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Türkeikrise: Wird die EZB eingreifen?

In den letzten fünf Jahren haben wir das Kommen und Gehen des Hungers US-amerikanischer und europäischer Kaptalmärkte auf Investitionen in Emerging Markets beobachten können. Nichts schmälert die Investitionen in Emerging Markets mehr als Währungsunsicherheiten. Viele europäische Fondsmanager können sich freuen, dass sie Länder wie Argentinien gemieden haben, wo die Währung dieses Jahr um 52 Prozent gegenüber dem US-Dollar abgewertet hat, ganz zu schweigen von Venezuela, wo die Währung mit einer jährliche Inflationsrate Ende August von 61.000 Prozent kurz vor dem Zusammenbruch steht.

Das Ausmaß menschlichen Leids hervorgerufen durch eine zusammenbrechende Währung ist schwer vorstellbar. Viele bulgarische Bürger erinnern sich an die Schwierigkeiten, als ihre Währung 1997 scheiterte. Die Lösung war die harte Bindung der bulgarischen Leva an die Deutsche Mark über ein Currency Board, welches 1999 in den Euro überführt wurde. Bulgarien war weder zu stolz, sich um Unterstützung durch die europäischen Institutionen zu bemühen, noch gab es eine autokratische Führung, die eine unabhängige Währung zur Unterstützung einer eigenen internationalen politischen Agenda benötigte. Kurz gesagt, Bulgarien hat sich nie als geopolitischen Akteur verstanden.

Türkei: Das Lira-Problem

Schauen wir zum Vergleich auf den bulgarischen Nachbarstaat Türkei. Die Türkei ist der fünftgrößte Exportmarkt der Europäischen Union. Im Laufe der letzten 12 Monate hat die türkische Lira gegenüber dem Euro um 46 Prozent an Wert verloren. Obwohl Präsident Erdogan die jüngsten Probleme auf die Entscheidung der USA für höhere Aluminium- und Stahlzölle zurückführt, scheint er die Rolle, die seine eigenen Entscheidungen gespielt haben, nicht zu verstehen. Auch die Reputation des Präsidenten als Autokrat erreicht nach seiner Wiederwahl im Juni neue Höhen. Er hat weitere ihm kritisch gesonnene Politiker entmachtet und seinen Schwiegersohn zum Finanzminister ernannt.

Zwar hat sich das BIP-Wachstum der Türkei nach Rückschlägen durch den Putschversuch vom Juli 2016 wieder in einen positiven Bereich bewegt. Der Aufschwung wurde jedoch vor allem durch zwei massive schuldenfinanzierte Projekte vorangetrieben - den neuen Istanbuler Flughafen, der der größte der Welt werden soll und einen neuen Kanal, der das Schwarze Meer mit dem Marmarameer verbindet.
Erdogan prahlte zudem damit, die persönliche Kontrolle über die Geldpolitik zu übernehmen und forderte patriotische Türken dazu auf, ihre Ersparnisse in Gold und "harten" Währungen zu verkaufen, um die Lira zu stützen: Dieser Appell zeigte im Inland wenig Wirkung und stärkte die Zweifel ausländischer Investoren an der zukünftigen Entwicklung der Lira.

Wie ernst ist das Problem?

Die monetären Verwerfungen sind nur ein Teil des Problems. Wie andere entwickelte Volkswirtschaften hat auch die Türkei viele Sektoren, wie z.B. die Energiewirtschaft, reguliert. Regulierungen können unbeabsichtigte Schneeballeffekte haben. Seit 2003 hat der Ausbau türkischer Kraftwerke 95 Mrd. USD verschlungen. Davon sind 51 Mrd. USD - oder rund 15 Prozent der gesamten Auslandsverschuldung türkischer Unternehmen außerhalb des Finanzsektors - noch nicht zurückgezahlt. Die Stromproduzenten stecken in der klassischen Falle regulierter Industrien, die ihre inländischen Lira-Preise nicht schnell genug erhöhen können, um mit den steigenden Kosten ihres Dollar-Schuldendienstes Schritt zu halten. In Reaktion händigte der Staat Subventionen an Energieunternehmen aus, die sonst in die Insolvenz gehen würden. Dies belastet den Staatshaushalt, der zusätzlich über die Druckerpresse finanziert wurde.
Kommen wir nun zum Bankensektor. Offizielle Zahlen zeigen, dass die türkischen Banken mit notleidenden Krediten (Non-Performing Loans, NPLs) von nur 3 bis 4 Prozent der Bilanzsumme recht gut kapitalisiert sind. Inoffiziellen Schätzungen zufolge ist der tatsächliche NPL-Wert mit rund 7 bis 8 Prozent höher. Da die türkische Zentralbank die Zinsen jedoch von rund 5 Prozent im Jahr 2014 auf zuletzt fast 18 Prozent erhöht hat, erwarten die meisten Analysten, dass türkische Banken viele zusätzliche NPLs werden anerkennen müssen.
Vielleicht sind NPLs noch kein ernsthaftes Problem für türkische Banken. Die Finanzierung ist gewiss problematisch. Türkische Banken haben sich bei der Finanzierung auf kurzfristige 12-Monatskredite in Euro verlassen. Bisher haben sie diese Kredite jährlich rollen können, aber die starke Abwertung der Lira zog zwei Probleme nach sich: Erstens, Banken, die ihre Währungsrisiken nicht abgesichert hatten, erlitten erhebliche Währungsverluste. Zweitens, die Instabilität der Lira hat ausländische Kreditgeber davon abgeschreckt, Kredite zu erneuern.
Einige Leser mögen sich fragen, warum Energieversorger und Banken nicht verstärkt auf Instrumente des Devisenrisikomanagements wie Währungsswaps zurückgegriffen haben. Die Antwort läuft wahrscheinlich auf eine Kombination von zwei Faktoren hinaus: Erstens war der Markt für langfristige Währungssicherungsinstrumente zur Neutralisierung des Risikos zwischen "harten" Währungen wie Dollar oder Euro und einer Randwährung wie der Lira schon immer klein und daher teuer. Zweitens gehen viele Unternehmen und Banken gerne Währungsrisiken ein. So profitieren Banken von "Carry Trades". Ein Beispiel dafür sind japanische Banken, die auf Australische Dollar basierende Wertpapiere von hoher Qualität kaufen und diese mit niedrigen Zinskosten in Japanischen Yen finanzieren. Es ist wahrscheinlich, dass die türkischen Banken aus einem oder beiden dieser Gründe stark von der Währungsschwäche der Lira betroffen sind.

Welche politischen Optionen gibt es für die Türkei?

Argentinien bittet derzeit den IWF um Hilfe. Wird die Türkei dem Beispiel folgen? Die meisten Einschätzungen über den Charakter von Präsident Erdogan deuten darauf hin, dass dies unwahrscheinlich ist. Präsident Erdogan scheint es zu genießen, sich den USA zu widersetzen, indem er weiterhin mit dem Iran Handel treibt. Es scheint unwahrscheinlich, dass er die persönliche Erniedrigung einer Umkehr seiner Politik akzeptieren würde. Ene Charaktereigenschaft, die er vielleicht mit den Führern Venezuelas, dem verstorbenen Präsidenten Hugo Chavez und dem jetzigen Präsidenten Nicolas Maduro teilt, der trotzig dem Währungschaos gegenübersteht, während die venezuelanische Bevölkerung versucht, das Land zu verlassen.
Aber auch wenn eine formelle Bitte für eine supranationale Unterstützung ausgeschlossen werden kann, stellt sich die Frage, ob die politischen Führer Europas beschließen werden, zur Stabilisierung der Lira beizutragen, weil dies im Eigeninteresse Europas liegt. Dafür gibt es mindestens drei Gründe.
Erstens beherbergt die EU eine große türkische Diaspora, vor allem in Belgien, Deutschland, Bulgarien und Großbritannien.
Zweitens, da die Migration nach wie vor ein sensibles soziales und politisches Thema ist, das zu hässlichen Szenen in Deutschland geführt hat, werden die Staats- und Regierungschefs der EU hoffen, dass die Türkei ihre „zentrale und entscheidende Rolle" bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise beibehält. Währenddessen bemühen sich die EU Staaten um einen Kompromiss zur Verteilung von Migranten, dem alle Mitgliedsstaaten zustimmen können.
Die dritte Überlegung betrifft die Auswirkungen der anhaltenden Schwächung der Lira auf die türkischen Banken und das EU-Bankensystem. Die europäischen Finanzbehörden haben darauf geachtet, dass die türkischen Banken keinen Zugang zum zentralen Clearingmechanismus für Derivategeschäfte. Somit ist das Finanzsystem der Türkei aus Clearing und Settlement-Perspektive eher geschlossen und es besteht kein signifikantes Risiko einer paneuropäischen Derivateschmelze. Doch das Bankensystem der Türkei ist nicht isoliert. BBVA aus Spanien hält 49 Prozent an der Garanti Bank (drittgrößte Bank der Türkei), Unicredit (Italien) 41 Prozent an Yapi Ve Kredit - die fünftgrößte Bank. Darüber hinaus besitzen die Deutsche Bank, HSBC und ING ihre eigenen türkischen Tochterbanken.

Deutsche Stützung der Lira wäre nur ein Strohfeuer

Deutschland hat öffentlich erklärt, dass es der Türkei helfen will: „Eine stabile, prosperierende und demokratische Türkei liegt im Interesse Deutschlands", sagte die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer Ende August. Zu den Optionen, die sie darlegte, gehörten:

> Koordinierte EU-Hilfe,

> Bilaterale, deutsche Hilfe,

> Projektspezifische Kredite staatlicher Entwicklungsbanken.
Dennoch sehen die Aussichten für die Lira und die türkischen Banken ohne die Unterstützung eines großen geopolitischen Blocks düster aus. Wird Deutschland in der Lage sein, die EU davon zu überzeugen, dass die informelle Unterstützung der Lira von der EZB geleistet werden sollte? Dies würde eindeutig außerhalb des Mandats der EZB liegen. Aber die Besorgnis um die Risiken für Banken in Frankreich, Spanien und Italien aufgrund türkischer Kreditnehmer steht bereits im Raum. Es ist möglich, dass dies als eine Art Notfall ausgelegt werden könnte, der eine Intervention der EZB rechtfertigt. Angesichts der Stärke der EZB und ihres bisherigen Erfolgs, die Null- bis Negativzinsen im gesamten Euroraum aufrechtzuerhalten, würde es nicht viel an sichtbarer Unterstützung erfordern, um die Lira-Leerverkäufer abzuschrecken und die Währung kurzfristig zu stabilisieren.

Die Türkei zwischen den Blöcken

Es ist jedoch zu hoffen, dass jede Unterstützung von Bedingungen oder zumindest Zusicherungen der Türkei begleitet wird, eine marktfreundlichere Politik zu verfolgen - sowohl im Hinblick auf die öffentlichen Ausgaben für die persönlichen Prestigeprojekte des Präsidenten als auch auf die institutionelle Governance. Wir können nur hoffen. Der Euro steht derzeit gut da, was angesichts des wohl größeren wirtschaftlichen Risikos für Europa als für Großbritannien durch den Brexit überrascht. Nimmt die Türkei die Unterstützung der EU an, geht sie das Risiko ein, dass der Euro selbst in ein oder zwei Jahren unter Druck geraten und die EZB Ziele außerhalb ihres Kerngeschäfts aufgeben könnte. Das könnte dazu führen, dass die Türkei ihre Währung nur noch mit Hilfe ihrer Freunde im Nahen Osten und Russland stützen könnte.

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