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Stresstests in der Kritik

Der krisengeplagte Bankensektor kommt nicht zur Ruhe. Entsprechend wächst die Kritik an der bisherigen Stresstest-Praxis. Zunehmend rückt ein neues Problem in den Fokus: Zwischen der Marktkapitalisierung und dem Buchwert der meisten europäischen Banken klafft ein himmelweiter Unterschied. Statt die wenig informativen Stresstests auszubauen, sollten sich die Regulierungsbehörden auf liquide Kapitalreserven konzentrieren.

Buchwertbasierte Stresstests sind unzuverlässig

Die Einführung neuer Stresstest-Methoden ist nur eine Frage der Zeit. Die Bank of England steht bereits unter massivem Druck, seitdem ein Untersuchungsausschuss rund um den Tory-Abgeordneten Steve Baker die bisherige Praxis in Frage gestellt hat. Baker und seine Kollegen haben prominente Unterstützung: Sir John Vickers und Professor Kevin Dowd argumentieren, dass konventionelle Stresstests unzuverlässig sind, da sie lediglich auf Buchwerten basieren.

Wenn die Bank of England neue Stresstest-Methoden anwendet, wird sich die Europäische Zentralbank zu ähnlichen Schritten motiviert sehen. Die europäische Bankenregulierung hat zuletzt stark an Glaubwürdigkeit verloren. Angesichts der fragwürdigen Besicherung italienischer Banken und der dadurch entstehenden Unsicherheit in der Bankbewertung hat man dafür auch in Europa ein offenes Ohr für einen Wechsel zu robusteren Stresstest-Methoden.

Sind marktwertbasierte Stresstests möglich?

Wie lässt sich der Marktwert einer Bank im Stresstest berücksichtigen? Die Bank of England hat begonnen, ein Verfahren zu nutzen, das die Effekte simulierter Schocks auf den künftigen Marktwert prognostiziert und so den Aktienkurs der betroffenen Banken in modellierten Stresssituationen abschätzt. Für die um ihre Reputation besorgten Bankenregulierer ist ein solcher Simulationstest auf den ersten Blick attraktiv, da die Modellergebnisse lediglich mögliche zukünftige Ereignisse beziffern, die über Jahre hinweg weder getestet noch bestätigt werden können. Allerdings besteht die Gefahr, dass die Lage betroffener Banken fälschlicherweise als ausweglos eingeschätzt wird. Schlimmer noch, das Verfahren lädt zu Analysen ein, die tiefgreifende Glaubwürdigkeitsprobleme von Stresstests offenlegen.

Aktienkurse spiegeln Investorenerwartungen

Im derzeitigen Umfeld impliziter und expliziter Garantien für Bankschulden ist der Aktienkurs einer Bank ein schlechter Indikator für die Solvenz. Nehmen wir beispielsweise die Monte dei Paschi di Siena (BMPS): Ihr Marktkapitalisierung betrug Ende November 2016 5% des Nettobuchwerts. Ende Dezember ging die Bank Pleite und wurde de facto verstaatlicht– der positive Nettobuchwert lieferte offensichtlich keine angemessene Solvenzeinschätzung.

Das bedeutet allerdings nicht, dass die Marktkapitalisierung irreführend gewesen sei – sie spiegelte lediglich die regen Ankäufe von Investoren wider, die einen Bail Out, also frisches Kapital vom Staat, erwarteten. Hätten sich die Erwartungen der Investoren bestätigt, wäre die BMPS in privater Hand geblieben und die Eigentümer hätten von der Kapitalspritze profitiert. Stattdessen kam es zur Verstaatlichung und die Investoren gingen leer aus. Der italienische Staat übernahm die BMPS und privat gehaltene Anteile wurden ohne Kompensation entwertet.

Kernkapitalquote misst nicht die Verlustresistenz

Das Beispiel der längere Zeit kurz vor der Insolvenz stehenden BMPS illustriert, dass Aktienkurse von Banken kein geeigneter Indikator für deren Solvenz sind. Das BMPS-Fiasko hat darüber hinaus zwei weitere grundlegende Defizite der Stresstests offengelegt:

a) Gängige Stresstests fußen auf der falschen Annahme, dass systemrelevante Banken stets ein profitables Geschäftsmodell haben. Sie müssen lediglich demonstrieren, dass ihr Leverage niedrig genug ist, um ein Stressszenario zu durchstehen. Die Bankenaufseher nehmen stets an, dass Banken im Anschluss an die Stresssituation wieder profitabel wirtschaften.

b) Kernkapital ist nicht in der Lage, Verluste zu absorbieren, ganz gleich ob der Markt- oder Buchwerte zugrunde gelegt werden. Nahezu das gesamte Kapital einzelner Banken wird zur Finanzierung von Investitionen auf der Aktivseite der Bilanz genutzt. Kernkapital ist kein geeigneter Indikator für die mögliche Verlustabsorbtion einer Bank. Es misst viel mehr, wie wie sehr die Bank geleveraged ist. Hält eine Bank sichere Assets und ist hoch geleveraged (etwa um den Faktor 99 zu 1), dann ist sie sehr viel weiter von der Insolvenz entfernt als eine vordergründig sichere Bank, die wenig Leverage aufweist, aber hohe Risiken eingegangen ist.

Regulierung auf Kapitalreserven konzentrieren

Folglich sind Regulatoren fehlgeleitet, wenn sie sich weiterhin auf die Kernkapitalquote, den Goodwill und aktive latente Steuern konzentrieren. Diese Indikatoren sind nahezu irrelevant – im Gegensatz zu Kapitalrückstellungen. Solche Rücklagen bestehen aus Assets, die auch in schwierigen Zeiten liquide sind, anders als das Kernkapital. Kapitalrücklagen, nicht Kernkapital, sollten daher im Fokus der Bankenaufsicht stehen.

Auf das Kernkapital abzielende Stresstests sind überflüssig und irreführend. Sie sollten daher aufgegeben werden, zugunsten einer Rückkehr zu den Rechnungslegungsvorschriften, die vor der IFRS-Standardisierung praktiziert wurden.

Bild (Ausschnitt): Ofer Deshe/Flickr

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