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EU und Großbritannien: Abweichende Regulierung im Bankensektor sorgt für Aufsehen

Mittwoch 24. März 2021, von Gordon Kerr und Cavin O’Driscoll unter Mitwirkung von Enrico Colombatto

Im Februar veröffentlichte die Bank of England ihre Vorschläge für neue Regulierungen, die nach eigenen Angaben die Umsetzung der internationalen Bankenstandards Basel III fortsetzen sollen. Das Diskussionspapier umfasst 87 Seiten und stellt eine Fortführung der Reformen dar, die in Reaktion auf die Finanzkrise 2007-2008 eingeleitet wurden. Ausdrücklich wurde darauf hingewiesen, dass die Absicht des Papiers darin besteht, eine Wiederholung einer solchen Krise zu verhindern. In den Vorschlägen ist ein scheinbar harmloser Punkt versteckt:

"In diesem Kapitel wird der Vorschlag [der Bank of England] dargelegt, dass alle immateriellen Vermögenswerte, einschließlich Software, die nach dem International Financial Reporting Standard (IFRS) als immaterielle Vermögenswerte klassifiziert werden, vollständig vom CET1-[Kern-]Kapital abgezogen werden müssen."

Aufweichung der Bankenregulierung

Nach Ansicht von Zentralbankexperten ist dieser Punkt sehr wichtig. Bereits im Mai 2020 enthielt der Corona-Wiederaufbauplan der Europäischen Kommission einen Vorschlag, der es europäischen Banken erlaubt, "vorsichtig bewerteten" Software-Assets dem Kernkapital hinzuzurechnen. Dieser wurde im Oktober umgesetzt. Ist diese unterschiedliche Herangehensweise zwischen Großbritannien und der EU von Bedeutung? Wir denken schon, aufgrund des Leverage-Effekts.

Die CET1-Basiskomponente des Gesamtkapitals, die Finanzunternehmen nachweisen müssen, beträgt typischerweise lediglich 4,5 Prozent der Bilanzsumme. Wenn also die Softwarekosten einer europäischen Bank vor der Regeländerung 2,25 Prozent des Gesamtvermögens ausmachten, werden nach der Regeländerung 50 Prozent des regulatorischen Kapitals "freigesetzt".

Reformen des regulatorischen Kapitals

Das Pandemiepaket der Europäischen Kommission vom Frühjahr 2020 bestand aus Maßnahmen, die die Menge des erforderlichen Kapitals zur Eigenkapitalunterlegung der Banken reduzierten. Anders ausgedrückt: Das Paket milderte verschiedene Teile der EU-Kapitaladäquanzverordnung (CRR) ab. Die Anrechnung von Aufwendungen für Software auf das Kernkapital war nur einer von vier wichtigen Bereichen, in denen die CRR-Regelungen abgeschwächt werden sollten, um den Banken zu helfen, die Krise zu überstehen und ihre jeweiligen lokalen Volkswirtschaften zu unterstützen.

Die weiteren drei waren:
i) Aufschiebung von Teilen der Risikovorsorgebestimmungen für Kredite nach IFRS 9. Der Vorschlag besteht darin, den Banken zu erlauben, bestimmte erwartete Kreditverluste, die ansonsten hätten abgezogen werden müssen, dem Kernkapital wieder hinzuzurechnen.

ii) Weichere Rückstellungsregeln für Kredite, die von Exportkreditagenturen garantiert werden.

iii) Die Verschiebung der bereits angekündigten Verschärfung der Fremdfinanzierungsquote. Die Einführung eines neuen Puffers für systemrelevante Banken sollte bis Januar 2022 in Kraft treten, was sich nun um zwölf Monate verzögert.

Wert von Aufwendungen für Software

Während es sich bei den drei oben genannten Maßnahmen lediglich um Rücknahmen von zuvor angekündigten Verschärfungen der Kapital- und Solvenzvorschriften von Banken handelt, ist die Änderung der Regeln für Softwarekosten (die in der Tat im dritten Quartal 2020 umgesetzt wurde) grundsätzlich anders. Mit dieser Änderung wurde mit einem wesentlichen Grundsatz der Rechnungslegung gebrochen, nämlich dass immaterielle Vermögenswerte bei einer Liquidation wenig oder keinen Wert haben und daher nicht als "verlustabsorbierend" angesehen werden können.

Immaterielle Vermögenswerte waren schon immer schwer zu bemessen und haben in der Regel nur dann einen Wert für das betreffende Unternehmen, wenn es solvent ist. Daher sollten diese Kosten nicht zum Kernkapital gezählt werden, weder bei gewöhnlichen Unternehmen noch bei Banken. Darüber hinaus werden Softwarekosten von Analysten als noch schwächer angesehen als jede andere immaterielle Anlageklasse. Insbesondere bei Banken ist die Software spezifisch und kann nicht beliebig von einer Bank zu einer anderen transferiert werden.

Immaterielle Vermögenswerte schwer zu liquidieren

Andere Beispiele für immaterielle Vermögenswerte sind latente Steueransprüche und der Goodwill - der Goodwill ist die Prämie, die ein Unternehmen über dem vorher existierenden Marktpreis zahlt, wenn es ein anderes Unternehmen erwirbt. Wie mehrere Beispiele gezeigt haben (Carillion im Februar 2018 und Wirecard im Juli 2020), bringen immaterielle Vermögenswerte nichts ein, wenn Unternehmen in die Insolvenz gehen. Eine der wenigen Konstanten seit der Einführung der Baseler Regeln ist, dass vor der Berechnung der Kapitalquoten immaterielle Vermögenswerte immer vom Kerneigenkapital abzuziehen sind.

Die neue europäische Regelung besagt, dass "vorsichtig bewertete" Software wieder hinzugerechnet werden kann und über zwei Jahre abgeschrieben werden muss. In Anbetracht der Erfahrungen mit insolventen Start-up-Banken wie Wirecard bringen immaterielle Vermögenswerte aus Software nicht nur keinen Mehrwert in der Liquidation, es gibt auch keine Möglichkeit, ihnen einen Wert zuzuordnen, wenn das Unternehmen fortgeführt wird.

Hohe Summen für Softwareausgaben

Die Bilanzen der fünf größten britischen Banken weisen Software-Investitionskosten in Höhe von 10 Mrd. GBP auf. Trotz der häufig von uns geäußerten Besorgnis, dass die europäischen Banken in einer vulnerablen Situation sind, könnte es sein, dass die Bank of England besorgt ist, dass die britischen Banken ebenfalls stark geschwächt sind. Sie könnte darauf setzen, dass die Entscheidung, von den kontinentalen Regeln abzuweichen, dazu beitragen wird, das Kapitalniveau der britischen Banken zu stützen und Dividendenausschüttungen zu begrenzen.

Befürworter der Entscheidung der Europäischen Kommission argumentieren, dass es angesichts des Aufstiegs von FinTech-Firmen und der großen Anzahl an Übernahmen von FinTechs durch herkömmliche Banken schwieriger wäre, solche Firmen zu erwerben, wenn diese Regelung nicht gelockert würde. Die Rechnungslegungsvorschriften würden einen wesentlichen Teil des Übernahmepreises dem Wert der Software des Zielunternehmens zuschreiben.

EU und GB mit verschiedenen Ansätzen

Nichtsdestotrotz gilt dieses Argument auch in Großbritannien. Warum haben die EU und Großbritannien also unterschiedliche Wege gewählt? Da die Spannungen zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU nach dem Brexit zunehmen, worüber wir im Januar geschrieben haben, ist nicht auszuschließen, dass diese Unstimmigkeit politisch motiviert ist. Eine alternative Interpretation ist, dass viele der bisher erfolgreichen FinTech-Startups in Großbritannien ansässig sind. Würde Großbritannien die neuen Regeln der EU kopieren, wären britische Banken nachweislich geschwächt, wenn sie solche Firmen übernehmen und einen Großteil der Übernahmekosten als kapitalerhöhende Softwareausgaben behandeln könnten.

Auf der einen Seite mag die Meinungsverschiedenheit zwischen den Finanzaufsichtsbehörden der EU und des Vereinigten Königreichs als ein unbedeutendes Thema erscheinen. Auf der anderen Seite hingegen könnte sie sich als ein Wendepunkt in der engen Beziehung zwischen den nationalen Zentralbanksystemen Europas und dem des Vereinigten Königreichs erweisen.

Kein Protest gegen Regeländerungen der EU

Die Logik, mit der die EU die Regeländerung begründet, ist falsch - unterkapitalisierte Banken sind weniger in der Lage als gut kapitalisierte Banken, ihre Volkswirtschaften mit Krediten zu versorgen. Institutionelle und große private Einleger sind schwachen Banken gegenüber misstrauisch. Natürlich wird dieser Punkt angesichts der reichlich vorhandenen Zentralbankliquidität nicht allgemein anerkannt und daher stößt die falsche Logik auf wenig Kritik.

Der fehlende Protest gegen die Verschärfung der Regulierung, die als wichtiger Wendepunkt der Finanzkrise hervorgehoben werden sollte, zeigt, dass die Öffentlichkeit entweder müde ist oder es ganz aufgegeben hat, die Behauptung in Frage zu stellen, dass die Banken nach der Finanzkrise wirklich rekapitalisiert wurden. In Anbetracht der Tatsache, dass beide Seiten nun so unterschiedliche Regeln für die Kapitalbehandlung von Software-Assets haben, kann man argumentieren, dass britische Banken bei der Umsetzung von Strategien zur digitalen Transformation derzeit im Nachteil sind. Mittelfristig sollten sie jedoch in einer robusteren Verfassung sein, sollte es zu einer weiteren Feuerprobe kommen.

Bild: Fabian Kurz

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