Ansicht, dass der Brexit zu erhöhter Unsicherheit führen würde – nicht nur für britische, sondern auch für europäische Unternehmen. Doch binnen einer Woche erreichten die meisten Kurse ihr Pre-Brexit-Niveau wieder. Nur im Devisenmarkt hält die Flaute an: Der Pfund Sterling bleibt schwach und notiert mittlerweile für 1,31 US-Dollar. Am Tag des Brexit-Referendums waren es noch 1,48 US-Dollar.

Der Kurssturz des Pfunds hat das Vertrauen in den stark fremdkapitalfinanzierten britischen Immobilienmarkt beeinträchtigt. Nachdem einige Investoren ihren Rückzug aus gewerblichen Immobilienfonds angekündigt hatten, setzte die Versicherungsgruppe Standard Life Investments den Handel mit einem 2,9 Milliarden Pfund schweren Immobilienfond aus. Die Versicherungskonzerne Aviva und M&G’s zogen nach und schlossen ihre jeweiligen Fonds und sorgten für weitere schlechte Nachrichten. Fonds-Investments gelten als hochliquide. Sollten die Aussetzungen nicht bald rückgängig gemacht werden, könnte es zu einem Run auf andere Immobilieninvestments kommen.

Investoren vermeiden Risiken

Das britische Pfund bleibt schwach, doch warum konnten sich die anderen Märkte wieder erholen? Am 24. Juni erlebten die US-Aktienkurse ihren größten Tagessturz seit zehn Monaten. Der Euro Stoxx 600 verlor innerhalb von zwei Handelstagen 10% an Wert. Doch binnen zwei Wochen hat sich der Dow Jones Industrial Average mehr als erholt, während die europäischen Aktienkurse weiterhin schwächeln.
Wir vermuten, dass Händler und Spekulanten den Brexit genutzt haben, um weniger riskante Investmentstrategien zu adoptieren (Aktien verkaufen, Staatsanleihen kaufen) und so die Marktturbulenzen ausgelöst haben.

Zentralbanken demonstrieren Einigkeit

Die Zentralbanken erklärten zügig, die Märkte stützen zu wollen - auch um ihre Stärke zu demonstrieren. So hieß es in einem Statement der Federal Reserve vom 24. Juni:

“Die Federal Reserve ist darauf vorbereitet, nötigenfalls mittels ihrer bestehenden Swaplinien mit anderen Zentralbanken Dollar-Liquidität bereit zu stellen, um den Druck auf die Finanzmärkte zu mildern und nachteilige Auswirkungen auf die US-Wirtschaft abzuwenden.“

Der Vorsitzende des Geldpolitik-Ausschusses der Bank of England, Mark Carney, sagte am 30. Juni, dass er eine Herabsetzung des Leitzinses über den Sommer erwarte. Er erklärte außerdem, dass die Zentralbanken ihre „Munition nicht aufgebraucht hätten“, was Beobachter als Zeichen dafür gewertet haben, dass eine erneute quantitative Lockerung der Bank of England wahrscheinlicher wird. Selbst die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, die sich in der Vergangenheit eher kritisch gegenüber der lockeren Geldpolitik geäußert hatte, zeigte sich einverstanden mit neuen Zentralbank-Interventionen. BIZ-Generaldirektor Jaime Caruana erklärte, er sei “zuversichtlich, dass eine Krise abgewendet werden kann.”

Noch größere Auswirkungen hatten die Äußerungen der Notenbanker auf die Kurse von Staatsanleihen. Britische Anleihen erreichten ein Rekordtief von -0,88% für zehnjährige Anleihen bzw. ca. 0% für zweijährige Anleihen. Deutsche Zwei-Jahres-Anleihen bringen derzeit -0,67% ein. Zehnjährige US-Anleihen sind innerhalb des letzten Jahres um 0,9% gefallen und stehen jetzt bei 1,41%.

Ein neues Referendum in Schottland

Wem es schwer fällt nachzuvollziehen, weshalb der Sezessionswunsch der britischen Wähler solch eine Demonstration des Zusammenhalts zwischen Zentralbanken provozieren konnte, der sollte die Rolle der Scottish National Party (SNP) – der stärksten politischen Kraft in Schottland – berücksichtigen. Nachdem das letzte Referendum zur schottischen Unabhängigkeit im September 2014 verloren wurde, fordert man nun einen neuen Anlauf – gestützt durch die Tatsache, dass 62% der schottischen Wähler für den Verbleib des Vereinigten Königreichs in der Europäischen Union gestimmt haben.

Wenngleich die Forderung nach einem neuen Referendum über Schottlands Unabhängigkeit wenig verfassungsrechtliche Grundlage besitzt, erscheint es angesichts der Turbulenzen bezüglich der Führungspositionen der drei größten britischen Parteien (gemessen an den 2015 abgegeben Stimmen) derzeit nicht unwahrscheinlich, dass der Wunsch der SNP in Erfüllung gehen wird.

Pfund oder Euro?

Sollte es zu einem neuen Referendum kommen, steht die SNP vor einer schwierigen Entscheidung: Soll sie sich dafür aussprechen, ein unabhängiges Schottland im britischen Pfund zu halten, oder soll Schottland der Eurozone beitreten? Die Pfund-Option birgt zwei Risiken:

a) Das Timing. Ein zweites Unabhängigkeitsreferendum würde wahrscheinlich erst stattfinden, nachdem das Vereinigte Königreich die EU bereits verlassen hat. Dass die EU Schottland einen Beitritt ohne Einführung des Euros erlaubt, scheint aber unwahrscheinlich, insbesondere wenn Schottland als bereits unabhängiges Land ein EU-Beitrittsgesuch äußern sollte.

b) Widerstand der Bank of England. Schon 2014 lehnte die britische Zentralbank den Wunsch der SNP nach einer Pfund-Sterling-„Währungsunion“ zwischen Schottland und dem Rest des Vereinigten Königreichs ab. Wahrscheinlich hat die ablehnende Haltung der Bank of England damals viele schottische Wähler beeindruckt, insbesondere da die SNP scheinbar keinen Plan B vorweisen konnte. Die SNP behauptete damals, dass die Bank of England lediglich bluffe. Außerdem drohte sie, den schottischen Anteil an den Staatsschulden des Vereinigten Königreichs nicht anzuerkennen, falls kein Deal zustande käme.

Heute spricht viel dafür, dass die SNP einer Euro-Lösung offener gegenüber steht, auch wenn die Partei 2014 offensichtlich davon überzeugt war, ein Unabhängigkeitsreferendum eher gewinnen zu können, wenn das Pfund schottische Währung bleibt. Die Unabhängigkeit von Großbritannien scheint für die SNP jedoch wichtiger zu sein als eine EU-Mitgliedschaft. Sollte sich der SNP eine Möglichkeit bieten, die schottische Unabhängigkeit mit dem Verbleib im Pfund zu vereinen, so würde sie wohl diese Option wählen. Es verwundert daher, dass sie die Currency Board-Option bisher übersehen hat, die sich beispielsweise in Bulgarien während der Währungskrise von 1996/97 bewährt hat.

Ein Currency Board für Schottland

Das bulgarische Currency-Board folgt einer simplen Funktionsweise: Die bulgarische Zentralbank hält Euros und gibt bulgarische Lewa aus. Der Lew wird durch Euro-Reserven besichert und somit an diesen geankert. Das macht den Lew immun gegen spekulative Angriffe. Ein unabhängiges Schottland könnte eine ähnliche Währungsstruktur errichten und so effektiv im Pfund verbleiben. Zwei wichtige Konsequenzen eines solchen Arrangements würden allerdings folgen:

a) Schottland wäre von der Geldpolitik der Bank of England abhängig.
b) Die Londoner Zentralbank hätte keinen Anreiz, schottische Banken zu retten.

Angesichts der Tatsache, dass die zwei dramatischsten Bankenpleiten von 2008 mit der Royal Bank of Scotland und Lloyds zwei schottische Banken betrafen, mag grade Punkt b) der SNP einiges Kopfzerbrechen bereiten.

Bild: Andreas Hermsdorf/pixelio.de

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