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US-Wahlkampf: Der Finanzsektor im Fokus

Obwohl die Marktkapitalisierung der US-Großbanken im Vergleich zu den europäischen Geldhäusern relativ groß ist, stehen sie in den Augen von Branchenkennern vor großen Herausforderungen. Der Ausgang der Präsidentschaftswahl in den USA könnte richtungsweisend für den Finanzsektor sein. Die Zentralbank der USA wird dabei auch in Zukunft eine entscheidende Rolle spielen.

Unabhängig vom Ausgang der US-Wahlen erwarten Amerikas Großbanken fortwährende Zugeständnisse in zwei Schlüsselbereichen: Der Geldpolitik und der Bankenregulierung. An der Geldpolitik dürfte sich nicht viel ändern. Die Federal Reserve (Fed) unter Jerome Powell wird die Zinssätze auch auf längere Frist niedrig halten und versucht, die Inflationsrate und das Wirtschaftswachstum anzuregen. Bezüglich des Regulierungsumfelds erwarten die Banken, dass sie ihre Bilanzsummen werden weiter erhöhen können. Da Anleger nicht sonderlich erpicht sind, Banken zusätzliches Eigenkapital zur Verfügung zu stellen, liefe dies bei der aktuellen Marktlage auf eine Lockerung der Leverage-Regeln hinaus. Bevorzugen die Banken einen Kandidaten der beiden Kandidaten im US-Präsidentschaftswahlkampf?

Regulierung des Finanzsektors: Demokraten vs. Republikaner

Unter demokratischer Führung wurde 2010 das Dodd-Frank-Gesetz verabschiedet. Für Banken als recht limitierend angesehen, wurden einige der strikteren Restriktionen unter Präsident Trump gelockert. Kleinere Banken, also solche mit einer Bilanzsumme von weniger als 10 Milliarden US-Dollar, sind nun vollständig von der Volcker-Regel ausgenommen; eine Regelung, die Banken daran hindert, auf eigene Rechnung mit Wertpapieren zu handeln. Gegen diese Regulierung, die den Banken anfänglich auch den Besitz von Hedge- oder Private-Equity-Fonds untersagte, wurde von den Banken lobbyiert und die Regelungen wurden über die Zeit aufgeweicht. Die Demokraten schreiben die Stutzung der Regulierung den Republikanern zu, die gegenüber der Lobbyarbeit der Banken offen gewesen seien. Es sei hier jedoch auch erwähnt, dass Dodd-Frank sehr komplex ist und die Aufsichtsbehörden das Gesetzt für schwer intepretierbar und ohne Anpassungen nur schwerlich durchsetzbar erachteten.

Ein weiteres Zugeständnis an die Banken unter Trump betrifft Stresstests. Im Jahr 2018 wurde die Schwelle für die Bilanzsumme von 50 Milliarden auf 250 Milliarden Dollar angehoben, sodass zurzeit nur die größten Banken Stresstests unterzogen werden. Ein aktuelles Thema ist der Community Reinvestment Act, der Banken ermutigen soll, mehr Kredite in einkommensschwachen Gegenden zu vergeben. Während einer Biden-Präsidentschaft könnten neue Beamten in den Institutionen mit der Befugnis zur Festlegung von Regeln eingesetzt werden. Es ist denkbar, dass unter Biden der Druck auf Banken höher wäre, sowohl die Kreditvergabe als auch das Niveau der Bereitstellung von Finanzdienstleistungen in Gegenden mit niedrigen Durchschnittseinkommen auszuweiten.

Marktkapitalisierung von US-Banken hoch

Das wichtigste Thema für Bankmanager dürfte jedoch die Kapitalvorschriften sein, die direkten Einfluss auf den zulässigen Leverage der Banken hat. Die Fed weiß, dass die Banken größere Bilanzen benötigen, um rund 3 Billionen US-Dollar an neuen Schulden aufzusaugen, beziehungsweise zu "refinanzieren". Die Fed wird vermutlich im Stillen die Führungen beider politischer Parteien dahingehend sensibilisieren. Wird den Banken ein höherer Leverage zugestanden, rückt das Risiko erneuter Marktverwerfungen in den Mittelpunkt des Interesses. In dieser Hinsicht ist es bemerkenswert, dass die Finanzmärkte deutlich mehr Vertrauen in amerikanische Banken haben als in europäische. Die durchschnittliche Marktkapitalisierung der sechs größten US-Banken ist Anfang des Jahres auf einen Tiefststand von 80 Prozent des Buchwertes gesunken, hat aber inzwischen wieder etwa die Parität erreicht. Ganz im Gegensatz zu den europäischen Banken, deren Aktienkurse seit zwei Jahren kontinuierlich gesunken sind. Ihre Marktkapitalisierung beläuft sich heute im Durchschnitt etwa auf die Hälfte des Buchwertes. Die wertvollste US-Bank, JP Morgan Chase, hat eine Marktkapitalisierung von rund 300 Milliarden US-Dollar, die größte Bank der Eurozone, BNP Paribas, wird nur mit 50 Milliarden Euro bewertet. Die Aufseher in Europa sind beunruhigt und erlauben den Banken, die Baseler Regeln zu brechen und ihre Kapitalpuffer zu reduzieren.

Kernkapitalposition der Banken

Trotz des Vertrauens der Finanzmärkte in US-Banken könnten die hohen Aktienkurse auch die Tatsache widerspiegeln, dass die US-Regulierer - anders als in Großbritannien oder Europa - den Banken erlauben, Dividenden an ihre Aktionäre auszuschütten. Bei näherer Betrachtung scheint die Kapitalposition der größten US-Banken nicht so stark zu sein. Ein kürzlich veröffentlichter Bericht des Center for American Progress bringt diese Position auf den Punkt:

"Die Regulierungsbehörden hätten […] die Kernkapitalanforderungen erhöhen können, die über Konjunkturzyklen konstant bleiben. Anstatt jedoch Maßnahmen zu ergreifen, um das Bankkapital auf ein höheres Niveau zu befördern, haben die Regulierungsbehörden die letzten Jahre damit verbracht, Kernauflagen zu schleifen."

Antizyklischer Kapitalpuffer

Der Bericht argumentiert im Wesentlichen, dass die Fed in den zehn Jahren Wirtschaftswachstum nach der Krise jede Gelegenheit verpasst hat, um das Bankkapital zu stärken. Ein Beispiel dafür ist der kontrazyklische Kapitalpuffer (CCyB). Die Baseler Regeln erlauben es den nationalen Zentralbanken, eine Erhöhung der Kernkapitalanforderungen zu beschließen, wenn Banken bei der Kreditvergabe weniger zurückhaltend werden, um die Banken für Zeiten des wirtschaftlichen Abschwungs zu wappnen. Großbritannien, Frankreich und Schweden haben den kontrazyklischen Kapitalpuffer aktiviert, die Fed jedoch nicht. Einen weiteren Anhaltspunkt für die zugrundeliegende schwache Kapitalposition der US-Banken liefern zwei Episoden, die beinahe zu Schockstarren auf den Finanzmärkten geführt haben.

US-Notenbank interveniert

Im September 2019 stützte die Federal Reserve den Repo-Markt massiv mit Liquidität. Es wird vermutet, ein saudi-arabischer Investor habe eine große Position in US-Staatsanleihen verkauft, wodurch dem Repo-Markt Sicherheiten zugeflossen sind, aber Barmittel abgezogen wurden. Banken weigerten sich, einander Bargeld zu leihen. Geldmarktfonds nutzten die Gelegenheit und sprangen ein. Sie boten Bargeld jedoch zu relativ hohen Preisen - die Zinsen lagen umgerechnet bei 10 Prozent pro Jahr. Die Fed beruhigte die Lage. Doch während man dies noch als echte Lender of Last Resort-Aktivität bezeichnen kann, waren die Ereignisse im März dieses Jahres anderer Natur. Der Dow-Jones-Index fiel kontinuierlich von 29.551 am 12. Februar auf 18.321 am 23. März, als die Fed einschritt und eine Reihe von Programmen zum Erwerb von Vermögenswerten ankündigte. Einige Kommentatoren betrachten dieses Datum im Nachhinein als Jerome Powells "Whatever it takes"-Moment. Denn die Fed geht damit deutlich über die Lender of Last Resort-Funktion hinaus.

Welche weiteren Maßnahmen könnten die US-Behörden in Betracht ziehen, um eine größere Hebelwirkung zu ermöglichen? Sie könnten der Europäischen Bankbehörde (EBA) folgen: Im August kündigte die EBA an, dass "vorsichtig bewertete" Software-Aktiva wieder zum Kernkapital der Bank hinzugerechnet und über zwei Jahre abgeschrieben werden können. Diese Entscheidung kam überraschend. Denn selbst die EBA erklärte, solche Software-Assets hätten "aus der Perspektive der Eigenmittel CET1 sehr unwahrscheinlich einen Wert". Darüber hinaus gibt es viele Beispiele für gescheiterte Fintech-Neugründungen, deren Software-Aktiva nie zu Preisen verkauft werden, der ihrer bilanziellen Bewertung als immaterieller Vermögenswert nahekommen.

Biden bei Bankmanagern beliebt

Angesichts der jüngsten regulatorischen Zugeständnisse unter Präsident Trump könnte man erwarten, dass die Wall Street eine zweite Amtszeit Trumps unterstützen würde. Wenn man jedoch die persönlichen Spenden der Führungskräfte betrachtet, deuten sie darauf hin, dass JP Morgan Chase, Bank of America, Citi, Wells Fargo, Goldman Sachs und Morgan Stanley Joe Biden bevorzugen. Dieser konnte dreimal mehr Spendengelder von ihnen einwerben als sein Gegner. Vielleicht wird Biden als stabilisierender Einfluss in einem Land angesehen, das zunehmend stärker von sozialen Unruhen geprägt wird. Schließlich könnten sich die US-Banken bei einer entgegenkommenden Geldpolitik und weniger strengeren Bankenvorschriften für die Demokraten erwärmen, weil ihre Weltsicht globaler ist und sie eine Beruhigung der innerpolitischen Situation anstreben. Wenn jedoch Biden gewinnt und die hohen Risiken in den Bankbilanzen wieder zum Thema werden, sind hochrangige Demokraten wie Bernie Sanders und Elizabeth Warren, die Banken sehr kritisch gegenüberstehen, den Hebeln der Macht relativ nahe.

Bild (bearbeitet): Jack Cohen/Unsplash

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