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Stressfaktor Bankenstresstest?
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Der neue Stresstest der Europäischen Bankenaufsicht (EBA), das Asset Quality Review, bescheinigt den Banken in der Euro-Zone Solvenz. Frühere Stresstests waren zwar nicht in der Lage, Bankenkrisen verlässlich vorherzusagen. Doch dieses Mal soll alles anders sein, behauptet die der Europäischen Zentralbank unterstellte Europäische Bankenaufsicht. Wir haben unsere Zweifel, denn eine Reform der Risikomodelle reicht nicht aus, um die Risiken adäquat abzubilden; die Verschuldungsquote (Leverage Ratio) muss ebenfalls berücksichtigt werden. Die Gefahr einer neuen Bankenkrise besteht in naher Zukunft dennoch nicht: Die EZB hat großflächige Anleihenkäufe angekündigt.

Ende Oktober veröffentlichte die neugeschaffene Europäische Bankenaufsicht (EBA) die Ergebnisse ihres Stresstests. Es wurden die größten 130 Banken untersucht; zusammen halten sie 82% der von Banken gehaltenen Vermögenswerte in der Eurozone.

Der Bericht wurde von den Medien positiv und ohne viel Aufsehen aufgenommen. Überraschungen enthielt er nicht – der Markt reagierte kaum. Einige Kommentatoren wunderten sich allerdings, dass die deutschen Banken eine hundertprozentige Erfolgsrate aufwiesen, obwohl die Deutsche Bank erst im Juni im Rahmen einer Kapitalerhöhung 8,5 Milliarden Euro eingesammelt hat.

Wir sind nicht die einzigen, die die positiven Ergebnisse des Stresstests für nahezu aussagelos halten. Warum ist solche Skepsis weit verbreitet? Ein Blick in die Geschichte europäischer Stresstests liefert die Antwort.

Frühere Stresstest waren irreführend

Die ersten europaweiten Stresstests wurden 2009 durch den Ausschuss der Europäischen Aufsichtsbehörden für das Bankwesen (CEBS) durchgeführt. Ziel war es, die Robustheit des Bankensektors zu ermitteln, also ob das Verhältnis des Eigenkapitals zu den risikogewichteten Aktiva im Krisenfall 6% unterschreiten könnte. Am 1. Oktober wurde das Ergebnis verkündet: Bei keiner der 22 getesteten großen Banken würde die Eigenkapitalquote im Krisenfall unter 6% rutschen. Alle 22 Banken bestanden den Test mit Bravour. In einer Pressemitteilung erklärte der CEBS stolz, dass die „Belastbarkeit“ des Bankensystems den kürzlich vorgenommenen öffentlichen Rettungsmaßnahmen zuzuschreiben sei.

2010 wurde ein weiterer Stresstest angekündigt: Dieses Mal wurden 91 Banken bzw. 65% der von europäischen Banken gehaltenen Vermögenswerte einbezogen. Die extrem positiven Ergebnisse wurden am 23. Juli bekannt gegeben: Nur sieben Banken verfehlten das Eigenkapital-Risikokapital-Verhältnis von 6% und insgesamt betrug die daraus resultierende Deckungslücke nur 3,5 Milliarden Euro.

Kritiker merkten an, dass die Tests den potenziellen Ausfall von Cashflows aus Staatsschulden schlicht nicht berücksichtigten, obwohl Portugal, Irland, Griechenland und Spanien Ende 2009 insgesamt 2,8 Billionen Euro an Schulden aufgehäuft hatten. Diesen Sorgen wurde mit dem Hinweis begegnet, die EU würde keines dieser Länder bankrott gehen lassen. Das Bailout-Versprechen wurde kurz darauf getestet: Am 21. November 2010 erklärte die Regierung Irlands, dass die 2008 erfolgten Rettungszusagen für den vollständig kollabierten irischen Bankensektor nun wiederum einen Staatsbankrott wahrscheinlich machten. Die EU organisierte kurzerhand einen Bailout für Irland.

Veränderte Risikomodelle führten nicht zu besseren Stresstests

Da die Ergebnisse des jüngsten Stresstests durch den irischen Bailout so offensichtlich entwertet wurden, wurde einige Tage später eine neue Runde, diesmal mit strengeren Kriterien, angekündigt. Die neu gegründete Europäische Bankenaufsichtsbehörde legte ein strengeres Maß an – ein zu erreichendes Verhältnis des reinen Kernkapitals (Core Tier 1) zu den Risikoaktiva von 5% statt des früher verlangten Eigenkapital-Risikoaktiva-Verhältnisses (Core- und Non-Core) von 6%. Doch auch der neue Stresstest ignorierte die Gefahren eines Staatsbankrotts und lieferte daher unverlässliche Ergebnisse. 90 Banken wurden getestet und eine Deckungslücke von 2,5 Milliarden Euro ermittelt. Drei Monate später ging mit Dexia die größte französisch-belgische Bank Bankrott. Die Ratingagentur Moody’s stellte fest, dass der 5%-Eigenkapital-Risikoaktiva-Test der EBA noch schwächere Maßstäbe anlegte als der Basel III-Standard von 7%. Wäre dieser höhere Standard angelegt worden, so ermittelte Moody’s, wären mehr als die Hälfte der getesteten Banken durchgefallen.

In neuen Tests schätzte die EBA im Herbst 2011 die Deckungslücke auf 114 Milliarden Euro (45 mal so viel wie die frühere Schätzung der EBA). Der IWF allerdings errechnete ungefähr zur gleichen Zeit für die gleichen Banken eine Deckungslücke von 200 Milliarden Euro, fast doppelt so viel wie die EBA errechnet hatte.

Der nächste Krisenfall trat im März 2013 ein, als das zypriotische Bankensystem kollabierte. Natürlich hatten die zwei großen Banken Zyperns vorher alle Stresstests erfolgreich bestanden. Dieser Vorfall regte den nächsten großen Stresstest an, über den wir jetzt schreiben. Das vielleicht interessanteste Merkmal des neuen Tests ist dessen langer Zeitraum: 12 Monate. Der lange Testzeitraum verleiht dem Stresstest den Anschein größerer Sorgfalt – und die bei der Europäischen Zentralbank angesiedelte Europäische Bankenaufsicht fährt schwerste PR-Geschütze auf, um die Öffentlichkeit von seiner Verlässlichkeit zu überzeugen.

Das Asset Quality Review – endlich ein zuverlässiger Test?

Die EBA nennt selbst drei Gründe für die Zuverlässigkeit ihres Asset Quality Review (AQR).

Erstens: Wir haben jetzt eine Einheitliche europäische Bankenaufsicht – ein historisches Ereignis

Die europaweit einheitliche Aufsicht ist die erste von drei „Säulen“ der Bankenunion, die als „die größte Unternehmung der Europäischen Union seit Einführung des Euros“ beschrieben wurde.

Zweitens: Bewertungsstandards sind nun einheitlich

“Das … Asset Quality Review wendet zum ersten Mal einheitliche Standards zur Bewertung von Bankvermögen an und berücksichtigt potenzielle Probleme wie notleidende Kredite.”

Nun, auf den ersten Blick scheinen “einheitliche Bewertungsstandards” sinnvoll zu sein. Aber sind sie es wirklich? Sicherlich wäre es vorstellbar, dass das Fehlen einheitlicher Bewertungsstandards eine wichtige Ursache der Bankenkrise von 2008 war. Auf der Liste der am häufigsten angeführten Gründe der großen Kreditklemme standen notleidende Kredite nicht sehr weit oben. Die vorherrschende Meinung war, dass die Buchhaltungsregeln im Grunde keine Probleme hervorriefen. Kritiker der etablierten Buchhaltungspraxis konzentrierten sich vor allem auf zwei Punkte: a) Welche Bilanzposten als Kapital gelten sollten und b) der Forderung nach strikteren Regeln bezüglich Risiken, die durch eine Auslagerung in außerbilanzielle Zweckgesellschaften, wie beispielsweise sehr ausgeprägt bei der Landesbank Sachsen, nicht in der Bilanz auftauchten und dort integriert werden sollten.

Die vorherrschende Interpretation quer durch alle politischen Lager lautete, dass strengere Regulierung nötig sei, um die Steuerzahler und Einleger vor den Folgen der Zockerei und exzessiven Risikobereitschaft der Banken zu schützen. Als die Immobilienpreise in den USA stürzten, löste das Ausmaß der mit Hypothekenverbriefungen verbunden Risiken im Finanzsektor daher eine Vertrauens- und Liquiditätskrise aus – und in manchen Fällen eine Insolvenz. Die Volcker-Regel war die Hauptreaktion auf dieses Problem, wie wir im Januar berichtet haben.

Drittens: Bankenrisikomodelle und ihre Reform durch die EBA

Eine der wichtigsten regulatorischen Änderungen von 2008 bewirkte, dass große Banken fortan selbstständig prüfen sollten, wieviel Kapital sie für ihre verschiedenen Vermögenswerte vorhalten. Die EBA zeigte sich besorgt, dass die Kapitabedarfskalkulation „mancher Banken“ „zu niedrig“ angesetzt wurde und außerdem Probleme mit den für die Modellierung genutzten Daten bestünden. Wird berücksichtigt, dass das Risikomodell einer einzigen Bank das Ausmaß einer Flughafen-Startbahn annehmen kann, fällt es schwer zu glauben, dass die EBA in 18 Monaten wirklich in der Lage war, auch nur einen Bruchteil aller Risikomodelle zu prüfen.

Verschuldungsquote muss berücksichtigt werden

Trotz alldem würden wir behaupten, dass die Verlautbarungen der EBA der beste Indikator für die Stabilität des Bankensystems in der Euro-Zone sind, eher noch als die offiziellen AQR-Ergebnisse: Das System ist insolvent. Wenn die Regulierungsbehörden lediglich Risikomodelle austauschen, ist die Lage ernst. Eine Reform der Risikomodelle wurde auch vor den JP Morgan-„Whale Trades“ Anfang 2012 vorgenommen, deren Verluste das Hundertfache des Betrags betrugen, der von den Risikomodellen als ausreichend zur Risikoabdeckung geschätzt wurde.

Dazu kommt, dass risikobasierte Kapitalmodelle laut dem Finanzstabilitätsrat (FSB; die Wächter über die Basel-Regeln) keinerlei Nutzen bei der Vorhersage des Systemversagens im Jahre 2008 hatten. Daraus erklärt sich auch das Drängen des FSB auf einen neuen Diagnosestandard, die Verschuldungsquote (Leverage Ratio), über die wir im Dezember 2013 geschrieben haben. Im Stresstest der EBA war die Verschuldungsquote nicht enthalten.

Anleihenkäufe der EZB stützen insolventen Bankensektor

Wir kommen daher zum Schluss, dass es keinen Grund für großes Vertrauen in die Aussagekraft der neuen Stresstests gibt, trotz der historischen Einmaligkeit, der einheitlichen Bewertungsstandards und des verstärkten Fokus auf Risikomodelle. Wir können dennoch Entwarnung geben. Es ist unwahrscheinlich, dass das Bankensystem in nächster Zeit wieder kippt, denn die Europäische Zentralbank hat kürzlich bekanntgegeben, dass sie zum großflächigen Ankauf (bis zu einer Billion Euro) von Staatsanleihen und von privaten Institutionen ausgegeben Vermögenstiteln aus den Beständen der Banken bereit ist. Das sollte die Preise in die Höhe treiben und die Bankbilanzen für eine Weile stützen.

Wenig überraschend ist, dass diese Neuigkeiten einigen Groll auf die EZB provoziert haben. Die Gegner solcher Aufkaufprogramme sind zunehmend besorgt über den Schneeballsystemcharakter der EZB-Aufkäufe, die nur den Zweck haben, dem Bankensystem den Anschein von Solvenz zu verleihen. Wie Reuters berichtet, haben sich bereits sieben nationale Zentralbanken gegen die Anleihenkäufe ausgesprochen. Bis zur Dezember-Ausgabe unseres Berichts könnte sich die Situation zuspitzen. Es bleibt spannend.

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