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Die Jahre vor Corona: Weniger materielle Entbehrungen

Donnerstag 24. Juni 2021, von Fabian Kurz

Pessimistische Berichte über die schlechte Entwicklung der finanziellen Situation deutscher Haushalte finden sich regelmäßig in den Medien. Die Armutsgefährdungsquote ist in Deutschland in den vergangen 10 Jahren gestiegen. Laut Statistischem Bundesamt galten im Jahr 2019 15,9 Prozent als armutsgefährdet. 10 Jahre zuvor waren es weniger, nämlich 15,4 Prozent. Der Gini-Index für die verfügbaren Einkommen deutscher Haushalte, ein Maß für die Ungleichheit von Einkommen, ist im gleichen Zeitraum von 29,1 auf 29,7 gestiegen. Die Einkommensungleichheit nahm folglich leicht zu. Allerdings sind die Reallöhne seit 2010 im Durchschnitt jährlich um etwa ein Prozent gestiegen.

Ging der Aufschwung der vergangenen Jahre tatsächlich gänzlich an ärmeren Haushalten vorbei? Daten von Eurostat zeichnen ein positiveres Bild - bis zum Pandemiejahr 2020.

Vor Corona: Schöner wohnen

Trotz gestiegener Mietpreise waren im Jahr 2019 nur 1,4 Prozent der Haushalte nicht in der Lage, rechtzeitig ihre Miete zu zahlen. Im Jahr 2009 lag der Anteil noch bei 2,5 Prozent. Entsprechende Daten für das „Corona-Jahr 2020“ liegen noch nicht vor.

Allerdings liegen Daten vor, die zeigen, ob Haushalte ihre Wohnungen angemessen heizen können. Diese Daten zeigen ebenfalls eine erfreuliche Entwicklung vor Corona. Obwohl die Energiepreise und damit die Nebenkosten gestiegen sind, konnten im Jahr 2019 nur 2,5 Prozent der Haushalte ihre Wohnungen nicht angemessen heizen. 10 Jahre zuvor betraf dies anteilig mehr als doppelt so viele Haushalte. Für das Jahr 2020 ist allerdings eine deutliche Verschlechterung zu verzeichnen. Fast jeder 10. Haushalt konnte seine Wohnung nicht angemessen heizen.

Besserverdienende Haushalte haben in der Regel keine Schwierigkeiten, die Miete rechtzeitig zu entrichten und angemessen zu heizen. Die Entwicklung lässt also den Schluss zu, dass sich die finanzielle Belastung durch Wohnkosten von Haushalten mit niedrigen Einkommen von 2009 bis 2019 verringert hat, um dann 2020 deutlich anzusteigen.

Der Rückgang des Anteils der Haushalte, die vor Corona starke Schwierigkeiten hatten, ihre Wohnkosten monatlich zu stemmen, passt zur Entwicklung der finanziellen Belastung durch Wohnkosten. Trotz deutlicher regionaler Unterschiede ist die Belastung im betrachteten Zeitraum bis 2019 zurückgegangen. Im Durchschnitt verwandten deutsche Haushalte im Jahr 2019 25,9 Prozent ihrer verfügbaren Einkommen auf Wohnkosten. 10 Jahre zuvor lag der Anteil noch bei 30,9 Prozent. Zahlen für 2020 liegen noch nicht vor.

Auch die subjektiv wahrgenommene Belastung durch Wohnkosten war rückläufig. Während 2009 noch 20,5 Prozent der Haushalte angaben, die gesamten Wohnkosten - Kaltmiete zuzüglich Nebenkosten - als große Belastung zu empfinden, waren es 2019 noch 12,2 Prozent. Ein ähnlich starker Rückgang lässt sich nach Angaben des Statistischen Bundesamtes auch bei dem als armutsgefährdet eingestuften Teil der Bevölkerung beobachten. Für diese einkommensschwache Gruppe sank der Anteil der Haushalte, für die die Wohnkosten eine große Belastung darstellten, von 31,9 auf 21,8 Prozent. Daten für das Corona-Jahr 2020 liegen auch diesbezüglich noch nicht vor.

Während vor 2020 weniger Haushalte ihre Wohnkosten als belastend empfanden, wurden Wohnungen im Durchschnitt größer. Die Wohnfläche je Einwohner ist über die vergangenen Jahrzehnte deutlich gestiegen. Nach der Wiedervereinigung bewohnte jeder Einwohner Deutschlands durchschnittlich 35 Quadratmeter. 2019 waren es 47 Quadratmeter, zwei Quadratmeter mehr als 2010.

Unerwartete Ausgaben, PKW, Urlaub

Die positive Entwicklung vor dem Jahr 2020 zeigt sich auch abseits der Wohnsituation. Unerwartete Ausgaben konnte 2009 über ein Drittel der Haushalte nicht bestreiten. 10 Jahre später war es nur noch ein Viertel. Im Pandemiejahr 2020 ist der Anteil der Haushalte, der unerwartete Ausgaben nicht schultern kann, auf 37,7 Prozent hochgeschnellt.

2009 konnte es sich fast jeder 4. Haushalt nicht leisten, jährlich eine Woche Urlaub zu machen. 2019 traf das nur noch auf 12,7 Prozent der Haushalte zu. Mit 22,3 Prozent der Haushalte, die sich im Jahr 2020 keinen Urlaub leisten konnten, ist der Anteil zwar im Vergleich zu 2019 gestiegen, aber weiter unter dem Höchstsand aus dem Jahr 2006 mit 27 Prozent.

8,6 Prozent der Haushalte konnten sich 2009 nach eigenen Angaben nicht jeden zweiten Tag eine vollwertige warme Mahlzeit leisten. 2019 war ihr Anteil auf 5,3 Prozent gefallen. Im Jahr 2020 ist der Anteil allerdings sprunghaft auf 16,8 Prozent angestiegen - ein trauriger Rekord seit der Erhebung der Daten im Jahr 2005.

Bezüglich des eigenen Autos haben sich die Haushalte 2020 allerdings nicht zusätzlich eingeschränkt, möglicherweise weil der kurzfristige Verkauf eines PKW zum einen nicht ohne weiteres möglich ist und der eigene PKW in der Pandemie besonders nützlich war.

Früher war alles besser?

Wesentliche materielle Einschränkungen betrafen 2019 weniger Haushalte als eine Dekade zuvor. In den 10 Jahren vor der Pandemie hat sich das Leben für viele Haushalte in Deutschland materiell verbessert, auch für solche mit relativ niedrigen Einkommen.

Entgegen der weit verbreiteten Wahrnehmung führte auch die Entwicklung der Wohnkosten nicht zu ausgeprägteren materiellen Entbehrungen als in der Zeit vor dem rasanten Anstieg von Mietpreisen und Kaufpreisen ab etwa dem Jahr 2010.

2020 hat die Corona-Pandemie diesen langfristigen positiven Trend jäh unterbrochen. Wie schnell die pandemiebedingte Verschlechterung der materiellen Situation kompensiert werden kann und welche bleibenden negativen Folgen die Pandemie nach sich ziehend wird, werden die kommenden Jahre zeigen.

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