Für wirtschaftliche Freiheit und Steuerwettbewerb


Menu


Für wirtschaftliche Freiheit und Steuerwettbewerb


de.irefeurope.org

Startseite > Diskussionsbeiträge > Artikel > 20 Jahre Riester-Rente: Warum ist die staatlich geförderte private (...)

20 Jahre Riester-Rente: Warum ist die staatlich geförderte private Altersvorsorge gescheitert?

Freitag 13. August 2021, von Kalle Kappner

Vor 20 Jahren kündigte die rotgrüne Bundesregierung unter Gerhard Schröder einen grundlegenden Kurswechsel in der Rentenpolitik an. Das übergreifende Ziel des Altersvermögensgesetzes von 2001 ist es, die private, kapitalgedeckte Altersvorsorge neben bestehenden gesetzlich-umlagefinanzierten und betrieblichen Strukturen zu etablieren. Als zentrales Instrument dient die sogenannte Riester-Rente, in deren Rahmen individuelle Sparanlagen zur Altersvorsorge durch staatliche Zuschüsse und Steuerfreibeträge gefördert werden.

Zwei Jahrzehnte später gilt die Riester-Rente als gescheitert. Die Zahl der geförderten Verträge stagniert seit 2015 bei etwa 16 Millionen, rund jeder fünfte bestehende Vertrag ruht und das Fördervolumen steigt nur noch geringfügig. Der Umfang des „Riester-Marktes“ reicht eindeutig nicht aus, um die aus der Kürzung der gesetzlichen Rentenversicherung resultierende Alterseinkommenslücke zu schließen.

Als fundamentaler Geburtsfehler der „dritten Säule“ der deutschen Rentenversicherung erweist sich die Einschränkung des Förderkatalogs auf niedrigverzinste, durch institutionelle Anleger verwaltete Finanzprodukte mit geringem Eigenkapitalcharakter. Diese Marktverengung nützt den traditionellen Versicherern, untergräbt jedoch das allgemeine Interesse an privater Vorsorge.

Still und heimlich beerdigt

Wenngleich die Riester-Rente schon früh nach ihrer Einführung kritisiert wurde, wies in den ersten Jahren wenig auf die späteren Akzeptanzprobleme hin. In den Leitmedien tauchte das „Narrativ des Scheiterns“ erstmals im Zusammenhang mit der nach 2015 ungünstigen Entwicklung von Vertragsabschlusszahlen, Versicherungssummen und staatlichen Zuschüssen auf, wie Nullmeier (2021) zeigt. In einem letzten Kraftakt versprach die Große Koalition 2018, die Riester-Rente zukunftstauglich umzugestalten. Doch die für die laufende Legislaturperiode geplante Reform blieb aus. De facto wird die Riester-Rente damit still und heimlich beerdigt.

Aus Sicht eines vor zwei Jahrzehnten lebenden Beobachters muss diese Entwicklung überraschend erscheinen. Um die Jahrhundertwende genoss der Ausbau der privaten Altersvorsorge angesichts der maroden Umlagefinanzierung breite gesellschaftliche Zustimmung. International setzten viele Staaten auf die Schaffung oder den Ausbau eines subventionierten, kompetitiven Marktes für Altersvorsorgeanlagen. Doch anders als in der Schweiz oder den USA weckt die private Altersvorsorge in Deutschland heute wenig positive Assoziationen. Wie konnte es dazu kommen?

Unmittelbare Gründe: Hohe Gebühren, geringe Rendite, komplizierte Verträge

Die unmittelbaren Gründe für die geringe Riester-Bereitschaft der deutschen Sparer sind kein Mysterium: Förderungsfähig sind grundsätzlich nur Anlagepläne, die eine Mindestverzinsung bzw. Garantie einbezahlter Beträge versprechen, also solche mit einem starken Fokus auf wenig riskante, geringverzinste Anlagetitel. Nach Abzug der oft hohen Vertrags- und Verwaltungsgebühren institutioneller Anleger fällt die Riester-Rendite daher trotz staatlicher Zulagen meist gering aus.

Als sekundäre Ursache für das Scheitern gilt die geringe finanzielle Allgemeinbildung deutscher Sparer, die unrealistisch hohen statistische Lebenserwartung, mit der Versicherer kalkulieren, sowie Informationsasymmetrien aufgrund intransparenter Produktgestaltung. Zusätzlich untergraben die Finanzkrise nach 2008 sowie die aktuelle Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank das Interesse am „Riestern“ und privater Vorsorge im Allgemeinen.

Konstruktionsfehler: Wenig Wahlfreiheit, wenig Wettbewerb

Hohe Effektivkosten, geringe Transparenz, niedrige Renditen - diese Probleme sind sattsam bekannt und wirken nicht prinzipiell unlösbar. Entsprechend mangelte es in den letzten 20 Jahren nicht an Reformvorschlägen und -versuchen. Dass die „dritte Säule“ dennoch nicht zu einem echten Renten-Stützpfeiler geworden ist, hat tieferliegende Gründe, die ohne einen Neustart möglicherweise nicht beseitigt werden können.

Walter Riester und Bert Rürup, die Erfinder der Riester- und der ähnlich aufgebauten Rürup-Rente, sehen den Geburtsfehler in der mangelnden Versicherungspflicht. Doch der Zwang zur Teilnahme an einem unattraktiven System würde die bestehenden Probleme lediglich kaschieren. Dass der vor 20 Jahren angedachte Markt für private Altersvorsorgeprodukte so unattraktiv geblieben ist, liegt in erster Linie an der aus Kapitalgarantie und Mindestverzinsung resultierenden doppelt eingeschränkten Wahlfreiheit der Sparer: Sowohl der Katalog förderungsfähiger Anlagetitel, als auch die Auswahl der sparplanumsetzenden Versicherer fällt zu bescheiden aus, um rasche Effizienzsteigerungen im Interesse der Anleger zu bewirken.

Traditionelle Versicherer dominierten Gesetzgebungsprozess

Doch worin liegt die politische Entscheidung für einen wettbewerbs- und risikoaversen Vorsorgemarkt begründet? Anderson (2015) sieht im Mindestverzinsungs- und Kapitalgarantiegebot die konsequente Weiterführung des konservativen Bismarck’schen Wohlfahrtsstaatsideals. Hingegen zeigen Naczyk und Hassel (2019) anhand einer Analyse des dem Altersvermögengesetz vorangegangenen Reformdiskurses, dass diese maßgeblichen Bausteine erst 2001 zum unverhandelbaren Bestandteil des Reformpakets wurden. Die Autoren zeichnen nach, wie es einer Interessenkoalition aus etablierten Versicherungen und institutionellen Anlegern gelang, den Vorsorgemarkt auf die von ihnen präferierten Produkte zu beschränken. Dass dieser Interessenkoalition viel an einer sicheren Profitquelle durch Verwaltung der Riester-Verträge liegt, ist nicht überraschend. Doch weshalb gelang ausgerechnet ihnen eine „regulatorische Vereinnahmung“?

Naczyk und Hassel (2019) sehen den ausschlaggebenden Grund in der Entscheidung, die staatlich-umlagefinanzierte Rente zeitgleich abzusenken. Dadurch sei die Frage der Rentenreform von einer technisch-finanzpolitischen zu einer ethisch-sozialpolitischen geworden, die Gewerkschaften und andere Interessengruppen mit starken verteilungspolitischen Interessen auf den Plan rief. Den stärker auf eine eigenkapitalfokussierte, renditeorientiere Marktgestaltung abzielenden Finanzakteuren - Investmentfonds, Geschäftsbanken und börsennotierten Unternehmen - gelang es in Folge nicht, ihre präferierten Produkte im Förderkatalog zu platzieren. Röper (2021) zeigt, dass gegensätzliche rentenpolitische Präferenzen zwischen etablierten Versicherern und börsennaher Finanzindustrie schon seit den 1990ern bestehen.

Auch Versicherer kehren Riester den Rücken zu

Ihre einmal gewonnenen Privilegien im privaten Vorsorgemarkt verteidigten die Versicherer in den Folgejahren erfolgreich: Viele Ecken und Kanten der Riester-Rente wurden abgeschliffen, doch die effektive Beschränkung auf niedrigverzinste, wenig riskante Anlageklassen überdauerte alle Reformbemühungen.

Doch angesichts anhaltender Niedrigzinsen sinkt das Interesse am Riester-Markt auch auf der Anbieterseite. 2022 wird der Garantiezins für Riester-Anlagen von 0,9 auf 0,25 % sinken. Auch der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft bezweifelt, dass unter diesen Konditionen noch genügend Kunden akquiriert werden können. Eine Ausweitung des Förderkatalogs auf riskantere, renditeträchtigere und durch Banken, Investmentfonds oder gar ohne Mittelsmänner administrierte Anlageklassen sieht das Reformkonzept der Versicherungswirtschaft indes nicht vor. Aus Sicht der Branche ist das Festhalten am derzeitigen regulatorischen Komplex auch bei sinken Profiten die beste Option.

Neustart: Wahlfreiheit und Wettbewerb in der Privatvorsorge

Der folgenreichste, in der öffentlichen Diskussion jedoch wenig beachtete Kollateralschaden der gescheiterten Riester-Rente ist das mangelnde Interesse an privater Altersvorsorge. Um die kapitalgedeckte Vorsorge zu rehabilitieren, sollten zukünftige Fördersysteme die ganze Bandbreite des Kapitalmarkts abbilden - inklusive risiko- und ertragreicherer Anlageklassen außerhalb des Geschäftsbereichs der traditionellen Versicherer.

https://de.irefeurope.org/Diskussionsbeitrage/Artikel/article/20-Jahre-Riester-Rente-Warum-ist-die-staatlich-geforderte-private-Altersvorsorge-gescheitert

Eine Nachricht, ein Kommentar?

Vorgeschaltete Moderation

Achtung, Ihre Nachricht wird erst nach vorheriger Prüfung freigegeben.

Wer sind Sie?
Hinterlassen Sie Ihren Kommentar hier.

Abonniere unseren Newsletter