Institute for Research in Economic and Fiscal issues

IREF Europe - Institute for Research in Economic and Fiscal issues

Für wirtschaftliche Freiheit
und Steuerwettbewerb


IREF - Institute for Research in Economic and Fiscal issues
Für wirtschaftliche Freiheit und Steuerwettbewerb
https://de.irefeurope.org/1273

von ,

2018: Trügerischer Optimismus im Bankensektor

2017 war ein turbulentes Jahr für den europäischen Bankensektor. Medien, Politik und Öffentlichkeit erwarten dagegen ein wenig auffälliges Bankenjahr 2018. Doch der Optimismus ist fehl am Platz: Noch immer werden Risiken und Schuldenquoten europäischer Banken systematisch unterbewertet. Lediglich der stete Fluss von billigem Zentralbankgeld bewahrt den Bankensektor vor dem Kollaps. Das weiß auch die EZB. Eine Anhebung des Leitzinses ist 2018 daher unwahrscheinlich.

Niedrige Zinsen stützen Banken

Auch wenn der europäische Bankensektor nicht unbedingt als Hort der Stabilität gilt, geben sich die allermeisten Finanzmarktbeobachter optimistisch und erwarten für 2018 keine ernsthafte Systemkrise. Seit die EZB die Leitzinsen nahe bzw. unter null gesenkt hat und die Geschäftsbanken zu großzügigen Konditionen mit frischem Geld versorgt, bestehen wenig Zweifel an der Bereitschaft der Zentralbank, den Bankensektor um jeden Preis zu stützen - tatsächlich scheint die Stützung des Bankensektors in den letzten zehn Jahren das Hauptziel der Geldpolitik gewesen zu sein. Die niedrigen Zinsen ermöglichen den Geschäftsbanken nicht nur ihre Assets zu hohen Marktpreisen zu bilanzieren, sondern erlauben es ihnen auch abgezogene Einlagen verunsicherter Sparer durch billige Zentralbankkredite zu ersetzen.

Geschäftsmodell der Banken unter Druck

Andere Stimmen sind überzeugt, dass Gewinne aus dem Kreditgeschäft aufgrund des Nullzinsumfelds niedrig sind und das Geschäftsmodell der Banken nur bei höheren Zinsen gewahrt werden könne. Doch bei näherer Betrachtung spricht wenig für diese Einschätzung.

> Erstens ist der Markt für hochqualitative Kredite weiterhin kompetitiv, nicht zuletzt weil die niedrigen Zinsen vielen von der Insolvenz bedrohten Banken erlaubt haben, im Geschäft zu bleiben.

> Zweitens stehen immer mehr Fintech-Unternehmen mit niedrigen Overhead-Kosten bereit, um die „low hangig fruits“ abzugreifen. Sie konzentrieren sich vor allem auf die Kreditnachfrage kleiner und mittlerer Unternehmen. Große Unternehmen mit internem Finanzmanagement konnten dagegen schon immer zu niedrigen Zinsätzen Kredite aufnehmen. Die neue EU-Zahlungsdienstleistungsdirektive (Payment Service Directive) für den Einzelhandel wird die Marktmacht und damit die Kreditzinsaufschläge der Banken weiter beschneiden, da sie es Händlern, ihren Kunden und Drittparteien erlaubt, künftig Zahlungen direkt abzuwickeln.

> Drittens baut das Argument, niedrige Zinsen würden dem Kreditgeschäft schaden, auf der Annahme, dass die Banken sich in relativ stabiler Verfassung befänden. Tatsächlich konnten einige signifikante Banken in Italien und Spanien nur durch Notkredite und Verstaatlichungen erhalten werden.

Selbst die Deutsche Bank kommt nicht aus der Krise und wirkt auch Anfang 2018 sichtlich angeschlagen. Im vergangenen Jahr hatten kapitalstarke Investoren auf eine Pleite der Bank gewettet. Alles deutet darauf hin, dass sie nun im dritten Jahr in Folge Verluste melden muss. Auslöser dafür scheint bezeichnenderweise die US-Unternehmenssteuerreform zu sein. Aufgrund des von 35 auf 21 % sinkenden Steuersatzes schrumpft der Wert der latenten Steuerforderungen, also der Verlustvorträge der Deutschen Bank.

Stresstests wenig verlässlich

Verlustmeldungen großer Banken sind nicht mehr besonders nachrichtenwürdig. In den letzten Jahren gab es dutzende „schockierender“ Verlustmeldungen, doch abgesehen von einigen Ausnahmen wie der Monte Dei Paschi oder der spanischen Banco Popular sind alle betroffenen Banken weiterhin im Geschäft. Dass die Öffentlichkeit den Finanzergebnissen der Banken nur noch geringe Beachtung schenkt, liegt auch am sich verändernden Fokus der Politik. Während Investoren an Informationen Gewinne und Verluste betreffend interessiert sind, geht es ihnen vornehmlich um die Solvenz systemrelevanter Banken. Politiker interessieren sich folglich nicht für jährliche Unternehmensergebnisse, sondern die Ergebnisse der Stresstests, die die Aufsichtsbehörden vernehmen.

Stresstests konstruieren ein hypothetisches Verlustszenario und testen, ob die Kapitalausstattung der betreffenden Bank ausreicht, um den Kreditausfällen zu widerstehen. Die Solvenz einer Bank wird eingeschätzt, indem ihre Kapitalausstattung beurteilt wird. Dabei werden zwei Größen verwandt: Das Verhältnis von Kapital zu den risikogewichteten Vermögenswerten der Bank und die Verschuldungsquote auf Basis der ungewichteten Vermögenswerte (Leverage Ratio).

Kritiker weisen darauf hin, dass Stresstests keine zufriedenstellende Erfolgsbilanz aufweisen können, dass die hypothetischen Stressszenarien selten so ernst ausfallen, wie die Aufsichtsbehörden behaupten und dass einige Banken kurz nach erfolgreichen Stresstests dennoch Insolvenz anmelden mussten - so etwa die niederländische Dexia 2011 und zwei zypriotische Banken 2013. Diese Kritikpunkt sind nicht neu. Das Hauptproblem liegt darin, dass Banken unter den aktuellen Rechnungslegungsstandards drohende Verluste - zum Beispiel durch ausfallgefährdete Kredite - weiterhin in der Bewertung ihrer Aktiva verstecken können.

Zurück zu risikogewichteten Verschuldungsquoten?

Auch konzeptionell sind die gängigen Stresstestmethoden problematisch, wie eine kürzlich vorgenommene Abänderung der Berechnungsgrundlage der Verschuldungsquote durch die Bank of England anschaulich zeigt. Die Verschuldungsquote wurde 2013 als alternative Stresstestkennziffer eingeführt, da Mitarbeiter der Zentralbank zu der Überzeugung kamen, dass die bis dahin verwendeten, auf einer risikogewichteten Summierung der Vermögenswerte basierende Kennziffer (Risk Weighted Assets) leicht manipulierbar und daher wenig verlässlich war. Im Detail zeigten die Forscher, dass die risikogewichteten Vermögenswerte britischer Banken bis 2008 sanken, obwohl die Risiken im Bankensektor bis zum Krisenausbruch offensichtlich zunahmen. Weltweit setzten Experten ihre Hoffnungen auf eine alternative Testkennziffer, die Verschuldungsquote: Das Verhältnis des Kapitals einer Bank zu all ihren ungewichteten Aktiva.

Überraschenderweise entschied sich die Bank of England letzten September dazu, Zentralbankeinlagen britischer Banken künftig nicht in die berücksichtigte Aktiva einzubeziehen. Auf den ersten Blick mag diese Änderung harmlos wirken - die Zentralbank ist offensichtlich der sicherste Kapitalgeber in der ganzen Volkswirtschaft. Doch das Problem liegt in der Aufweichung des Prinzips, sämtliche Risiken ungewichtet abzubilden, obwohl doch genau diese Eigenschaft die Verschuldungquote zum verlässlichen Solvenzindikator machen sollte. Da die Bank of England für die Berechnungsänderung keine Gründe angibt, liegt die Vermutung nahe, dass ein oder zwei Banken unter der alten Methode durch den Stresstest gefallen wären.

Coco-Markt wächst rasant

So viel zur Problematik, einen angemessenen Nenner für die Kapitaladäquanzquoten zu wählen. Allerdings kann die Verlässlichkeit der Verschuldungsquote auch durch die Wahl eines unangemessenen Zählers zunichte gemacht werden. Als Zähler dient üblicherweise die Kapitalmessgröße „Tier 1“, die etwas breiter definiert wird als das in der risikogewichteten Betrachtung verwendete „Kernkapital“. Bis zu 25 % des „Tier 1“-Kapitals kann aus Verbindlichkeiten bestehen, die normalerweise nicht zum Kernkapital zählen - in der Praxis sind das hauptsächlich bedingte Pflichtwandelanleihen, sogenannte „Cocos“ (Contingent Convertible Bonds). Der Coco-Markt ist rasant gewachsen und umfasst nun weltweit Hybridverbindlichkeiten im Wert von über 500 Mrd. US-Dollar. Cocos sind immerwährende, weit nachrangige Verbindlichkeiten, die einen weit höheren Kupon zahlen als vorrangige Schuldtitel.

Der Nachteil liegt für Investoren darin, dass im Fall einer Insolvenz der emmitierenden Bank nicht nur der Kupon ausfällt, sondern die Cocos entweder in Eigenkapital umgewandelt oder ganz abgeschrieben werden. In anderen Worten: Investoren können über Cocos einem „Bail-In“ unterliegen, der Banken die Rekapitalisierung erlaubt. Die Bedingungen für einen solchen „Bail-In“ werden vertraglich festgelegt. Oft wird ein Coco getriggert, wenn das Verhältnis des Kernkapitals zu den risikogewichteten Aktiva der emittierenden Bank unter einen bestimmten Grenzwert fällt, üblicherweise 7 %.

Cocos ohne Kapitalcharakter

Mittlerweile wachsen aus zwei Gründen Zweifel an der Praxis, Cocos als Aktiva statt als Passiva zu bewerten. Erstens scheinen die Auslöser für eine Umwandlung meist derart niedrig zu liegen, dass die betreffende Bank im Umwandlungsfall ohnehin längst insolvent ist und nicht mehr gerettet werden kann. Zweitens gilt für alle durch britische und europäische Banken emittierte Cocos, dass deren Umwandlung explizit durch die Aufsichtsbehörden freigegeben werden muss und gerade nicht automatisch einsetzen. Diese Eigenschaften erklären, weshalb Cocos bei Investoren so beliebt sind. Sie schätzen das Risiko einer Umwandlung als gering ein. In den Worten Kevin Dowds:

„ […] Die Wahrscheinlichkeit, dass die Regulierungsbehörden einen Bail-In mit potentiell systemgefährdenden Implikationen autorisieren würden, muss als gering eingeschätzt werden.“

Sichtlich spricht einiges dafür, Cocos als Schuldtitel, nicht als Teil des Kapitals zu betrachten. Regulierungsbehörden können ohnehin bereits jegliche Verbindlichkeiten auf der Passivseite in einen Bail-In einbeziehen und Cocos unterscheiden sich dahingehend unzureichend, um als „Tier 1“-Kapital zu zählen. Ihre Wirkung ist es schlicht, den Verschuldungsgrad einer Bank zu heben.

Zinserhöhung unwahrscheinlich

Zwar sieht das Jahr 2018 für die Banken oberflächlich vielversprechend aus, doch die Passivseite der Bankenbilanzen birgt weiterhin ernste Risiken. Cocos stellen nur eines dieser Risiken dar. Wir werden Veränderungen bei den Einlagen und Target 2-Ungleichgewichte im Auge behalten, da sie Hinweise auf fliehendes Kapital liefern.

Auf der Aktivseite drehte sich 2017 gänzlich um die Reduzierung der mit Risiken behafteten Aktiva und den Verkauf oder die Verbriefung ausfallgefährdeter Kredite. Dieser Trend wird anhalten, doch die größte Herausforderung wird für die europäischen Banken im nächsten Jahr darin liegen, aus verbliebenen Vermögenswerte möglichst viel herauszuholen und die Nettozinsspanne gegen das aufkommende Fintech-Geschäft zu verteidigen. Vermutlich wird die EZB den Leitzins erst anheben, wenn der Bankensektor diesbezüglich Erfolge vorweisen kann.

Weiterhin ist die Zukunft der europäischen Banken von der politischen Entwicklung Europas, insbesondere in Deutschland und Italien abhängig. Mögliche Schuldenvergemeinschaftsmechanismen werden die Geschäftsgrundlage der Banken stark beeinflussen.

Bild (Ausschnitt): Tilmann Jörg/ Pixelio.de

Diesen Artikel teilen :

Ähnliche Artikel ...

Eurozone: Führen alle Wege in die Zentralisierung?

Neue Open-Banking-Regeln: Disruptiver Fintech-Wettbewerb?


Durch supranationale Finanzinnovationen aus der Krise? Wohl kaum.

Bitcoin: Blase oder libertärer Währungstraum?



Eine Nachricht oder einen Kommentar hinterlassen?

Formular anzeigen

 css js

SCHLIEßEN

IREF Newsletter
Bleiben Sie stets informiert.

Mit der Nutzung unserer Webseite erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden.