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Zehn Jahre Finanzkrise: Wirksame Reformen ausgeblieben

Zehn Jahre ist der Kollaps der ersten Paribas-Geldmarktfonds und der britischen Bank Northern Rock nun her. Für Medien und Politik ist dies Anlass, die Reformen des Bankensektors der letzten Dekade einer Bewertung zu unterziehen. Das Fazit fällt dabei, wenig überraschend, überwiegend positiv aus: Das Finanzsystem sei heute „sicherer, einfacher, gerechter“, so der internationale Finanzstabilitätsrat (FSB). Dabei offenbart ein Blick auf den Interbanken- und Derivatemarkt, dass einiges im Argen liegt. Noch immer ist der Bankensektor von Eingriffen der Zentralbank und der öffentlichen Hand abhängig. Bail-Outs und quantitative Lockerung verschleiern die Insolvenz des Bankensystems. Doch ewig kann es so nicht weitergehen.

Finanzstabilisierungsrat lobt Reformen

Für Vertreter der Zentralbanken bietet der Jahrestag eine Gelegenheit, sich selbst zu loben. Immerhin habe man die Bruchstellen des Finanzsystems seit 2007 effektiv repariert. Und der FSB veröffentlichte im Juli, also knapp vor dem eigentlichen zehnjährigen „Jubiläum“, eine Pressemitteilung samt begleitendem Kurzvideo mit dem Titel „Sicherer, einfacher, gerechter“. Die Botschaft war direkt an die für das G20-Treffen in Hamburg versammelten Spitzenpolitiker gerichtet. Mark Carney, Vorsitzender des FSB, lies keinen Raum für Zweifel:

"Zehn Jahre nach Beginn der globalen Finanzkrise garantieren die G20-Reformen ein sichereres, einfacheres und gerechteres Finanzsystem. Die größten Banken sind deutlich krisenresistenter, liquider und fokussierter."

Das Kurzvideo enthält einige Details bezüglich der Reformen. Es beginnt mit einer grundlegenden Beobachtung: „Wenn das Finanzsystem wirtschaftlichen Schocks nicht standhält, kann es zu katastrophalen Entwicklungen kommen.“ Daraufhin wird der Versuch unternommen, dem Zuschauer in fünf Minuten zu erklären, weshalb er volles Vertrauen in den FSB haben sollte.

Leverage: Bankensektor weiterhin überschuldet

Das Finanzsystem sei nun „sicherer“ als zu Beginn der Finanzkrise, argumentiert der FSB. Das sei daran ersichtlich, dass die Bankbilanzen heute zehnmal mehr Eigenkapital aufwiesen als vor zehn Jahren – natürlich dank der FSB-induzierten Reformen. Aber diese Behauptung ist leicht zu widerlegen. Sowohl das Bankkapital, als auch die Verbindlichkeiten, denen sich Banken ausgesetzt sehen, werden heute anders gemessen als 2007.

Die einzige Möglichkeit, die „Sicherheit“ des Bankensektors über diesen Zeitraum zumindest grob zu vergleichen, bietet ein Blick auf den Verschuldungsgrad (Leverage), also das Verhältnis von Schulden zu Eigenkapital auf der Passivseite der Bankbilanzen. Und dieser ist heute ähnlich hoch wie 2007. Die Behauptung, dass die Bankbilanzen heute „zehnmal“ so viel Eigenkapital wie 2007 enthielten, ist irreführend.

Derivatehandel öffentlich abgesichert

Wie steht es um die Behauptung, das Finanzsystem sei heute “einfacher” als vor zehn Jahren? Laut FSB lag das Problem 2007 darin, dass der 500 Billionen US-Dollar schwere Derivatemarkt größtenteils aus Verträgen zwischen Banken bestand. Zahlungsschwierigkeiten einer großen Bank hätten so eine Panik auslösen können – niemand hätte gewusst, wer als nächstes drankommt.

Unter den neuen G20-Reformen werden Derivate nun mit einer zentralen Gegenpartei verrechnet. Dabei handelt es sich um Nichtbanken, die einen Teil der neuen Finanzsystemarchitektur bilden. Doch diese Reform ist nicht mehr als ein Taschenspielertrick: Die Derivate werden nun schlicht durch neue, öffentlich finanzierte Institutionen garantiert. Die zuvor impliziten Bail-Outs werden so gewissermaßen institutionalisiert.

Bail-Outs bleiben die Regel

Schließlich behauptet der FSB, dass das Finanzsystem nun „gerechter“ sei. Statt Bail-Outs für systemrelevante Banken gäbe es nun Bail-Ins, die primär Kreditgeber und große Einleger träfen. Natürlich ist auch dem FSB bewusst, dass Bail-Ins höchstens auf dem Papier zur Norm geworden sind. Gerade erst kamen die Monte dei Paschi und andere italienische Banken in den Genuss eines Bail-Outs. Die Reform hin zu mehr „Gerechtigkeit“ ist also höchstens ein Zukunftswunsch.

Regulierer meiden Kernprobleme

Wenn auch der Erfolg der Reformen zweifelhaft ist, so waren doch die enormen PR-Anstrengungen des FSB und anderer Finanzregulierer nicht ohne Erfolg. Das Bankensystem scheint vielen informierten Beobachtern heute deutlich stabiler als 2007. Das ist durchaus im Sinne der Zentralbanker, Aufsichtsbehörden und Politiker, die viel investiert haben, um der Öffentlichkeit dieses Bild zu vermitteln. Gerade deshalb ist der Einwand nötig, dass die drei wichtigsten Indikatoren der Fragilität des Bankensystems durch die G20-Reformen bewusst nicht berührt wurden.

i) Der Interbankenmarkt liegt weiterhin am Boden. Ein stabiles Finanzsystem weist einen lebhaften, unbesicherten Interbankenmarkt auf. Doch heute geben sich die Banken gegenseitig nur gegen Sicherheiten Kredite – ein Hinweis auf die fortbestehende Schwäche des Systems.

ii) Die quantitative Lockerung geht weiter. Wenn Europas Banken erfolgreich restrukturiert und rekapitalisiert wurden, warum muss die EZB den Banken dann monatlich Wertpapiere im Umfang von 60 Milliarden Euro abkaufen? Die durch die quantitative Lockerung bereit gestellte Liquidität verschleiert die Funktionsunfähigkeit des Interbankenmarktes.

iii) Die Bilanzierung von Derivaten ist weiterhin irreführend. Aufgrund der Komplexität des Problems ignorieren die Aufsichtsbehörden den ärgsten Fehler im Rechnungslegungssystem, der für den Ausbruch der Finanzkrise von entscheidender Bedeutung war: Die fehlerhafte Bilanzierung von Derivatrisiken. Die meisten Derivatverträge zwischen Banken bleiben unbesichert, bis sich die Marktpreise bewegt haben. Es ist falsch, die Risiken, die Bank A im Rahmen eines Derivatehandels mit Bank B auf sich nimmt, aus den Risikopositionen zu streichen, wenn Bank A einen kompensierenden Derivatehandel mit Bank C eingeht. Denn ob Bank C in Zukunft ausreichende Sicherheiten wird bereitstellen können, ist ungewiss. Die korrekte Bilanzierungsregel wäre in diesem Fall, zwei Bruttorisiken zu bilanzieren, die teilweise besichert werden, wenn die Sicherheiten tatsächlich ausgetauscht werden. Ein weiteres Problem der derzeitigen Rechnungslegung besteht in der Verbuchung erwarteter Profite aus dem Derivatehandel. Der Großteil der erwarteten Gewinne wird als bereits realisierter Profit verbucht und daher bereits zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses voll in das Kernkapital einbezogen, statt erst dann in die Bilanz einzufließen, wenn Gewinne tatsächlich realisiert wurden.

Die Rolle der Medien

Als es ab 2007 zu den ersten Bail-Outs kam, diskutierten einige Medien zunächst Sinn und Unsinn dieser Maßnahmen. Wäre es wirklich zu einer Katastrophe gekommen, wenn die Staaten die Spareinlagen garantiert und die Banken in die Insolvenz entlassen hätten? Den Zahlungsverkehr hätte das sicher temporär behindert, aber hätte das Finanzsystem merklich darunter gelitten? Doch nach und nach gewöhnte sich die Medienlandschaft an die Bail-Outs – schließlich schienen sie zu funktionieren. Die Kritik konzentrierte sich alsbald stärker auf das Fehlverhalten einzelner Banker und Skandale wie das Libor-Fixing in Großbritannien.

Doch die Bail-Outs nahmen kein Ende und Länder wie Irland und Spanien sahen sich ob der Belastung ihres Staatshaushaltes gezwungen, ihrerseits um Rettungsmaßnahmen zu bitten. Die griechische Schuldenkrise – die nur am Rande mit Bankenproblemen zu tun hat – erinnerte die Öffentlichkeit derweil daran, dass die Eurozone in ihrer jetzigen Gestalt keineswegs in Stein gemeißelt ist, und die Bail-Outs wurden in den Medien als Gefahr für den Fortbestand der Eurozone thematisiert.

Letztlich bleib die Währungsunion intakt – auch, weil die verantwortlichen Politiker sich eine Alternative zur Gemeinschaftswährung nur schwer vorstellen können. EZB-Präsident Draghi gelang es 2015 schließlich, breite Zustimmung für sein Programm der quantitativen Lockerung zu gewinnen. Beim Treffen von Zentralbankern im August dieses Jahres im US-Skiressort Jackson Hole taten sich viele Redner schwer, eine Exitstrategie aus der derzeitigen Geldpolitik zu erkennen. Draghi beschränkte sich darauf, die Erfolge des Kreditaufkaufprogramms anzupreisen, obwohl es kaum ein Anzeichen auf Ausstiegspläne gibt.

Expertenwarnungen verhallen ungehört

Wie haben die Medien die Entwicklung des Bankensektors seit 2014 begleitet? Von der anfänglichen Skepsis ist nichts übriggeblieben. Wenig hilfreiche „Reformen“ à la FSB werden unhinterfragt als Fortschritt verkauft – und das obwohl Analysen unparteiischer Experten offenlegen, dass die derzeitige Bankenaufsichtsarchitektur groben Fehlannahmen unterliegt. So weist die Bankenexpertin Anat Admati auf die unsinnige Behauptung des FSB hin, „zu hohe“ Eigenkapitalvorschriften würden Banken dazu bewegen, die Kosten vermeintlicher Überkapitalisierung an ihre Kunden weiterzugeben.

Die Warnungen von Admati und co. finden jedoch kaum Beachtung. Stattdessen bestärkt die Berichterstattung die Öffentlichkeit im Irrglauben, dass der Bankensektor erfolgreichen Reformen unterzogen wurde und die verfolgte Geldpolitik effektiv ist.

Bankengeschäft: Keine Raketentechnik

Lässt sich die zahme Medienberichterstattung mit der überfordernden Komplexität der Materie erklären? Kaum, denn das Bankengeschäft ist im Kern simpel. Banken bieten nur zwei „Produkte“ an: (1) Kredite, die für die Bank einen sofortigen Cash-Abfluss bei späterem -Zufluss bedeuten, und (2) ungedeckte Risikopositionen wie Garantien und Derivate, die für die Bank je nach den Umständen entweder einen Ab- oder Zufluss bedeuten können. Sämtliche Bankaktivitäten auf der Aktivseite der Bilanz stellen eine Variante dieser beiden Produkte dar.

Zwar ist das Bankengeschäft keine komplexe Angelegenheit, aber bei den Zentralbanken und Aufsichtsbehörden ist diese Erkenntnis offenbar nicht gereift. Sie haben sich einlullen lassen von Bankenvertretern, die sich hinter der Illusion einer hochkomplexen Industrie verstecken. Unter den Jubelrufen der Aufseher und Regulierer ist der Bankensektor zu einer kartellierten, staatlich am Leben gehaltenen Industrie geworden, die scheinbar niemandem mehr Rechenschaft schuldig ist.

Reformmängel offenlegen

Die Zinsen sind am Boden und das Schuldenniveau vieler europäischer Staaten erreicht ein Level, das auch der Internationale Währungsfonds für nicht tragfähig erachtet. Der Druck auf die Politik wächst und die Wahrscheinlichkeit einschneidender politischer Entscheidungen ebenso. Wir erwarten schon bald politische Entscheidungen, die zu weiterem Deleveraging beitragen werden und so zur Anerkennung der Unwirksamkeit der jüngsten Reformen sowie der politischen Maßnahmen der vergangenen 10 Jahre führen werden. Hört Europa auf, seine Banken mit Staatsgeldern zu retten, werden vermutlich tiefergreifende Probleme des Bankensektors aufgedeckt.

Bild (zugeschnitten): Tim Kwee/ Flickr

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