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Neue Open-Banking-Regeln: Disruptiver Fintech-Wettbewerb?

Angesichts des enormen Erfolgs von Technologieunternehmen in den letzten 15 Jahren überrascht die anhaltende Begeisterung von Investoren, Unternehmern und politischen Entscheidern für disruptive Finanztechnologie (Fintech) nicht. Allerdings sehen Regulierungsbehörden im Bankwesen in Fintechs auch ein Risiko. Das Dilemma der Bankenaufsichten besteht darin, Wettbewerb, Effizienz und Transparenz zu fördern, ohne dass es gleichzeitig zu massiven Verschiebungen des Kundengeschäfts hin zu neuen Start-ups kommt. Diese Verschiebung könnte dieselben systemrelevante Banken destabilisieren, an deren Rettung die Aufsichtsbehörden so hart gearbeitet haben, um sie nun als rekapitalisiert zu präsentieren.

Angesichts dieser beiden Zielkonflikte, haben die europäischen Gesetzgeber die Open-Banking-Regeln eingeführt, die in der Second Payment Services Directive (PSD2) enthalten sind. Die EU verspricht sich von der Richtlinie mehr Wettbewerb im Bankensektor. Der Inhalt der Regeln ist undramatisch und öffentlich kaum bekannt; eine kürzlich für das Which?-Magazin erstellte Umfrage fand heraus, dass 92 Prozent der Befragten von der Regeländerung nichts wussten. Selbst Finanzexperten, die die neuen Regeln kennen, glauben nicht, dass sie in naher Zukunft zu einer disruptiven Veränderung des Bankenwesens führen werden.

Wir werfen hier einen näheren Blick auf die Implementation der PSD2-Regeln im Vereinigten Königreich, das die Regeln als eines der ersten Länder im Detail eingeführt hat und berichten, wie die Industrie bisher die Änderung reagierte.

Mehr Wettbewerb und Innovation durch offene Datenweitergabe

Trotz der großen technologischen Veränderungen im Bankwesen in den letzten Jahrzehnten - Geldautomaten, Chip und Pin, kontaktloses Bezahlen – verlieren die großen Akteure keine Marktanteile. Sie passen sich immer wieder an und führen ihre Geschäfte wie gehabt weiter. In den letzten 20 Jahren haben dieselben fünf Banken - Barclays, RBS, HSBC, Santander, und Lloyds - über 80 Prozent des Marktanteils in Großbritannien verfügt. Britische Aufsichtsbehörden sorgen sich über Indizien für eine Kartellbildung. Diese fünf und die nächsten vier Banken bieten alle gleichermaßen magere Zinsen für Sparkonten an, verlangen ähnliche hohe Zinsen für Überziehungskredite und stimmen miteinander sogar in Ladenschlusszeiten und telefonischen Wartezeiten überein. Nichtsdestotrotz bleiben britische Bankkunden ihren Banken sehr loyal und trennen sich von ihren Konten seltener als von ihren Ehepartnern.

Die PSD2-Regeln haben zum Ziel, dass Banken kundenfreundlicher werden oder riskieren, ihre Kunden an andere Banken zu verlieren. PSD2 verpflichtet Banken dazu, bestimmte Kundendaten an Dritte weiterzugeben, solange ihre Kunden sie dazu ermächtigen. Das Vereinigte Königreich nimmt in dieser Hinsicht eine Vorreiterrolle ein und setzt bereits seit Januar 2018 Regeln für die Datenweitergabe in einem standardisierten Format durch.

Innovationsspritze für Kreditvergabe, Zahlungsverkehr und Finanzmanagement

Kann diese Öffnung der Datenweitergabe einen Einfluss auf die gemütliche Monopolstellung der britischen Banken haben? Experten denken, dass die neuen Regeln den Wettbewerb in drei Bereichen fördern werden:

(i) Kreditvergabe: Banken haben einen großen Vorteil, die Kreditwürdigkeit ihrer Kunden einzuschätzen. Datenschutzgesetze sorgten bisher dafür, dass allein die Bank und die Kunden selbst über deren detaillierte Ausgabenhistorie verfügten. Der Bank war gesetzlich verboten, diese Information mit potentiellen Wettbewerbern zu teilen. Die Open-Banking-Regeln ändern dies. Wenn ein Kunde seine Bank dazu ermächtigt, ist diese verpflichtet, die Daten in einem bestimmten Format an eine Vielzahl von Wettbewerbern weiterzugeben. Die Anzahl der Mitbewerber erhöht sich Zusehens, so haben mehr als 50 Start-ups seit 2008 im Vereinigten Königreich eine Banklizenz erhalten.

(ii) Zahlungsverkehr: Das internationale Zahlungssystem ist stärker fragmentiert und verlässt sich auf mehr Intermediäre als sich die meisten Bankkunden wünschen. Open Banking macht es den Kunden leichter, Zahlungsströme direkt von ihren Bankkonten zu autorisieren, wodurch sie Intermediäre und somit Kosten einsparen können.

(iii) Persönliches Finanzmanagement: Aufgrund einer Vielzahl von Faktoren - vom britischen System der viertägigen Zahlungsfreigabe über die verschiedenen individuellen Banksysteme und die Codes, die für verschiedene Zahlungstypen verwendet werden - waren traditionelle Banken bisher träge darin, den steigenden Bedarf junger Bankkunden zu befriedigen, ihre Ausgaben für Miete, Transport, Kleidung, soziale Aktivitäten etc. zu verfolgen.

Technisch gesprochen haben die Open-Banking-Regeln die britischen Banken dazu bewegt, bestimmte Kundendaten für verschiedene Programmierumgebungen (APIs) zu öffnen. Diese weit unterstützten Formate, sind für eine Reihe von britischen Start-ups maßgeschneidert, deren Geschäftsmodelle auf API-Protokollen beruhen und häufig smartphone-basiert sind.

Unkonventionelle Dienstleistungen der neuen Digital-Banken

Welche der obengenannten 50 britischen Start-ups haben die besten Chancen, die durch die Open-Banking-Regeln geschaffenen neuen Möglichkeiten zu nutzen und die Geschäfte der traditionellen Banken zu übernehmen? Eine der neuen Banken ist Starling. Starling bietet ein volles Girokonto an, einschließlich einer Überziehungsmöglichkeit und der Möglichkeit für Kunden, ihre Ausgaben im Detail zu analysieren. Trotz der dünnen Kapitalausstattung bedeutet die Banklizenz dieses Start-ups, dass für ihre Kunden genau wie für die der großen fünf Banken die gesetzliche Einlagenversicherung über 85.000 britische Pfund gilt.

Ein weiteres neues Start-up, Atom Bank, war 2015 die erste rein digitale Bank, die eine Banklizenz erhielt. Sie bietet Sparkonten und Hypothekenkredite an und plant ab diesem Jahr auch vollständige Girokonto-Dienste anzubieten.

Das vermutlich interessanteste, rein mobile Bank-Startup ist Monzo. Von zwei Ex-Starling-Mitarbeitern im Jahr 2016 gegründet, bietet Monzo lediglich eine farbenfrohe Mastercard an, aber keinerlei Girokontofunktion oder Überziehungsmöglichkeit. Monzo bietet nicht einmal Zinsen auf Spareinlagen. Der einzige erkennbare Vorteil liegt in der Bereitstellung eines Dashboards - reichlich gefüllt mit Emojis - das seinen im Durchschnitt finanzschwachen Kunden die Möglichkeit eröffnet, ihre Ausgaben und ihren Kontostand im Auge zu behalten. Monzo positioniert sich selbst als eine Bank, die sich authentisch um ihre Kunden kümmert, weshalb sie ihnen diese Funktionen des Ausgabenmanagements bereitstellt und davor schützt, versehentlich in die Miesen zu geraten.

Monzo wächst mit rapider Geschwindigkeit und genießt im Vereinigten Königreich einen Kult-Status unter seinen mittlerweile 500.000 Nutzern, von denen die Hälfte unter 30 Jahre alt ist. Im Unterschied zu anderen Banken, die Neukunden monetäre Anreize bieten, ist Monzo bereits so populär, dass es sogar ein „Goldenes Ticket“ anbietet, das ein Neukunde einem Freund geben kann, um die bis zu 6-wöchige Warteliste zur Kontoeröffnung zu umgehen. Laut Monzos Mitgründer und CEO Tom Blomfield verfolgt das Unternehmen das ambitionierte Ziel, eine Milliarde Nutzer zu gewinnen und zum Facebook des Bankensektors zu werden. Seine erste Crowdfunding-Runde im März 2016 konnte eine Million britische Pfund erzielen. In der nächsten Investitionsrunde im vierten Quartal 2017 investierte der Unternehmer hinter Instagram in Monzo und der Unternehmenswert stieg auf 270 Millionen britische Pfund.

Verdrängung durch neue Banken oder Add-ons für die Alten?

Angesichts der wenigen Dienstleistungen Monzos ist umstritten, ob es sich um eine Bank handelt. Das Unternehmen plant, ein paar zusätzliche Bankdienstleistungen anzubieten, aber strebt eher danach, die Schnittstelle zwischen seinen Kunden und den Bankprodukten anderer Unternehmen zu werden. Außerdem schreibt Monzo trotz seiner halben Million Nutzer immer noch Verluste und die Hoffnung, ein profitables Unternehmen zu werden, hängen vom Erfolg in einem unerprobten Gebiet ab - Kredite zu vergeben . Weil die jüngste Finanzkrise auch von einer Vertrauenskrise in die von schlechten Krediten geschwächten Banken begleitet wurde und notleidende Kredite trotz massiver Intervention der Zentralbanken für Banken weiterhin ein großes Problem sind, steht Monzos neue Kreditstrategie - worin auch immer sie im Detail bestehen mag - vor offensichtlichen Risiken.

Und dennoch, wir sagen für Banking-Startups wie Monzo keine düstere Zukunft voraus. Private Kapitalgeber von Start-ups könnten einen Exit in Börsengängen oder Ausgliederung einzelner Branchen sehen. Als profitabelster Weg für diese neuen Apps könnte sich aber der Verkauf an etablierte Banken erweisen. Nur wenige große Banken haben viel Expertise in der Fintech-Branche. Im Februar veröffentlichte die globale Beratungsgesellschaft Capgemini ihren World Fintech Report, in dem sie eine Kluft zwischen dem Appetit auf Fintech-Innovation und der Fähigkeit von Banken darstellte, diese Innovation zu liefern. Die Trägheit der Kunden, die zu einer dauerhaften Kundenbindung an etablierte Banken führt, dürfte nicht nachlassen. Fintechs werden traditionelle Banken eher als Investor betrachten, anstatt die alten Branchenriesen anzugreifen.

Großbritannien wäre ein gutes Vorbild für die Eurozone

Wenn wir richtig liegen, dann haben britische Banken eine rosigere Zukunft vor sich als es der Capgemini-Bericht prophezeit. Die Frage ist, ob die britische Fintech-Erfahrung in Europa repliziert wird. Das hängt zum einen von der Art und Weise der Umsetzung der Open-Banking-Regeln in den Eurostaaten ab. Zum anderen ist entscheidend, wie enthusiatisch nationale Zentralbanken in den Ländern mit schwächelnden Banken sind, ihre fragilen Finanzinstitute durch die Vergabe neuer Banklizenzen zusätzlichen Wettbewerbern auszusetzen.

Bild: InvestmentZen

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