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Knochenjob Krankenpfleger: Ein Opfer der Privatwirtschaft?

Freitag 21. Mai 2021, von Kalle Kappner

In Deutschland arbeiten rund 1,1 Millionen Menschen in der Krankenpflege. Ihr Beruf gilt vielen als undankbarer Knochenjob - schlechte Bezahlung, haufenweise Überstunden, wenig gesellschaftliche Anerkennung. Im Zuge der Corona-Krise ist die aus Personalmangel resultierende emotionale und physische Belastung des Krankenhauspersonals erneut in den Fokus gerückt; der sogenannte „Pflegenotstand“ ist jedoch schon seit Jahrzehnten Dauerbrenner.

Angesichts der als wenig attraktiv geltenden Arbeitsbedingungen und des gleichzeitig viel beklagten „Fachkräftemangels“ kommen nicht wenige Beobachter zu dem Schluss, dass die in den vergangenen Jahrzehnten stattgefundene Privatisierung von Krankenhäusern keineswegs im Sinne der Pflegekräfte wirkt. Gewerkschaften, Betriebsräte, linke Parteien und der Beamtenbund führen die Pflegemisere auf das wachsende Engagement privater Träger zurück, deren Profitstreben adäquaten Arbeitsbedingungen entgegenstehe und die öffentlichen Träger unter Druck setze.

Die überdurchschnittlich gestiegenen Krankenpflegerlöhne deuten indes auf einen intakten Arbeitsmarkt hin, in dem auch gewinnorientierte Krankenhäuser ihrem Personal nicht einseitig unattraktive Arbeitsbedingungen diktieren können. Dass die nicht-monetären Lohnbestandteile nicht im gleichen Maße attraktiver werden, ist teilweise auf die staatliche Preisregulierung auf Basis von Fallpauschalen zurückzuführen, die es privat wie staatlich betriebenen Krankenhäusern erschwert, höhere Personalkosten an die Patienten bzw. deren Versicherungen weiterzugeben. Eine Flexibilisierung der Krankenhausbudgets würde diesen Gestaltungsspielraum erweitern - und damit dem Pflegepersonal zugutekommen.

Bruttogehalt nah am deutschen Durchschnitt

Das traditionelle Klischee des schlecht bezahlten Krankenpflegers hält sich hartnäckig, entspricht der Realität jedoch kaum noch. Bei Bund, Ländern oder Kommunentarifvertraglich beschäftigte Krankenpflegerkommen auf ein Bruttoeinstiegsgehalt von 33.000 bis 35.000 € jährlich, das mit der Zeit auf knapp 44.200 € steigen kann. Viele kirchliche und karitative Träger zahlen ähnliche Tariflöhne. Private Einrichtungen zahlen schätzungsweise 10 % weniger, mussten die Löhne in der Vergangenheit aber ebenfalls deutlich heben. Zwischen 2010 und 2020 stieg das Bruttogehalt von Gesundheitspflegern um 32,9 %; im Durchschnitt aller Berufe waren es 21,2 %. Die Verhandlungsrunde im September 2020 ergab ein sattes Plus von fast 9 % über die nächsten zwei Jahre für Pflegeberufe. Unabhängig vom Arbeitgeber kommen steuerfreie Zuschläge für Nachtschichten und Arbeit an Sonn- und Feiertagen dazu.

Je nach Qualifikation und Spezialisierung kann das Gehalt erheblich variieren - eine Bereichsleiterin verdient doppelt so viel wie ein angelernter Pflegehelfer. Auch zwischen den Bundesländern gibt es Unterschiede - das monatliche Entgelt im Saarland liegt fast 700 € über dem brandenburgischen. Selbstauskünfte über das Gesamtentgelt auf den Karriereportalen Stepstone und Payscale kommen auf durchschnittlich 35.600 bzw. 36.000 € - hier dürften jüngere Arbeitnehmer überrepräsentiert sein. Der Entgeltatlas der Bundesagentur für Arbeit gibt dagegen ein über Regionen, Arbeitgeber und Qualifikationsniveaus gemitteltes Median-Bruttovollzeitentgelt von rund 42.500 € an - nah am Median aller deutschen Arbeitnehmer (43.200 €). Auch im internationalen Vergleich fallen deutsche Krankenpflegergehälter ins Mittelfeld, wie der Healthcare Salary Index der OECD zeigt.

Hohe Arbeitsbelastung aufgrund Personalmangels

Die günstige Lohnentwicklung spiegelt den seit Jahrzehnten anhaltenden Personalmangel in deutschen Krankenhäusern wider. Frisch ausgebildete Krankenpfleger sind gefragt und können bei der Wahl des Arbeitgebers wählerisch sein - ihr Job gilt in 13 Bundesländern als Engpassberuf. Ausgeschriebene Stellen bleiben durchschnittlich 174 Tage vakant, weitaus länger als im Schnitt aller Stellen (124 Tage). Unter ausgebildeten Krankenpflegern ist die Arbeitslosigkeit gering.

Der leergefegte Arbeitsmarkt für Pflegekräfte mag Berufseinsteigern schmeicheln, doch die vielen unbesetzten Stellen führen zur Überbelastung des angestellten Personals. 2012 betreute ein Pfleger im Schnitt 10,5 Patienten. Zwar reagierte die Politik in den vergangenen Jahren mit zahlreichen Reformanstrengungen zur Ausweitung des Pflegepersonals und vermehrter Anwerbung ausländischer Fachkräfte - bisher allerdings mit mäßigem Erfolg: Heute kommen 13 Patienten auf eine Pflegekraft, weitaus mehr als in den meisten OECD-Ländern.

Der ungünstige Personalschlüssel, Arbeitsverdichtung und ungeplante Einsätze für ausfallende Kollegen sowie Nacht- und Wochenendarbeit führen zu viel Stress, Burnouts und Personalfluktuation. Wenngleich Krankenpfleger im Mittel gut verdienen, scheinen sich die nicht-monetären Arbeitsbedingungen nicht im selben Maße zu verbessern.

Arbeitsmarkt für Krankenpfleger funktioniert

Das ansehnliche und in den vergangenen Jahren deutlich gestiegene Lohnniveau illustriert, dass Krankenhäuser, ob privat oder öffentlich, auf den anhaltenden „Fachkräftemangel“ mit höheren Lohnangeboten reagieren - genau, wie es auf einem funktionierenden Arbeitsmarkt zu erwarten ist. Auch die wissenschaftliche Literatur kommt zu dem Schluss, dass herkömmliche Anreizmechanismen auf dem Arbeitsmarkt für Krankenpfleger wirken.

Weshalb gestalten die Krankenhäuser neben den Löhnen nicht auch den Arbeitsalltag des Pflegepersonals attraktiver, beispielsweise indem sie mehr Personal einstellen? Kritiker weisen auf die wachsende Rolle privater Träger hin, deren Anteil zwischen 2008 und 2017 von 30,6 % auf 37 % gestiegen ist. Nicht zuletzt aufgrund der geringen Streikbereitschaft des für Patienten lebenswichtigen Pflegepersonals könnten profitorientierte Krankenhäuser Kosten zulasten des Personals senken, was letztlich auch die bei öffentlichen Trägern herrschenden Standards untergraben könnte.

Der Fokus auf die Gewinnorientierung greift jedoch zu kurz. Sowohl private, als auch öffentliche Krankenhäuser finanzieren sich zu 70 bis 90 % aus dem seit 2004 geltenden Fallpauschalen-System, das jeder medizinischen Leistung einen bundesweit einheitlich Preis zuordnet und die laufenden Budgets deckelt. Zwar werden die Fallpauschalen jährlich angepasst, doch kurzfristig können steigende Personalkosten nicht über Preise an Patienten bzw. deren Versicherungen weitergeben werden. Darüber hinaus werden Qualitätsabstufungen im geltenden Abrechnungssystem nicht differenziert abgebildet. Eine Qualitätssteigerung, etwa durch eine bessere Personalausstattung, kann somit nicht einmal mittelbar an die Versicherungen weitergegeben werden.

Krankenhäuser verspüren daher unabhängig von einer Gewinn- oder Gemeinnutzorientierung einen starken Anreiz, die gewerkschaftlich erkämpften Lohnsteigerungen durch Personaleinsparungen und Arbeitsverdichtung gegenzufinanzieren. Entsprechend überzeichnen die stark steigenden Löhne der Pflegeberufe deren Attraktivität im Vergleich zu anderen Branchen, in denen bei ähnlichem Lohnniveau mehr Flexibilität bezüglich der Gestaltung von monetären und nicht-monetären Lohnbestandteilen besteht.

Bessere Arbeitsbedingungen durch mehr Budgetflexibilität

In Deutschlands sozialer Marktwirtschaft wird ein Großteil der Lohnfindung durch das Zusammenspiel gewinnorientierter Arbeitgeber und gewerkschaftlich organisierter Arbeitnehmer organisiert - zugunsten aller Beteiligten. Es spricht wenig dafür, dass dieser bewährte Mechanismus ausgerechnet im Gesundheitssektor versagt und zu systematischer Ausbeutung des Personals führt.

Nicht die Gewinnorientierung der Privatkliniken, sondern der geringe Budgetspielraum der Krankenhäuser ist für die ambivalente Arbeitsmarktsituation des Pflegepersonals verantwortlich. Kurzfristig können konzertierte Interventionen wie die jüngste Pflegepersonaluntergrenzen-Verordnung Abhilfe schaffen, sofern sie zusätzliche Finanzierungsmöglichkeiten schaffen. Mittelfristig sollte den Krankenhäusern mehr Flexibilität in der Einnahmengestaltung zugestanden werden.

https://de.irefeurope.org/Diskussionsbeitrage/Artikel/article/Knochenjob-Krankenpfleger-Ein-Opfer-der-Privatwirtschaft

Ihr Kommentar

  • Am 25. Mai um 08:12, von Alfred Reimann Antwort auf: Knochenjob Krankenpfleger: Ein Opfer der Privatwirtschaft?

    Hallo Kalle, danke für den spannenden Artikel.

    Mehr Freiheit und vor allem mehr Leistungs-Gerechtigkeit, ein Abbau von politischen Gruppen-Privilegien, wird ohne die Verringerung der Existenz-Angst kaum gelingen.

    Dabei ist heute die Existenz-Angst in Deutschland keine materielle, sondern eine finanzielle Angst.

    Da ich meine Forschungen als ehemaliger Jungunternehmer, ich gründete meine erste Firma in 1977, ohne Abitur und akademischen Abschluss, nicht anders finanzieren konnte, bin ich seit Juni 2008 Mitarbeiter der größten Firma in Deutschland, dem Job-Center Berlin-Lichtenberg.

    Die Mittel meiner Lebensgefährtin reichten nicht für das Uni-Vechta-Projekt (damals Hochschule) mit Prof. Dr. Peter Nitschke in 2008 und zur Bundestagswahl 2009, sowie einer Zweitwohnung in Berlin. Von meiner Pleite 2003 bis 2008 habe ich meine Gasthörerschaft und Studien aus den Geschenken meiner wenigen Unterstützer finanziert - vorwiegend der besten Lebensgefährtin, seit 40 Jahren, von allen.
    Nach meinen Erfahrungen ist es die finanzielle Existenz-Angst, die die Menschen dazu bringt sich wie die Ertrinkenden an den "Errungenschaften" von Gewerkschaften und anderen Lobby-Gruppen zu klammern. Sozialismus und Unfreiheit wird nicht ohne Not gewählt, obwohl sie noch nie gut funktioniert hat.

    Ohne ein Natur-BGE für alle, von der Wiege bis zur Bahre, aus der gerechteren Verteilung der sogenannten "leistungslosen" Einkommen, aus der Nutzung der Natur-Ressourcen, werden mehr Freiheit und Gerechtigkeit kaum möglich werden.
    In meinem aktuellen Buch Projekt, Arbeitstitel "Oeko-Sozialer-Kapitalismus" (OSK), zeige ich im Kapitel "Der gute Staat - vom Wesen der Herrschaft", wie eine Gesellschafts-Ordnung mit mehr Freiheit für alle aussehen könnte. Bei Interesse sende ich Dir und Ihnen gern ein PDF unter info@alfredreimann.de.
    Danke für Eure Aufmerksamkeit, es wird dringend Zeit auch die liberalen Ideen dem dritten Jahrtausend anzupassen (weiterentwickeln und ergänzen)!
    Oft bin ich mir nicht sicher, wer der Freiheit und dem Kapitalismus mehr Schaden zufügt - ihr Feinde oder ihre Freunde?

    Weiterhin viel Freude und Erfolg wünscht Euch euer Freiheits-Freund Alfred Reimann

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