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Großbritannien: Öffentlich-private Partnerschaften in der Krise

Die britischen Medien fokussierten ihre Berichterstattung im Januar auf den Bankrott des zweitgrößten Baukonzerns des Landes, Carillion. Dieses Unternehmen gewann über die letzten Jahre zahlreiche öffentliche Aufträge für den Bau und Betrieb von Krankenhäusern, Gefängnissen, Straßen und Teilen der neuen Hochgeschwindigkeitsbahn zwischen London und Leeds. Im Januar musste es Insolvenz anmelden. Carillion steht damit exemplarisch für die verschleppte und doch unausweichliche Insolvenz vieler britischer Mischkonzerne. Das unangemessene Verhalten des Managements und die Inkompetenz der verantwortlichen Regulierungsbehörden wecken Erinnerungen an den skandalerprobten Bankensektor.

Im Zuge des Bankrotts gerieten die fragwürdigen Geschäftspraktiken des Unternehmens zu recht in den Fokus der Berichterstattung, insbesondere die kreative Buchführung, die Verschleppung von Pensionsfondszuschüssen und die auf aggressiven Übernahmen basierende Wachstumsstrategie. Was den Leitmedien allerdings entging, sind die frappierenden Parallelen dieses Konzerns und seines Bankrotts zu der notorisch insolventen Banken- und Finanzwelt. Unternehmen wie Carillion, Capita, G4S und MITIE betreiben mittlerweile einen so großen Teil der öffentlichen Infrastruktur Großbritanniens, dass ihre Insolvenz ähnlich bedrohlich wie die der großen, systemrelevanten Banken wirkt. Eine weitere Gemeinsamkeit besteht darin, dass die Solvenz der Unternehmen von außen kaum noch bewertbar ist, da offizielle Finanzberichte und Jahresabschlüsse diesbezüglich kaum noch relevante Informationen enthalten.

Boom öffentlich-privater Partnerschaften

Die Finanzierung und der Betrieb öffentlicher Infrastruktur durch öffentlich-private Partnerschaften standen bei allen britischen Regierungen seit den frühen 1990ern hoch im Kurs. Das ist nicht überraschend, erlauben es derartige Modelle doch, die Verbuchung der Investitions- und Betriebskosten vom Beginn der Bereitstellung abhängig zu machen und somit langfristige Verbindlichkeiten aus dem öffentlichen Haushalt auszulagern. Zwar tauchen die aus öffentlich-privaten Partnerschaften resultierenden Verbindlichkeiten seit einer Reform 2012 in den Büchern des Staates auf, doch die Begeisterung für das Modell hält an.

Der Boom öffentlich-privater Partnerschaften hat auch die betreffenden Branchen deutlich verändert. Angesichts des großzügigen Volumens öffentlicher Aufträge und der oft hochkomplexen Ausschreibungsprozesse formierten sich große Konsortien aus Bauunternehmen und Anbietern von Facility Management um finanzielle Mittel und Kompetenzen zusammenzulegen und gemeinsam an Ausschreibungen teilzunehmen. Primäres Ziel dieser Konsortien war es, dem öffentlichen Auftraggeber gegenüber Stärke und Zuverlässigkeit zu demonstrieren. Doch kam es infolgedessen zu zahlreichen Fusionen und Übernahmen. Insbesondere Carillion begann hastig damit, Mitbewerber wie Mowlem, Alfred McApline, und auch das Erneuerbare-Energien-Unternehmen Eaga aufzukaufen. Wie sich herausstellte, übernahm sich das Unternehmen dabei und musste den Wert der Neuerwerbungen im Nachhinein deutlich abschreiben.

Carillion-Aktie im Sinkflug

Im Zuge der finanziellen Schwierigkeiten Carillions fokussierten die Medien ihre Berichterstattung auf die Kursentwicklung des Unternehmens. Schon seit 2015, als diverse Hedgefonds mit dem Leerverkauf ihrer Anteile begannen, befand sich die Carillion-Aktie im Sinkflug. Der Abwärtstrend verstärkte sich im Juli 2017, als das Unternehmen bekannt gab, schlecht laufende Projekte um 845 Mio. Pfund abschreiben zu müssen, was den Schuldenstand nahezu verdoppelte. Es folgten zwei „Gewinnwarnungen“, die Investoren weiter verunsicherten.

Anfang 2016 war die Carillion-Aktie die am häufigsten leerverkaufte Aktien an der britischen Börse - eine zweifelhafte Auszeichnung, die verdeutlicht, dass die Finanzprobleme des Unternehmens zu diesem Zeitpunkt eindeutig aus dessen Bilanz abgelesen werden konnten. Spekulanten hielten leihweise bis zu 30 % der Aktien und fuhren erhebliche Gewinne durch den Verkauf der geliehenen Anteile ein - in der Hoffnung, sie später zu einem niedrigeren Preis zurückkaufen oder die Anteile bis zur Eröffnung eines Liquidationsverfahrens halten zu können. Die fürstlichen Dividendenausschüttungen im Jahr 2016 konnten über die wachsenden Zweifel an der Solvenz des Unternehmens nicht hinwegtäuschen. Die britische Regierung zeigte sich durch die offensichtlich desolate Lage des Unternehmens indessen unbeeindruckt und vergab weitere Aufträge an Carillion.

Medienberichten zufolge spekulierten einige Carillion-Anleger auf einen steuerfinanzierten Bail-Out. Die Hoffnungen waren nicht gänzlich unbegründet, da zahlreiche Behörden die zuständigen Regierungsverantwortlichen bekanntermaßen zu einer Rettungsaktion drängten. Deren Argumentation zufolge waren die mit einer Insolvenz verbundenen Risiken für den Betrieb der öffentlichen Infrastruktur angesichts von 450 laufenden Verträgen nicht tragbar - um es auf den Punkt zu bringen: Carillion galt als „systemrelevant“.

Bail-Out-Präzedenzfall Eisenbahnsektor

Erwartungen eines baldigen Bail-Outs wurden auch durch die vor kurzem erfolgte öffentliche Rettung zweier privater Eisenbahnbetreiber genährt. Die britische Eisenbahnindustrie wurde 1994-1996 „vertikal“ privatisiert, also im Zuge des Verkaufs aufgespalten. Ein Unternehmen übernahm das Gleisnetz - es wurde schließlich 2002 wieder verstaatlicht. Drei weitere Unternehmen kauften die Waggons und Lokomotiven und etwa zwanzig private Betreiber erwarben Zuschläge für den Betrieb der Bahnlinien. Mit Virgin Trains und Stagecoach kamen letztes Jahr schließlich zwei Betreiber des Bahnverkehrs zwischen London und Edinburgh in den Genuss öffentlicher Rettungsgelder, nachdem sich herausstellte, dass die Gewinnerwartungen beim Erwerb der Konzessionen 2015 deutlich zu optimistisch ausgefallen waren.

Obwohl sowohl Virgin Trains als auch Stagecoach andere profitable Geschäftsbereiche im Bereich der öffentlichen Infrastruktur aufwiesen, erlaubte das britische Transportministerium die vorzeitige „Rückgabe“ der Bahnbetriebskonzessionen - drei Jahre früher als ursprünglich vertraglich vereinbart. Die britischen Steuerzahler verzichteten damit gegenüber zwei solventen Unternehmen auf Ansprüche im Wert von etwa 1,4 Mrd. Pfund. Der zuständige Minister stritt den Bail-Out-Charakter dieser vorzeitigen „Rückgabe“ selbstverständlich ab, doch der zehnprozentige Kursanstieg der Stagecoach-Aktie in Folge des Deals illustriert deutlich, wer aus dem Deal Profit geschlagen hat.

Kreative Buchführung verschleierte Verluste

Erste veröffentlichte Studien zeigen nun auf, wie Carillions Management die drohende Insolvenz des Unternehmens mittels zweifelhafter Bilanzierungstricks verschleiert hat. Ganz ähnlich wie dies im Derivatgeschäft der Banken geschieht, wurde die IFRS-Rechnungslegung genutzt, um zukünftig erwartete Profite durch Bau- und Wartungstätigkeiten größtenteils schon bei der jeweiligen Auftragszusage als Gewinn zu verbuchen. Die kreative Buchführung hat auch in der Bauindustrie Einzug gehalten.

Ein solches Schnellballsystem kann natürlich nur aufrechterhalten werden, solange die Öffentlichkeit ein Mindestmaß an Vertrauen bewahrt. Im Fall von Carillion wurden offenbar stets neue öffentliche Aufträge angenommen um virtuelle Gewinne zu generieren, die dann zur Rechtfertigung hoher Dividendenausschüttungen genutzt wurden - ultimativ finanziert aus dem Eigenkapital des Unternehmens. Zwischen 2012 und 2016 schüttete Carillion 200 Mio. Pfund mehr an Dividenden aus als durch das operative Geschäft erwirtschaftet wurden. Die Abschreibungen 2017 übertrafen die ausgewiesenen Gewinne der vorgehenden acht Jahre.

Die Leidtragenden: Steuerzahler, Arbeitnehmer, Zulieferer

Im August 2017 stellte Carillion die Einzahlungen in den Pensionsfonds des Unternehmens ein. Viel deutet darauf hin, dass Carillions Management Druck ausgeübt und den Fondsvertretern verdeutlicht hat, dass weitere Fondseinzahlungen die Solvenz des Unternehmens bedrohen. Daraufhin stimmte die Fondsvertreter der Aussetzung weiterer Einzahlungen zu - ein Fehler, für den das Fondsmanagement sich vermutlich noch zu verantworten hat.

Auch Carillions Zulieferer werden durch die zweifelhaften Geschäfte des Baukonzerns in Mitleidenschaft gezogen. 2012 führte die britische Regierung ein neues kurzfristiges Kreditinstrument für kleine und mittlere Unternehmen ein. Diese konnten fortan ausstehende Ansprüche gegenüber ihren Auftraggebern nutzen, um kurzfristig verfügbare, steuersubventionierte Bankkredite aufzunehmen. Die Banken akzeptierten die ausstehenden Rechnungen großer Auftraggeber als Sicherheit. Auch Carillion ermutigte seine Zulieferer, das Instrument zu nutzen und konnte die Begleichung ausstehender Rechnungen dadurch um bis zu 120 Tage verzögern. Zahlreiche Zulieferer erhielten so zunächst Kredite im Wert von 500 Mio. Pfund, doch da die Bankkredite mit einem Rückanspruch versehen sind, werden sie in den nächsten drei Monaten Entschädigungen an die Banken zahlen müssen und auf den Verlusten sitzenbleiben.

Systemrelevanz als Geschäftsziel

Das fragwürdige Geschäftsgebaren des Baukonzerns, die hohen Abfindungen des Managements und der Wirtschaftsprüfer, und der gleichzeitig schäbige Umgang mit den Angestellten und Zulieferern sind zu recht Thema bissiger Medienberichterstattung. Doch die deutlichen Parallelen zum skandalerprobten Bankensektor sind den Medien bisher nicht aufgefallen.

Genau wie der Bankensektor ist die Baubranche hochkompetitiv und bietet nur dünne Gewinnmargen. Es ist verständlich, dass individuelle Unternehmen daher nach einer „systemrelevanten“ Position streben. Probleme entstehen, wenn sich zuvor verbuchte Gewinne als Illusion erweisen. Die Wurzeln der chronischen Insolvenz vieler Unternehmen liegen in den problematischen Rechnungslegungsstandards, einem auf kurzfristige Boni fokussierten Management und Regulierungsbehörden, die bestenfalls weggucken, fragwürdige Geschäftsstrategien aber leider allzu oft aktiv unterstützen - so wie die britische Regierung im Fall von Carillion, das verdächtigerweise nur ein paar Tage nach der verzweifelten „Gewinnwarnung“ im Juli einen neuen Eisenbahnauftrag erhalten hat.

Baubranche stehen weitere Skandale bevor

Carillion ist kein Einzelfall. Nur zwei Wochen nachdem das Unternehmen in die Insolvenz ging, veröffentlichte der Wettbewerber Capita eine ähnliche „Gewinnwarnung“. Was sollte die Regierung tun, wenn die Solvenzkrise im Bausektor großflächig ausbricht? Hier endet die Parallele zum Bankensektor. Letzterer wird im Ernstfall solange durch Zentralbankliquidität aufrechterhalten, bis die Krise aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwindet. Doch die Quantitative Lockerung kann nicht auf die Baubranche ausgeweitet werden. Etwas Linderung bringen kann eventuell ein Stresstestverfahren für Unternehmen, die öffentliche Aufträge übernehmen wollen.

Auch hinsichtlich der noch aufzudeckenden Skandale könnte sich die Baubranche als dem Finanzsektor ähnlich erweisen: Letztere liefert seit Jahren in zuverlässiger Frequenz neue Skandale. So sickerten während der Finanzkrise immer unerfreulichere Details über das skandalöse Verhalten vieler Bankmanager und die Ignoranz der Regulierungsbehörden durch. Aufmerksamen Beobachtern ist noch immer präsent, wie zunächst versucht wurde, die Finanzkrise als kurzfristigen Liquiditätsengpass zu verkaufen - bis die strukturelle Insolvenz des Bankensektors nicht mehr zu übersehen war. Das Zinsmanipulationsskandal rund um „Liborgate“ wurde in den Medien erst 2012 aufgegriffen.

Die politische Reaktion auf derartige Skandale fiel vorhersagbar aus. Mit einiger Verspätung kündigten Regierungsvertreter und Regulierungsbehörden an, den Fehlverhaltensvorwürfen gegenüber dem Management nachzugehen. Der britische Insolvency Service richtete ein entsprechendes „Fast Track“-Verfahren ein. Große Hoffnungen sollte man in derartige Untersuchungsausschüsse indes nicht legen: Nachdem die Royal Bank of Scotland und die Halifax Bank of Scotland kollabierten, versandeten entsprechende Nachforschungen schnell.

Bild (Ausschnitt): Elliott Brown (CC BY-SA 2.0) / Wikimedia.org

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