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Neues Working Paper: Nudging wider die individuelle Autonomie

Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass es in Deutschland 2017 unter 800 Organspender gab - 65 Prozent weniger als noch 2007. Werden solche Zahlen veröffentlicht, wird auch immer wieder darauf hingewiesen, dass anders als beispielsweise in den Niederlanden in Deutschland nicht jeder zum Organspender wird, wenn er sich nicht explizit dagegen entscheidet. In Deutschland bedarf es einer Zustimmung zur Entnahme. Obwohl dieser Umstand für die wenigen Organspenden in Deutschland nicht maßgeblich verantwortlich ist, erhält die "Entscheidungsarchitektur" viel Aufmerksamkeit, auch weil sie ein häufig von Verhaltensökonomen verwandtes Beispiel ist. Sergio Beraldo argumentiert in seinem IREF Working Paper, dass Nudging die individuelle Autonomie einschränkt, wenn der Architekt der Entscheidungssituation das Verhalten der Entscheider beeinflussen möchte, aber nicht die Reflexion über die Entscheidung. Deutsche automatisch zu Organspendern zu machen, wenn sie sich nicht dagegen entscheiden, würde Beraldo zufolge die Autonomie derer untergraben, die nur aufgrund der neuen Regelung zu Organspendern werden.

Nudges: Stubser zur Verhaltensbeeinflussung

Nudge, das Anstubsen oder Schubsen von Individuen hin zu "besseren" Entscheidungen durch eine Anpassung der Entscheidungsarchitektur, wurde von Richard Thaler und Cass Sunstein durch ihr gleichnamiges Buch bekannt gemacht. Ein Nudge nimmt den Entscheidern weder Optionen noch ist es aufwendig für die Entscheider, dem Anstubsen auszuweichen. So zeigen Thaler und Sunstein unter anderem, dass Voreinstellungen in Entscheidungssituationen Einfluss haben auf die getroffenen Entscheidungen. Ist voreingestellt, dass automatisch ein Teil unseres Gehalts in einen Sparplan fließt, sparen wir mehr. Ist voreingestellt, dass wir Organspender sind, wenn wir versterben, sind mehr von uns Organspender. Aber auch die Reihenfolge, in der uns Optionen präsentiert werden, beeinflusst unsere Entscheidungen, z.B. in der Kantine. In keiner der Situationen werden den Entscheidern Optionen genommen oder Kosten aufgebürdet.

Für Regierungen sind Nudges vor allem attraktiv, weil Anpassungen von Entscheidungsarchitekturen keine maßgeblichen Budgetkonsequenzen nach sich ziehen und dennoch wirkungsmächtig sein können. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass es in den USA und Großbritannien, auf EU-Ebene sowie in Deutschland Bestrebungen der Politik gibt, durch Anstubsen das Verhalten der Bürger zu beeinflussen.

Autonomie wahrende Nudges

Sergio Beraldo argumentiert in seinem Papier „An Impossibility Result on Nudging Grounded in the Theory of Intentional Action“, dass auch beim Thema Nudging gilt, dass nicht alles Gold ist, was glänzt. Er teilt Nudges in zwei Kategorien ein. Auf der einen Seite stehen Nudges, deren Architekten zum Ziel haben, den Prozess der Entscheidungsfindung zu beeinflussen - zum Beispiel durch Bereitstellung zusätzlicher Information oder durch Einräumung weiterer Bedenkzeit. Informationen auf Zigarettenschachteln oder die Möglichkeit des Rücktritts von einem Vertrag fallen in diese Kategorie, weil sie die Entscheider zur Reflexion anregen. In diesen Fällen ist die Autonomie des Entscheiders nicht in Gefahr, so Beraldo.

Autonomie einschränkende Nudges

Anders sieht es bei der zweiten Kategorie von Nudges aus. Denn auf der anderen Seite stehen Nudges, deren Architekten das Ziel verfolgen, Entscheidungen von Individuen zu beeinflussen, ohne in deren Prozess zur Entscheidungsfindung einzugreifen. Sie sollen gerade nicht die Reflexion der Entscheider anregen und auch nicht auf deren Motive einwirken, sondern automatisch die gewünschte Entscheidung hervorrufen. Die Individuen, bei denen diese Art von Nudge funktioniert sehen sich in ihrer Autonomie beschnitten, so Beraldo.

Die Autonomie eines Entscheidungsträgers ist nach Ansicht von Beraldo eingeschränkt, sobald die Entscheidung einer Person lediglich die Präferenzen des Architekten der Entscheidungsarchitektur widerspiegelt und der Architekt bewusst auf die Beeinflussung der Entscheidung abzielt.

Nicht alle Nudges sind gleich

Obwohl also Entscheidungssituationen nie neutral sein können, da sie die Entscheidungen einiger Personen stets beeinflussen, liefert Beraldo ein theoretisches Argument dafür, dass die Autonomie der Entscheider nur gefährdet ist, wenn Nudges zu automatischen Verhaltensänderungen führen und der Architekt der Entscheidungssituation gezielt auf diese Änderungen hinwirkt. Das liberale Prinzip der individuellen Autonomie sieht Beraldo auch dann unterminiert, wenn der Architekt der Entscheidungssituation - zum Beispiel der Gesetzgeber im Falle der Regelung zur Organspende - seine Motive zur Verhaltensbeeinflussung offenlegt.

Ob sich politische Verantwortliche durch die Bereitstellung dieser Information durch Beraldo zu zusätzlicher Reflexion und somit ohne Eingriff in ihre individuelle Autonomie werden nudgen lassen, bleibt abzuwarten.

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