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Operation Mangelwirtschaft: Gesundheitsversorgung in der DDR

Jahrzehnte nach dem Mauerfall ist ein nostalgisches Bild von der Gesundheitsversorgung in der DDR weit verbreitet. Darauf deutet auch eine 2014 durchgeführte Umfrage unter Einwohnern der neuen Bundesländer hin. Zwei von drei Befragten sehen im ehemaligen Gesundheitssystem eine besondere Stärke der DDR, während nur 55 % selbiges für das heutige Gesundheitssystem der BRD angeben. Die Wirklichkeit der DDR-Gesundheitsversorgung war allerdings wenig rosig. Die Gesundheitsversorgung in der DDR litt unter einem Mangel an Medikamenten und Verbrauchsmaterialien, einem schlechtem Bauzustand der medizinischen Einrichtungen und einem Ärztemangel. Die schlechte gesundheitliche Versorgung blieb nicht ohne Folgen. Neben einer eingeschränkten Lebensmittelversorgung und Umweltbelastungen hat das marode Gesundheitssystem der DDR dazu beigetragen, dass zur Wende DDR-Bürger eine 2,5 Jahre kürzere Lebenserwartung hatten als Menschen in Westdeutschland.

DDR-Gesundheitssystem: Fast komplett in Staatshand

Das Gesundheitssystem der DDR unterschied sich zu dem der Bundesrepublik in grundlegenden Merkmalen der Finanzierungs-, Leistungs- und Anbieterstruktur.

Die einkommensabhängigen Krankenversicherungsbeiträge flossen direkt in den Staatshaushalt, konnten allerdings nur gut die Hälfte der Gesundheitsausgaben der DDR decken. Die andere Hälfte wurde durch allgemeine Steuermittel ergänzt.

Das Gesundheitssystem der DDR war nahezu komplett staatlich. Die Krankenhäuser lagen 1989 laut dem Statistischen Jahrbuch der DDR zu 86 % in der Hand staatlicher Träger. Der Rest entfiel fast vollständig auf konfessionelle Einrichtungen. Im Jahr 1989 existierten in der gesamten DDR nur zwei privat betriebene Krankenhäuser. Privat niedergelassene Ärzte machten im Jahr 1989 noch 1 % aus. Eine weitere Besonderheit sind die Polikliniken der DDR. Hier wurden ambulante Angebote verschiedener Fachrichtungen unter einem Dach gebündelt. Eine Organisationsform, die sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten durchaus bewährt hat.

Gemäß der DDR-Verfassung hatte jeder Bürger das Recht auf Gesundheitsschutz, allerdings auch die Pflicht zur Gesundheitsfürsorge. So passt es ins Bild, dass es eine umfangreiche betriebliche Gesundheitsversorgung gab, die ihren Beitrag zur Erhaltung der Arbeitskraft leistete.

Mangel an Medikamenten und Verbrauchsmaterialien

Ein interner Bericht des Ministeriums für Staatssicherheit beschreibt 1987 den Mangel oder das „gänzliche Fehlen“ von Verbrauchsmaterialien wie Spritzen, Kathetern, Kanülen, Magen- und Nasensonden sowie Desinfektionsmitteln „als generelle Erscheinung“ im staatlichen Gesundheitswesen.

Die zu geringe Eigenproduktion von medizinischen Produkten sowie der Mangel-> an Devisen, um Präparate aus dem Westen einzukaufen, führte dazu, dass die ausreichende Versorgung mit Medikamenten nicht sichergestellt war. Es fehlten vor allem Antibiotika und Chemotherapeutika zur Krebsbehandlung. Die Staatssicherheit berichtete 1982 von einem Engpass beim Herzmedikament Pentalong, von dem der Hersteller nur ein Drittel der geforderten Menge produzieren konnte.

Veraltete technische Ausstattung

Auch über die technische Ausstattung des DDR-Gesundheitssystems gewähren die ausgewerteten Akten der Staatssicherheit einen Einblick. Selbst nach Einschätzung der Stasi lag die DDR in Forschung und Technik gegenüber westlichen Ländern etwa 10 Jahre im Rückstand. So wurden mitunter völlig veraltete Röntgenapparate eingesetzt, die teilweise durch das Amt für Atomsicherheit der DDR stillgelegt wurden. Besonders dramatisch war die Versorgungslage für Dialysepatienten. Nicht einmal die Hälfte des Bedarfs konnte gedeckt werden. Heute ist die Lage deutlich besser.

Medizinische Einrichtungen abbruchreif

Der Verfall der Bausubstanz in der DDR betraf neben Wohngebäuden auch Krankenhäuser und andere medizinische Einrichtungen. So schätzte das Ministerium für Staatssicherheit im Jahr 1989, dass 46 % der 500 Krankenhäuser in der DDR baulich verschlissen waren. Schließungen von Stationen, weil die Sicherheit nicht mehr gewährleistet werden konnte, waren keine Seltenheit. Zur Veranschaulichung: Im Jahr 1974 krachte ein Patient mit seinem Bett durch den morschen Holzboden der Charité.

Ärztemangel: Arbeitsbedingungen zum Davonlaufen

Ein weiteres Problem war der gravierende Ärztemangel. Bis zum Mauerbau 1961 setzten sich rund 40 % der damaligen Ärzte in die Bundesrepublik ab. Die DDR-Regierung reagierte bereits 1958 mit einem Reiseverbot für Mediziner ins westliche Ausland, nachdem viele nach wissenschaftlichen Kongressen nicht mehr in die DDR zurückgekehrt waren. Ende der 1980er Jahre nutzen viele Ärzte die gelockerten Ein- und Ausreisebestimmungen, um in den Westen zu fliehen. Dort erwarteten sie höhere Löhne und attraktivere Arbeitsbedingungen. In der DDR litten Ärzte ebenso wie der Rest der Bevölkerung an Wohnungsmangel. Nicht immer war Wohnraum für neueingestellte Ärzte rechtzeitig verfügbar, wodurch beispielsweise in Cottbus im Jahr 1986 weniger als zwei Drittel der Hochschulabsolventen wie geplant in den Bezirk vermittelt werden konnten.

Offizielle Zahlen zur Ärzteversorgung in der DDR sind mit Vorsicht zu genießen. Nach offiziellen Angaben kamen im Jahr 1989 in der DDR auf 10.000 Einwohner rund 24 Ärzte, verglichen mit 30 Ärzten in der Bundesrepublik. Doch viele Ärzte waren in der Planungsbürokratie des Gesundheitswesens tätig oder wurden für außerplanmäßige Aufgaben eingesetzt. Außerdem wurden in den DDR-Statistiken ab 1970 weder die Effekte von Teilzeitbeschäftigung noch Weiterbildungsmaßnahmen auf das tatsächliche Arbeitsvolumen berücksichtigt.

Bessere Versorgung der DDR-Oberen

Offiziell propagierte die DDR Gleichheit, doch manche Genossen erhielten eine „etwas gleichere“, man könnte auch sagen, bessere medizinische Versorgung. So wurden Minister, Mitglieder des Zentralkomitees der SED, des Politbüros und des Staatsrates in einem speziellen Regierungskrankenhaus behandelt. Die Klinik war mit modernster Technologie aus dem Westen ausgestattet und verfügte über eine vergleichsweise luxuriöse Ausstattung.

Ost vs. West: Lebenserwartung

Die schlechte Gesundheitsversorgung blieb nicht ohne Folgen. Die Lebenserwartungen, die sich in Ost und West noch bis in die frühen 70er Jahre nicht systematisch unterschieden, entwickelte sich durch einen starken Anstieg in der Bundesrepublik zunehmend auseinander. Bis zum Fall der Mauer 1989 lag die Lebenserwartung im Osten um 2,5 Jahre hinter der im Westen zurück. Obwohl die Lebenserwartung danach auch im Westen weiter stieg, schrumpfte der Rückstand durch ein schnelleres Aufholen des Ostens deutlich und beläuft sich seit den frühen 2000er Jahren auf etwa ein halbes Jahr.

Das Auseinanderdriften der Lebenserwartungen in Ost und West während der Teilung ist auf verschiedene Faktoren zurückzuführen. Neben der schlechteren medizinischen Versorgung sind auch eine starke Umweltbelastung sowie eine relativ zur BRD schlechtere Nahrungsmittelversorgung unter den Ursachen zu finden.

Der heutige Abstand in den Lebenserwartungen ist vermutlich weniger auf Unterschiede bezüglich Umwelt, Nahrung und medizinischer Versorgung als auf Unterschiede hinsichtlich der Einkommen und damit einhergehender Konsumentscheidungen zurückzuführen.

Nach der Wende: Gute Besserung

Das Gesundheitssystem der DDR genießt heute einen erstaunlich guten Ruf. Gewiss hat das medizinische Personal in der DDR sein Bestes gegeben. Doch die Bedingungen im DDR-Gesundheitssystem waren teils schaurig: Gebäude waren abrissreif, medizinische Geräte veraltet, Medikamente unzureichend verfügbar und viele Ärzte in den Westen geflohen. Selbst einfachste Verbrauchsmaterialien waren nicht immer vorrätig.

Das marode DDR-Gesundheitssystem trug dazu bei, dass die Steigerung der Lebenserwartung nicht mit der BRD Schritt halten konnte. Erfreulich ist, dass der Abstand zwischen Ost und West heute nicht zuletzt dank einer deutlich besseren medizinischen Versorgung, auch durch private Anbieter, nur noch gering ausfällt.

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