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Zweifel an Sinnhaftigkeit der Fed-Stresstests
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Die US-Banken bestehen alle Stresstests der Fed mit Bravour. Doch dies sollte kein Grund zur Entwarnung sein, denn die von der amerikanischen Zentralbank angewandten Stresstests sind nicht nur äußerst milde, sondern haben nur fragwürdige Aussagekraft: Welches Interesse könnten Zentralbanken daran haben, Ergebnisse zu veröffentlichen, die ihr Versagen in den letzten Jahren dokumentieren würden? In Großbritannien werden schwere Missbrauchsvorwürfe gegen die Bank of England erhoben. Eine neue Bankenkrise in Europa wird immer wahrscheinlicher.

Was bedeuten die Stresstestergebnisse in den USA?

Die amerikanische Zentralbank Fed berichtet, dass alle 31 getesteten Banken ihre Stresstests bestanden haben. Das bedeutet, dass die Fed deren Kapitalausstattung für ausreichend hält, um ein Stressszenario mit einer Länge von neun Quartalen zu überstehen. Das ist das beste Gesamtergebnis seit 2009, als damit begonnen wurde Stresstests durchzuführen. Können wir daraus schließen, dass die Banken in guter Verfassung sind? Höchstwahrscheinlich nicht.

Von Zentralbanken durchgeführte Stresstests an Geschäftsbanken (große, komplexe Unternehmen, die der Aufsicht durch die Zentralbank unterliegen) sind eine neuartige, erst seit kurzem praktizierte und fragwürdige Erweiterung ihres Aufgabenbereichs. Sie sind strikt zu unterscheiden von den Stresstests der Rating-Agenturen, die individuelle asset-besicherte Finanzinstrumente bewerten, nicht Unternehmen, die eine Vielzahl von Vermögenswerten halten.

Stressszenarios sind zu milde

Während die Rating-Agenturen heute detailliertere Stressszenarien mit größerer Variation als vor der Krise nutzen, wendet die Fed nur ein Stressszenario an, ein wenig bedrohliches dazu. Im Stressszenario der Fed fallen die Immobilienpreise um 25%, der US-Aktienmarkt büßt 60% ein, die Arbeitslosigkeit steigt auf 10%, der Rohölpreis steigt auf 110 Dollar pro Barrel und das US-BIP fällt um 4,5%. Es ist offensichtlich, dass die Aktienkurse inhärent volatil sind, dass die Arbeitslosenquote in letzter Zeit um die 10% lag, dass der Rohölpreis in den letzten zwei Jahren um die 110 Dollar schwankte und dass – obwohl ein Einbruch des US-BIP um 4,5% angesichts des nominalen BIP-Rückgangs um nur 3% während der Krise zwar massiv erscheint – ein BIP-Rückgang von 4,5% gemessen an europäischen Maßstäben moderat ausfällt. Dazu kommt, dass die Rating-Agenturen für ein AAA-Rating für hypothekenbesicherte Produkte in der Regel zur Bedingung gemacht haben, dass diese einem Immobilienpreisverfall um 60% widerstehen. Ein Rückgang der Immobilienpreise um 25% ist nach diesem objektiven Benchmark also keinesfalls ein „worst case“.

Banken haben Risiken systematisch untertrieben

Nichtsdestotrotz versicherte die Fed, dass der aggregierte Tier 1-Eigenkapitalbestand der 31 getesteten Banken im Stressszenario gesunden 8,2% der risikogewichteten Assets entspräche – eine deutliche Verbesserung gegenüber den 2009 erreichten 5,5%. Dieser Wert übertrifft sowohl das Fed-eigene Benchmark-Minimum von 5% als auch die alte (Vorkrisen-)Basel-Anforderung von 4%. Aber betonen wir nicht seit mehr als einem Jahr in unseren Berichten, dass die Finanzregulierer weltweit die neuen Leverage-Regeln bejubeln, weil sie Zweifel an der Angemessenheit der traditionellen Regeln der Risikogewichtung von Vermögenswerten haben?

2013 veröffentlichte Andrew Haldane von der Bank of England ein Papier, in dem er zeigt, dass die durchschnittliche Risikogewichte von Bankvermögen im Zeitraum von 1994 bis 2008 von 70% auf 40% fielen. Die Banken hätten, so Haldanes Befund, bei der internen selbstverantworteten Risikogewichtung die rosarote Brille aufgesetzt und so ihre Tier 1-Quote aufgehübscht. Ein Kreditportfolio beispielsweise, das intern eigentlich ein AA-Rating erhalten hätte, wurde typischerweise als AAA-Asset an die Zentralbank gemeldet. Durch derartige Praktiken schaffte es der Bankensektor durchschnittlich 30% seiner Risikoexponiertheit aus den Berechnungen die risikogewichteten Kapitalanforderungen betreffend auszuklammern – und das obwohl, wie wir nun wissen, das den Bankvermögen innewohnende Risiko immer weiter zunahm. Diese Umgehung der offiziellen Kapitalanforderungsregeln war nicht zu übersehen, so Haldane, da der Verschuldungshebel (ungewichteter Gesamtvermögensbestand im Verhältnis zum Eigenkapital) während des gleichen Zeitraums von rund 20 auf mehr als 30 anwuchs.

Stresstests der Zentralbanken: Moral Hazard

Selbst das Finanzministerium der USA spielte die Stresstestergebnisse der Fed herunter. Ein neuer Zweig des US-Finanzministeriums, das Office of Financial Research, veröffentlichte letzte Woche ein Papier in dem das Vorhaben der Fed als sinnlos bezeichnet wird. Denn es sei von vorneherein klar, dass die Tests ein Überleben der Banken vorhersagen müssen: „Während die Ergebnisse von Stresstests vorhersagbar sein mögen, sind es die Folgen eines tatsächlichen Schocks für das Finanzsystem nicht. Und dort liegt das Problem.“

Die gewachsene Verantwortung, die den Zentralbanken durch die Verpflichtung zur Durchführung von Stresstests an den Inlandsbanken herangetragen wird, provoziert ein Moral-Hazard-Problem zwischen der Zentralbank und ihren Stakeholdern, Politikern und der Öffentlichkeit. Man stelle sich einmal die wahrscheinliche Reaktion auf die Veröffentlichung von negativen Testergebnissen vor. Sollten die Stresstests belegen, dass der Bankensektor in schlechter Verfassung ist, würden die Ergebnisse das Engagement der Zentralbank und all die Zeit und Ressourcen, die sie zur Wiederherstellung der Stabilität des Bankensektors aufgewendet hat, in Zweifel ziehen. Darüber hinaus würde die Politik die Veröffentlichung solcher Ergebnisse vermutlich verhindern wollen, da die Gefahr bestünde, dass allein aufgrund der Testergebnisse ein Bank Run und damit eine neue Krise ausgelöst werden könnten. Aus diesen Gründen halten wir Stresstests durch die Zentralbanken nicht nur für sinnlos, sondern - noch schlimmer - für gefährlich: Sie ermutigen naive Stakeholder dazu, den Banken blind zu vertrauen, statt genaue Informationen über die Lage der Institute einzuholen.

Bank of England unter Betrugsverdacht

Neue Nachrichten über die Probleme im Bankensektor verlauten fast täglich. Während einer parlamentarischen Untersuchungsanhörung in London berichtete Governor Carney von der Bank of England kürzlich, dass er 42 Fälle ernsten Fehlverhaltens, wie Marktmanipulationen, an die Schwesterbehörde der BoE, die Finanzaufsichtsbehörde (Financial Conduct Authority) melden musste. Erstaunlicherweise betreffen diese Anschuldigungen Vertreter der Bank of England selbst. Am 4. März erklärte das Serious Fraud Office Großbritanniens, dass es die Bank of England formal unter Beobachtung halte – aufgrund von bis in das Jahr 2007 zurückreichender möglicherweise betrügerischer Durchführung mehrerer Auktionen.

Steht Europa eine neue Bankenkrise bevor?

Angesichts der gegenwärtigen Lage des Bankensystems in Großbritannien und anderen Teilen Europas prognostizieren wir, dass bald wieder Unruhe in das europäische Bankensystem einkehren wird, unabhängig davon welche Maßnahmen die EZB und Griechenland im Juni (oder früher) treffen werden. Das könnte weitreichende Folgen haben.

Ironischerweise wird ein solches Szenario den Interessen der europäischen Führung nützen, auch wenn diese heute noch darüber klagen. Es würde sicherlich zu jenen Reformen führen, nach denen man zurzeit ruft: Nationale Budgets, die den Maastricht-Kriterien entsprechen oder sogar ausgeglichen sind; Banken, die – nicht länger durch die EZB gestützt – verantwortliche Buchhaltungspraktiken im Interesse der Kreditgeber anwenden müssen. Eine solche europäische wirtschaftliche Renaissance wäre zu begrüßen.

Bildnachweis: Michael Daddino / flickr

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