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Liborgate geht in die nächste Runde

Im April hatten wir über den Compliance-Skandal rund um die ehemalige Vizepräsidentin der Bank of England, Charlotte Hogg, berichtet. Noch mehr Sorgen bereiten den Zentralbankfunktionären allerdings Berichte, wonach der Staatssender BBC im Besitz eines brisanten Audiomitschnitts ist. Der Mitschnitt legt nahe, dass Bank of England-Funktionäre während der Finanzkrise 2008 Druck auf Geschäftsbanken ausübten und diese zur Manipulation ihrer Libor-Eingaben drängten. 2012 hatten hochrangige Bankenvertreter derartige Vorgänge vor einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss abgestritten. Jetzt droht der britischen Finanzelite ein handfester Skandal.

Audiomitschnitt belastet Top-Banker

Der BBC liegt ein Audiomitschnitt vor, der geeignet ist, die britische Finanzwelt zu erschüttern. Auf dem Band sind Mark Dearlove, Managing Director bei Barclays und heute für das Japan-Geschäft zuständig, und Peter Johnson, ein langjähriger Trader der Bank, zu hören. Dearlove scheint Johnson anzuweisen, im Rahmen des Libor-Geschäfts bewusst inakkurate Finanzierungskosten anzugeben. Die Vorgabe lautete, einen Kreditzinssatz anzugeben, der unter den tatsächlichen Finanzierungskosten der Bank liegt – eine Praxis, die als „Lowballing“ bezeichnet wird. So sollte suggeriert werden, dass die Bank finanziell in besserer als ihr tatsächlichen Verfassung sei und es sich deshalb erlauben könne, Kredite zu niedrigeren Zinssätzen aufzunehmen als andere Banken.

Im Wortlaut ist Dearlove mit folgender Aussage zu hören: "Sie werden das nicht mögen, aber die britische Regierung und die Bank of England haben uns sehr eindringlich nahegelegt, unsere Libor-Sätze zu senken." Der Mitschnitt zeigt auch, dass der für die Eingabe des Zinssatzes zuständige Trader Johnson Bedenken anmeldete – doch ihm wurde keine Wahl gelassen. Heute sitzt er für die manipulierte Libor-Angabe eine Gefängnisstrafe ab.

Wurde das Parlament belogen?

Brisant ist der Mitschnitt deshalb, weil er zu dokumentieren scheint, dass ein Barclays-Verantwortlicher die britische Regierung und die Zentralbank beschuldigt, Druck auf die Geschäftsbank ausgeübt und diese zur Libor-Manipulation gedrängt zu haben. Dearloves Aussage steht in scharfem Kontrast zu den Angaben, die der damalige Barclays-Vorsitzende, Bob Diamond, und der ehemalige Deputy Governor der Bank of England, Paul Tucker, am 4. Juli 2012 vor dem Parlament machten – unter Eid. Sollte sich herausstellen, dass die Top-Banker das Parlament bewusst belogen haben, könnte ihnen eine Strafverfolgung bevorstehen.

Zwar gaben Diamond und Tucker 2012 vor dem Parlament an, die bevorstehenden Libor-Angaben der Geschäftsbank telefonisch diskutiert zu haben – chronologisch geschah das Telefonat kurz vor dem mitgeschnittenen Gespräch zwischen Dearlove und Johnson. Doch gegenüber dem zuständigen Untersuchungsausschuss verneinten Diamond und Tucker jede Druckausübung seitens der Bank of England. Ein Jahr später ging Tucker in Rente und wurde für seine Dienste als Zentralbank-Governor zum Ritter geschlagen.

Top-Banker wälzen Schuld auf Nachwuchs ab

Diamond dagegen sah sich aufgrund des aufziehenden Skandals schließlich zum Rücktritt gezwungen. Nach besagtem Telefonat mit Tucker informierte Diamond seinen Kollegen Jerry Del Missier, ebenfalls Top-Banker bei Barclays. Del Missier entnahm den Angaben seines Kollegen laut eigener Aussage, dass die Bank of England Barclays zum „Lowballing“ drängen würde und gab diese Anweisung schließlich an Dearlove weiter. Nachdem die Libor-Manipulationen öffentlich bekannt wurden, fochten Diamond und Del Missier einen öffentlichen Streit über die Interpretation ihres Gesprächs aus. Diamond zog seine vor dem Parlament getätigte Aussage nie zurück.

Seitens der Barclays Bank war man sehr bemüht, die Sache abschließend zu klären und jeden Zweifel auszuräumen. Die Bank rühmte sich, 100 Mio. £ für eine interne Aufarbeitung der Vorgänge bereitgestellt zu haben. Auf Basis einer rigorosen Analyse von 200 Millionen Dokumenten sei man – wenig überraschend – zu dem Schluss gekommen, dass das Top-Management keine Schuld träfe. Der Barclays-Bericht wurde am Vortag der Untersuchungsausschusssitzung, also am 3. Juli 2012, veröffentlicht. Während Tucker und Diamond dem Parlament erklärten, dass sich weder die Bank of England, noch die Chefetage der Barclays Bank etwas zu Schulden kommen gelassen hätten, konnte man ihm Barclays-Bericht lesen, dass Del Missier schlicht etwas falsch verstanden habe:

„Bob Diamond dachte nicht, eine Anweisung von Paul Tucker erhalten zu haben und er dachte auch nicht, eine Anweisung an Jerry Del Missier weiter gegeben zu haben. Jerry Del Missier nahm dennoch an, dass die Bank of England Barclays angewiesen hatte, den LIBOR nicht so hoch zu halten und gab daher eine entsprechende Anweisung an das für die Angabe zuständige Personal weiter."

Liborgate: Erneute Aufarbeitung wahrscheinlich

Der der BBC vorliegende Audiomitschnitt stellt technisch keinen eindeutigen Beweis dar. Es ist daher unklar, ob die Gerichte aufgrund von “Hörensagen” eine erneute Aufarbeitung des Libor-Skandals anstoßen werden. Bisher ist es den Barclays-Top-Bankern und den Zentralbankfunktionären gelungen, alle Schuld auf das mittlere und untere Management abzuwälzen. Sowohl der Barclays-Bericht, als auch die Eidaussagen Diamonds und Tuckers entlasten das Top-Management und die Zentralbank. Die Schuld mussten Nachwuchsführungskräfte und Trader auf sich nehmen – einige wanderten ins Gefängnis und verloren Vermögen und Karriere.

Die belastenden Audiomitschnitte könnten für den ein oder anderen verurteilten Nachwuchsbanker Anlass bieten, auf Neuverhandlungen zu drängen. Auch der parlamentarische Untersuchungsausschuss erwägt bereits, die Eidaussagen Diamonds und Tuckers zu überprüfen und zu klären, ob das Parlament bewusst belogen wurde.

Bild (bearbeitet): Gideon Benari/ Flickr

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