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Sind Ökonomen zu marktgläubig?
Marktversagen häufiger diskutiert als Staatsversagen

Ökonomen wird – insbesondere durch Vertreter anderer Disziplinen – oft vorgeworfen, die Vorzüge des Marktes zu übertreiben und die Erfolgsaussichten staatlicher Eingriffe systematisch herunterzuspielen. Die Wirtschaftswissenschaften seien zu „marktgläubig“ und staatsskeptisch, was sich sowohl in der Forschung als auch in der Lehre und Politikberatung widerspiegele.

Tatsächlich beschäftigen sich Ökonomen intensiver mit den Ursachen und Folgen staatlichen Versagens als andere Sozialwissenschaftler. Die ökonomische Analyse staatlichen Versagens ist in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einem wichtigen Forschungsprogramm avanciert.

Dennoch trifft der Vorwurf einseitiger Marktgläubigkeit nicht zu: Ein Blick in die durch Googles Digitalisierungsprojekt bereitgestellte Begriffsnennungsstatistik ngram offenbart, dass über Marktversagen in der Literatur weitaus häufiger diskutiert wird als über Staatsversagen, wenngleich die Diskrepanz in der deutschsprachigen Literatur weniger ausgeprägt ist. Angesichts der prominenten Rolle, die der Staat in unserem Wirtschaftssystem spielt, drängt sich die Frage auf: Weshalb wird so wenig über Staatsversagen gesprochen?

Marktversagen: Ein theoretisches Artefakt?

Marktversagen tritt nach gängiger Definition dann auf, wenn die über den Marktmechanismus erreichte Allokation von Gütern wohlfahrtsökonomisch ineffizient ist, also die Besserstellung mindestens eines Markteilnehmers erlaubt, ohne dass dadurch andere Marktteilnehmer schlechter gestellt werden. Als typische Quellen von Marktversagen gelten Externalitäten (die nicht eingepreisten Auswirkungen einer Transaktion auf unbeteiligte Dritte), Marktmacht (die Fähigkeit einzelner Firmen oder Konsumenten den Marktpreis merklich zu beeinflussen), asymmetrische Information (ungleich verteiltes Wissen der Marktteilnehmer) und öffentliche Güter (Güter, von deren Konsum niemand ausgeschlossen werden kann).

Auch wenn bisweilen der gegenteilige Eindruck erweckt wird, handelt es sich nicht bereits um Marktversagen, wenn das Ergebnis marktwirtschaftlicher Allokation bestimmten politischen oder moralischen Maßstäben nicht genügt. Zu den wichtigsten Lehrsätzen einer jeden wirtschaftswissenschaftlichen Einführungsveranstaltung gehört, dass Effizienz – der Maßstab für das Gelingen oder Versagen des Marktes – nicht gleichbedeutend mit der Realisierung konkreter politisch erwünschter Allokationen ist.

Die Existenz des öffentlichen Rundfunks in Deutschland etwa kann nicht durch Marktversagen erklärt werden, sondern ist auf die politische Erwünschtheit bestimmter Programminhalte zurückzuführen. Ähnlich ist es beim Ausbau von Breitbandnetzen für den Internetzugang, dessen relativ langsames Tempo aus Sicht der Politik beklagenswert sein mag, jedoch kein Ausweis von Marktversagen ist.

Rein sprachlich mag es kontraintuitiv erscheinen, doch können Märkte auch dann erstaunlich gut funktionieren, wenn Marktversagen vorliegt. Externalitäten können durch dezentrale Verhandlungen der Betroffenen eingepreist werden. Marktmacht ist selten mehr als ein temporäres Phänomen und als solches aus einer evolutorischen Sicht des Marktes geradezu konstituierend. Auf durch asymmetrische Information geprägten Märkten entwickeln sich problemlindernde Normen und Institutionen, etwa Gütesiegel oder Reputationsmechanismen. Viele vermeintlich öffentliche Güter entpuppen sich bei näherer Betrachtung als private Güter.

Der Staat als Reparateur

Wird also bezüglich einer bestimmten Güterkategorie oder Industriebranche ein Marktversagen festgestellt, so folgt daraus nicht, dass der betroffene Markt funktionsunfähig ist, sondern lediglich, dass er von einem theoretischen Ideal abweicht. Es überrascht nicht, dass komplexe Phänomene wie reale Märkte von den abstrakten Modellen der Wirtschaftswissenschaften abweichen – mal mehr, mal weniger. Marktversagen ist somit allgegenwärtig.

Rechtfertigt die Diagnose des Marktversagens staatliche Eingriffe? Nicht per se, denn die relevante Alternative zum imperfekten Markt ist nicht ein idealisierter, von allwissenden Philosophenkönigen geleiteter Staat, sondern reale staatliche Institutionen und Prozesse. Es reicht nicht aus, die effizienzfördernde Wirkung eines bestimmten Eingriffs zu zeigen, wenn es unwahrscheinlich ist, dass der politische Prozess tatsächlich zu diesem Eingriff führt.

In diesem Zusammenhang wird die Frage relevant, ob Staaten genauso versagen können wie Märkte – und wann dies der Fall ist. Auf eine allgemeine Definition des Staatsversagens konnten sich Ökonomen bisher nicht einigen. Zunächst liegt es nahe, Staatsversagen als den misslungenen Versuch der staatlichen Behebung eines Marktversagens zu definieren. Schafft der Staat neue Probleme statt alte zu lösen, verteilt er an einflussreiche Interessengruppen um statt Märkte effizienter zu machen, so versagt er.

Staatsversagen ist fundamentaler als Marktversagen

Tatsächlich sind die Institutionen des Staates denen des Marktes in der Regel jedoch vorgelagert. Die oft bemühte Staat-Markt-Dichotomie verschleiert, dass Staaten Marktteilnehmern zuarbeiten, indem sie Eigentumsrechte sichern, Verträge durchsetzen und den rechtlichen Rahmen abstecken. Als den Märkten vorgelagerte Instanzen definieren Staaten institutionelle Rahmenbedingungen, in denen Märkte funktionieren oder versagen können.

Eine alternative Definition des Staatsversagens berücksichtigt diese zentrale Rolle des Staates, der nicht nur das Versagen eines ansonsten autonomen Marktes korrigiert, sondern dessen institutionellen Rahmenbedingungen entscheidend prägt: Staatsversagen liegt vor, wenn staatliche Eingriffe nicht zu einer Besserstellung mindestens einer Person führen, ohne dass dabei andere Personen schlechter gestellt werden. Dieser Definition folgend entpuppen sich viele klassische Formen des Marktversagens als Fälle von Staatsversagen, zurückzuführen auf fehlerhafte oder fehlende Regulierung und Gesetze und Institutionen, die den Funktionsweisen spezifischer Märkte unangemessen sind.

Angesichts der theoretischen Bedeutung staatlichen Versagens und der dominanten Rolle des Staates in unserer Wirtschaft, wäre zu erwarten, dass Ökonomen und andere Sozialwissenschaftler intensiv über dieses Phänomen diskutieren. Ein Blick in die Literatur der letzten 200 Jahre enttäuscht diese Vermutung.

Marktversagen in der Literatur dominant

Das Buchdigitalisierungsprojekt Google Books ermöglicht es, etwa 20 Millionen Büchern, also ca. 15% aller in den USA veröffentlichten Bücher seit 1800 auf Stichworte hin zu untersuchen. Die Statistik zeigt, dass der Begriff des Marktversagens in nennenswertem Maße erstmals in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts auftaucht – allerdings nur in der englischsprachigen und nicht in der deutschsprachigen Literatur. Seit Mitte der 1960er Jahre ist er in beiden Sprachräumen auf dem Vormarsch. In der englischsprachigen Literatur erreicht er 1996 seinen Höhepunkt und verliert bis zum Ende des Beobachtungszeitraums 2008 wieder an Bedeutung. In der deutschsprachigen Literatur nimmt der relative Anteil des Begriffs unter allen Unigrammen dagegen bis 2008 ungebrochen zu.

Staatsversagen spielt in der Literatur beider Sprachräume eine weniger wichtige Rolle. In der englischsprachigen Literatur taucht der Begriffe ebenfalls Mitte der 1960er Jahre in nennenswertem Maße auf und nimmt bis 1999 langsam an Bedeutung zu. Anschließend verliert der Begriff an Wichtigkeit. In der deutschsprachigen Literatur wird erst ein Jahrzehnt später, ab Mitte der 1970er Jahre, vermehrt über Staatsversagen diskutiert. Bis Mitte der 1990er Jahre wird der Begriff wichtiger, um in den Folgejahren seinen Platz zu verteidigen.

Wenngleich sich die von Google erfassten Bücher sich nicht einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen zuordnen lassen, legt die Begriffsstatistik nahe, dass die Diskussion von Marktversagen im Vergleich zur Diskussion staatlichen Versagens nicht unterrepräsentiert ist. Der an Ökonomen gerichtete Vorwurf eines einseitigen Vertrauens in den Markt kann angesichts der relativen Wichtigkeit des Marktversagensbegriffs nicht gestützt werden – zumindest wenn plausiblerweise angenommen wird, dass der von Ökonomen entwickelte Begriff des Marktversagen vor allem in von Ökonomen verfasster Literatur auftaucht.

Hinken deutsche Ökonomen hinterher?

Hinsichtlich der deutschsprachigen und der englischsprachigen Literatur fällt auf, dass sowohl das Marktversagen, als auch das Staatsversagen in der englischsprachigen Literatur früher an Wichtigkeit zunimmt als in der deutschsprachigen: Über Marktversagen wird im englischen Sprachraum bereits Mitte der 40er diskutiert, in der deutschsprachigen Literatur erst in den 60ern. Auch beim Staatsversagen zeigt sich eine Verzögerung von einem Jahrzehnt.

Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs und dem Exodus vieler europäischer Wissenschaftler wurden die US-Amerikanischen Universitäten endgültig zum unangefochtenen Zentrum neuer theoretischer Impulse in der Wirtschaftswissenschaft. Der langsame vollzogene Import neuer Ideen samt Übersetzungsarbeit kann einen Teil der Verzögerung im Trend erklären.

Doch offenkundig spielen auch andere Faktoren eine Rolle. So lässt sich erkennen, dass der Begriff des Staatsversagens in der deutschsprachigen Literatur relativ zum Marktversagensbegriff häufiger genannt wird als dies in der englischsprachigen Literatur der Fall ist. Dieser Befund spricht für die verbreitete These, dass deutsche Ökonomen durch überdurchschnittliche Skepsis gegenüber staatlichen Eingriffen auffallen, während angloamerikanische Ökonomen interventionsfreudiger sind.

Staatsversagen stärker thematisieren

Theoretische und empirische Analysen verschiedener Formen des Marktversagens nehmen in der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur einen prominenten Platz ein. Angesichts der Fülle von sich diesem Themenkomplex widmender Literatur ist der Vorwurf einseitiger Marktgläubigkeit nicht zu halten. Die von Google bereitgestellte Begriffsstatistik offenbart, dass Marktversagen sowohl in der englischsprachigen als auch in der deutschsprachigen Literatur intensiver diskutiert wird als Staatsversagen.

Märkte sind jedoch stets in eine institutionelle Umwelt eingebettet und werden durch staatliche Akteure entscheidend geprägt. Wird die fundamentale Rolle des Staates als Regelsetzer und Regulierer von Märkten berücksichtigt, erweisen sich viele Fälle von Marktversagen als Folge staatlichen Versagens. Angesichts der wichtigen theoretischen und empirischen Bedeutung von Staatsversagen verwundert es, dass Ökonomen diesem Thema weniger Aufmerksamkeit schenken als dem Marktversagen.

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