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Konjunktur und Gesundheit: Ärmer und gesünder?

In Reaktion auf die Covid19-Epidemie hat die Bundesregierung umfangreiche Maßnahmen zur Reduzierung sozialer Kontakte beschlossen, etwa Kontaktsperren, Ladenöffnungsverbote, Heimarbeitsgebote und andere Einschränkungen der Bewegungsfreiheit. Während diese Maßnahmen mit hoher Wahrscheinlichkeit zur Eindämmung des Virus beitragen und damit Leben retten, haben sie - wie auch freiwillige individuelle Schutzmaßnahmen - unerwünschte Auswirkungen auf das kulturelle, familiäre und wirtschaftliche Leben. Zu den Folgen gehört auch ein Konjunkturabschwung, der die Finanzkrise 2008 übertreffen dürfte.

Befürworter der Eindämmungsmaßnahmen sind überzeugt, dass die so geretteten Menschenleben auch die hohen Kosten einer Rezession rechtfertigen - Bundesfinanzminister Olaf Scholz etwa hält die Abwägung von Menschenleben gegen die wirtschaftlichen Folgen der Maßnahmen für „unerträglich“. Während Kritiker der Maßnahmen darauf hinweisen, dass Wirtschaftsabschwünge ebenfalls Menschenleben kosten können, verweisen Befürworter auf die Gefahr, dass zu zaghafte Eindämmungsmaßnahmen in der kurzen Frist noch stärkere Eindämmungsmaßnahmen in der langen Frist erforderlich machen - und damit einen noch stärkeren Konjunkturabschwung provozieren.

Haben die Kritiker bestehender Eindämmungsmaßnahmen recht mit der Vermutung, dass Wirtschaftsabschwünge Menschenleben kosten? Die empirische Literatur kann bisher keine eindeutige Antwort auf die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Konjunkturzyklus und öffentlicher Gesundheit geben. Während in den Industriestaaten die durchschnittliche Sterblichkeit an den meisten Todesursachen in Abschwüngen kurzfristig eher abnimmt, legen auf Individualdaten basierende Studien nahe, dass von Arbeitslosigkeit oder Einkommenseinbußen betroffene Individuen langfristig erhebliche Nachteile erleiden, inklusive einer geringeren Lebenserwartung.

Kontraintuitiv: Milde Abschwünge gut für die Gesundheit

Ruhm (2000) zeigt für US-Staaten zwischen 1972 und 1991, dass viele Gesundheitsindikatoren wie allgemeine und ursachenspezifische Sterberaten kontrazyklisch mit dem Auf und Ab der Wirtschaft variieren: Steigt die Arbeitslosenrate relativ zum historischen Mittelwert um einen Prozentpunkt, sinkt die Sterblichkeit um ein halbes Prozent. Seitdem wurde dieser zunächst kontraintuitiv erscheinende Befund auch für andere Länder und Zeiträume dokumentiert, beispielsweise für die europäischen Länder (Granados und Ionides 2017; Ballester et al. 2019), die USA im gesamten 20. Jahrhundert (Granados 2005), Asien (Lin 2011), Deutschland (Neumayer 2004) und Spanien (Redigor et al. 2016).

Wenngleich die meisten Studien ergeben, dass höhere Arbeitslosigkeit und niedrigeres Wachstum mit niedrigeren Sterberaten einhergehen, gibt es abweichende Befunde: Athina et al. (2008) finden für die EU-Länder und Margerison-Zilko et al. (2016) für die Finanzkrise 2008 steigende Sterberaten im Zuge steigender Arbeitslosigkeit und abnehmenden Wirtschaftswachtums. Nguyen und Nguyen (2016) findet keinerlei Zusammenhang für US-Counties in der Finanzkrise.

Eine mögliche Ursache für die gesundheitsförderlichen Effekte von Abschwüngen ist ein mehr an Freizeit, das Arbeitslose haben, wenn auch unfreiwillig. Zusätzliche Freizeit kann Stress und riskantem Verhalten vorbeugen, wenn die Einkommensausfälle dank sozialer Sicherungssysteme kurzfristig moderat sind. Es passt ins Bild, dass während wirtschaftlicher Aufschwünge mehr Menschen an positiv mit Stress korrelierten Umständen wie Übergewichtigkeit, Immunschwäche, Schlafmangel, Herzstörungen und starkem Konsum gesundheitsschädlicher Substanzen sterben. Nur wenige Studien untersuchen diese Zusammenhänge explizit. Ásgeirdóttir et al. (2016) dokumentieren während der isländischen Rezession 2008-2012 einen Rückgang gesundheitsschädlicher Verhaltensweisen unter betroffenen Arbeitslosen. Stevens et al. (2015) untersuchen den Zusammenhang zwischen Sterblichkeit und Arbeitslosigkeit in US-Staaten für unterschiedliche demographische Gruppen und finden keine Hinweise für eine tragende Rolle von Verhaltensänderungen seitens betroffener Arbeitnehmer. Gut dokumentiert ist allerdings, dass Suizide während wirtschaftlicher Abschwünge deutlich zunehmen (Oyesanya et al.2015; Harper et al. 2015; Stuckler et al. 2009; Ruiz-Perez et al. 2017).

Neben individuellen Verhaltensmustern kommen auch Erklärungen in Betracht, welche soziale Nebenfolgen wirtschaftlicher Aktivität in den Vordergrund rücken. So wurden etwa die in Rezessionen abnehmende Luftverschmutzung (Su et al. 2015) und die durch abnehmenden Güterverkehr geringeren Verkehrsrisiken (He 2016) mit dem Rückgang der Sterblichkeit in Zusammenhang gebracht.

Wirtschaftskrisen schaden der Gesundheit

Weitere Befunde deuten darauf hin, dass der positive Zusammenhang zwischen Rezessionen und Gesundheit lediglich für milde Wirtschaftsabschwünge in wohlhabenden Gesellschaften gilt. In weniger wohlhabenden Gesellschaften wie Indien (Bhalotra 2010), Peru (Paxson und Shady 2005) und der Elfenbeinküste (Jensen 2000) gehen wirtschaftliche Abschwünge dagegen mit einer Verschlechterung von Gesundheitsindikatoren einher. Pérez-Moreno et al. (2016) zufolge steigt die Kindersterblichkeit in Entwicklungsländern während Rezessionen stark an. Auch für die heutigen Industriestaaten war dies bis kurz nach dem zweiten Weltkrieg noch der Fall (Ensor et al. 2010). Kurzfristig positive Gesundheitseffekte durch wirtschaftliche „Entschleunigung“ scheinen ein auf reiche Gesellschaften mit sozialen Sicherungssystemen beschränktes Phänomen zu sein (Falagas et al. 2009).

Während Ruhm (2016) für US-Staaten dokumentiert, dass besonders schwere Rezessionen mit einer stärkeren Besserung von Gesundheitsindikatoren einhergehen, tragen Studien, die sich speziell mit größeren Wirtschaftskrisen in Industriestaaten des 20. Jahrhundert beschäftigen, gemischte Befunde zu Tage. Die konjunkturellen Einbrüche nach dem Fall des Ostblocks etwa gingen mit einem deutlichen Zuwachs der Sterblichkeit und ungünstigen Gesundheitseffekten einher (Leon 2011; Leon et al. 1998), während für die Weltwirtschaftskrise der 1930er keine eindeutigen Effekte gefunden wurden (Granados und Diez Roux 2009; Stuckler et al. 2012).

Individualdaten legen negative Langzeitfolgen nahe

Wie Stuckler et al. (2015) und Lindo (2015) betonen, hängen die gemessenen Zusammenhänge zwischen Wirtschafts- und Gesundheitsindikatoren stark davon ab, welche Untersuchungseinheiten und Zeiträume der jeweiligen Studie zugrunde liegen. Während auf Aggregateinheiten (wie Ländern) basierende Studien wie Ruhm (2000) für sich beanspruchen können, plausibel durchschnittliche Effekte für die gesamte Bevölkerung zu ermitteln, gelingt es in diesen Studien nicht, zeitlich verzögerte Gesundheitseffekte zu messen und die in Durchschnittswerten zusammengefassten Unterschiede innerhalb von Gruppen zu bewerten. Ein breiter Übersichtsartikel (Catalano et al. 2011), der neben Studien von Ökonomen auch solche von Medizinern einschließt, kommt zu einem gemischten Urteil und betont, dass es weiterhin viel Evidenz für die klassische Annahme negativer Gesundheitseffekte durch Wirtschaftsabschwünge gibt.

Insbesondere jüngere, oft auf Individualdaten basierende Studien bewerten die Folgen wirtschaftlicher Abschwünge kritischer. So zeigen Sullivan und von Wachter (2009), dass ungewollte Arbeitslosigkeit die Lebenserwartung betroffener junger US-Amerikaner um bis zu anderthalb Jahre senkt. Coile et al. (2014) finden dagegen, dass insbesondere ältere Arbeitnehmer Lebenszeiteinbußen aufgrund von Rezessionen während ihres Arbeitslebens erleiden. Für Schweden dokumentieren Vågerö und Garcy (2016) eine zunehmende Sterblichkeit bei während der Rezession von 1992-1996 arbeitslos gewordenen Menschen in nahezu allen demographischen Gruppen. Auch Gerdtham und Johannesson (2005) finden in einer Langzeitstudie von über 40.000 Schweden einen negativen Zusammenhang zwischen Konjunkturindikatoren und Sterblichkeit - allerdings nur für Männer. Yilmazer et al. (2015) zeigen, dass sinkende Immobilienwerte während der Rezession von 2008 nachteilige Gesundheitseffekte hatten.

Zu den auf Aggregatdaten basierenden Studien passende Befunde haben Redigor et al. (2019) gefunden, die in einer Studie von 15 Millionen Spaniern wachsende Sterblichkeit während der wirtschaftlich erfolgreichen Jahre 2003-2007 und abnehmende Sterblichkeit während der Krise 2008-2011 dokumentieren. Cutler et al. (2016) zeigen, dass die Gesundheitseffekte von Auf- und Abschwüngen altersspezifisch sind: Junge Menschen bis 25 erleiden hinsichtlich ihrer Gesundheit und Lebenserwartung langfristig Nachteile, wenn sie eine Rezessionen erleben, ältere Menschen dagegen eher Vorteile.

Gesundheitliche Folgen des Wirtschaftseinbruchs nicht eindeutig

Menschen in reichen Gesellschaften leben gesünder und länger als Menschen in ärmeren Gesellschaften. Dieser universelle Befund legt nahe, dass Wirtschaftseinbrüche der Gesundheit schaden, Menschenleben kosten und einer in Abwesenheit von Eindämmungsmaßnahmen stärker wütenden Epidemie nicht eindeutig vorzuziehen sind. Die empirische Literatur legt jedoch nahe, dass zumindest von milden Wirtschaftsabschwünge in reichen Ländern wie Deutschland keine merkliche Gesundheitsgefahr ausgeht - im Gegenteil geht die wirtschaftliche „Entschleunigung“ kurzfristig mit einer vorteilhaften Entwicklung von Gesundheitsindikatoren einher, wenngleich Einzelne langfristig Nachteile erleiden können.

Die umfangreichen Freiheitseinschränkungen im Zuge der Covid-19-Epidemie müssen hinterfragt werden, sowohl hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Kosten, als auch hinsichtlich ihrer Folgen für den Rechtsstaat. Die empirische Literatur gibt indes wenig Grund dazu, mögliche gesundheitliche Auswirkungen des durch die staatlichen Eindämmungsmaßnahmen verstärkten Wirtschaftsabschwungs ins Zentrum einer Kritik der Maßnahmen zu stellen.

Bild (bearbeitet): Dele Oke/ Unsplash

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