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Wirtschaftsprüfung in UK auf dem Prüfstand: Der Brydon-Bericht

Der ehemalige Vorsitzende der Londoner Börse, Sir Donald Brydon, veröffentlichte kurz vor Weihnachten seinen umfassenden Bericht über die britischen Wirtschaftsprüfer. Vermutlich wird der Bericht erhebliche Auswirkungen auf die Finanzberichterstattung von Banken in ganz Europa haben, da (mit nur wenigen nationalen Ausnahmen) die in London festgelegten Rechnungslegungs- und Prüfungsvorschriften die Grundlage der jeweiligen Richtlinien der Europäischen Union bilden.

Unmut über Pleite von Carillion

In Großbritannien nahm der Unmut über die Pleite von Carillion, die viele Bauprojekte für die Regierung umsetzte und als Facility Manager Einrichtungen wie Krankenhäuser und Gefängnisse betrieb, in den Monaten nach der Pleite weiter zu. Im Mai 2018 wurden der Finanzdirektor und weitere Vorstandsmitglieder in einem gemeinsamen Bericht der Ministerien "Business Enterprise and Industrial Strategy" und "Work and pensions" für die Störung der Bereitstellung staatlicher Leistungen und die Insolvenzen mehrerer KMU-Subunternehmer verantwortlich gemacht.

Dem Bericht zufolge haben diese Personen Rechnungslegungsinstrumente von sanftmütigen Wirtschaftsprüfern absegnen lassen und zur Anwendung gebracht, um Verluste und Liquiditätsprobleme zu verschleiern. Der gemeinsame Bericht fasst dies in überraschend unverblümter Sprache als "Rücksichtslosigkeit, Überheblichkeit und Gier" zusammen. Carillions Wirtschaftsprüfer hatten versucht, sich mit Verweis auf die Komplexität der Bankinstrumente und der Risikomodelle zu entlasten. Doch gerade der Fall Carillion illustriert, dass Versäumnisse bei der Prüfung nicht auf die Komplexität des zugrunde liegenden Geschäfts zurückzuführen sind.

Drei der wichtigsten Empfehlungen des Berichts sind:

> Die Wirtschaftsprüfung soll ein eigenständiger Bereich mit spezifischem Regelwerk werden.

> Es soll eine neue Aufsichtsbehörde für die Wirtschaftsprüfer geschaffen und der Umfang der Prüfung von Unternehmen auf nichtfinanzielle Angelegenheiten ausgeweitet werden.

> Die Prüfungsverantwortung für die Berechnung der risikogewichteten Aktiva der Banken soll aufgehoben werden.

Trennung von Wirtschaftsprüfung und Rechnungslegung

Erklärtes Ziel ist es, die Wirtschaftsprüfung von der auf das Management ausgerichteten Kultur der Rechnungslegung zu lösen. Es ist fraglich, ob die angestrebte Trennung der Bereiche Wirtschaftsprüfung und Rechnungslegung dies erreicht. Der Begriff "prinzipienbasiert" ist begrüßenswert. Allerdings ist es unabhängig von der Form der Umsetzung unwahrscheinlich, dass die Trennung von Wirtschaftsprüfung und Rechnungslegung die Prüfer mit dem von Sir Donald Brydon gewünschten Grad an Skepsis gegenüber Managern ausstatten wird. Die Wirtschaftsprüfung wird bestenfalls aus den "Big-4" ausgegliedert, die alle großen Banken in ganz Europa prüfen. Darüber hinaus werden sie das gleiche Verhalten wie in der Vergangenheit an den Tag legen: Wie der Bericht vermutet, werden sie vor allem mit den in den Banken eingerichteten Komitees zur Koordinierung der Prüfung zusammenarbeiten, "aber nicht mit Aktionären oder anderen Interessengruppen."

Zusammengefasst wird die Trennung nichts daran ändern, dass die Unternehmensleitung Aufträge an Wirtschaftsprüfer vergibt und ihnen auch ihr Honorar zahlt.

Eine neue Regulierungsbehörde

Der zweite hervorzuhebende Punkt des Berichtes ist die Empfehlung, eine neue Regulierungsbehörde für den Bereich Wirtschaftsprüfung zu schaffen: die Audit, Reporting and Governance Authority (ARGA). Damit geht der Bericht deutlich weiter als sich auf die formelle Trennung von Wirtschaftsprüfung und Rechnungslegung zu beschränken.

Die ARGA soll auch Prüfer des Verhaltens von Unternehmen in anderen Bereichen wie Cybersicherheit und Umweltdaten einschließen. Während diese Erweiterungen von der Bank of England vermutlich begrüßt werden, sehen wir sie kritisch.

Das Hauptversäumnis der derzeitigen Regulierungsbehörde „Financial Reporting Council“ (FRC) besteht in ihrer Untätigkeit gegenüber Unternehmen wie Carillion, die Dividenden und Management-Boni aus der Bilanzierung immaterieller Vermögenswerte wie dem Goodwill anstatt aus erzielten Gewinnen zahlten. Anscheinend ist Brydon überzeugt, dass die Wirtschaftsprüfer „das Vertrauen der Aktionäre und der breiteren Öffentlichkeit“ zurückgewinnen werden, wenn sie genauer und umfassender prüfen, wie Banken ihr Geld ausgeben. Wir sind weniger optimistisch. Die vorgeschlagene Reform würde den Aufgabenbereich von Prüfern erweitern, ohne dass sie ihrer Kernaufgabe nachkämen, nämlich den Schutz der Gläubiger durch eine angemessene Bewertung der Kapitalausstattung.

Bankkapital soll außerhalb des Prüfungsumfangs liegen

Während die ersten beiden Punkte für Verwunderung sorgen, gibt der dritte Punkt Anlass zu ernsthaftem Bedenken. Trotz der Beobachtung, dass es "das Hauptproblem ist, dass Dividenden nur aus den ausschüttungsfähigen Rücklagen gezahlt werden dürfen […]" empfiehlt der Bericht, dass die Revisionsfunktion bei der internen Berechnung der Kapitalausstattung der Banken ausgesetzt wird.

Die Kapitalausstattung ist jedoch entscheidend dafür, ob Banken über Rücklagen verfügen oder diese durch Verluste und laufende Betriebskosten aufgezehrt wurden. Der Bericht stellt fest, dass die internen Modelle der Banken für die Berechnung der risikogewichteten Vermögenswerte so komplex sind, dass die Erläuterungen "viele hundert Seiten umfassen können". Deshalb sei es zu kostspielig, von den Banken eine Überprüfung dieser Modelle durch Dritte zu verlangen.

Bezeichnenderweise wird hinzugefügt, dass "die für eine solche getrennte Prüfung erforderlichen Kenntnisse im Berufsstand der Wirtschaftsprüfer nicht offensichtlich vorhanden sind". Der Bericht bekräftigt diesen Punkt, indem er weiter vorschlägt, dass die Prüfer keine Verantwortung für die Beurteilung der Rechtmäßigkeit der zu zahlenden Dividenden haben sollten - dies liegt "außerhalb ihres Kompetenzbereichs". Dieser Punkt lässt aufhorchen. So brachte Bloomberg die Bedenken auf den Punkt:

"Wenn nicht einmal der Berufsstand der Wirtschaftsprüfer die undurchsichtige Welt der risikogewichteten Vermögenswerte überwachen kann, welche Hoffnung besteht dann für Investoren und Aufsichtsbehörden?"

Wirtschaftsprüfung muss Gläubigerschutz dienen

Sir Donald Brydon war von Anfang an auf dem falschen Pfad. Er glaubt, dass seine Aufgabe darin läge, "sicherzustellen, dass der Umfang der Prüfung den Bedürfnissen von Aktionären, anderen Stakeholdern und der Gesellschaft allgemein entspricht".

Damit liegt er falsch. Der Zweck der Prüfung ist der Schutz der Gläubiger, der eine der Grundlagen des britischen Unternehmensrechts ist. Die Kapitalerhaltungsvorschriften sollen verhindern, dass Dividenden und folglich auch Boni nur ausgezahlt werden, wenn die Forderungen der Gläubiger noch nicht bedient wurden. Die getreue Darstellung von Risiko und Bonität ist für das Vertrauen in die Berichterstattung zu Kapital, Liquidität und Finanzkraft von zentraler Bedeutung. Die Tage erhellender Finanzberichterstattung scheinen gezählt zu sein. Das Problem, das Brydon zu lösen versucht, geht auf das Jahr 2005 zurück, als die gegenwärtigen International Financial Reporting Standards Europa eroberten. Die Verfasser der IFRS versuchten, den Auftrag über den Gläubigerschutz hinaus zu erweitern und öffneten damit die Tür zum Managerismus.

Geringe Chancen auf Umsetzung

Es ist beruhigend, dass die Vorschläge des Berichts aller Voraussicht nach nicht umgesetzt werden. Denn eine Umsetzung würde die Finanzberichte von Banken bedeutungslos machen. Ein Großteil des britischen Unternehmensrechts ist im Gewohnheitsrecht verwurzelt, nicht im kodifizierten zivilen Recht. Im Jahr 2012 wurde die "Kay Review of UK Equity Markets and Long-Term Decision Making" veröffentlicht. Die Rechtskommission entschied damals jedoch, dass die wichtigste Empfehlung der Review, die von ihr vorgeschlagenen "Stewardship"-Regeln zum verstärkten Schutz der Anteilseigner eines Unternehmens, nicht mit den bestehenden, im Gewohnheitsrecht verankerten Treuepflichten vereinbar seien. Die Kay-Review wurde stillschweigend ad acta gelegt. Das gleiche Ergebnis ist auch für den Brydon-Bericht zu erwarten, abgesehen von der Einrichtung der ARGA.

Trotz gegenteiliger Versicherungen der Bankenaufseher gibt es zahlreiche Hinweise auf Probleme mit der Zahlungsfähigkeit von Banken. Banken schließen weiterhin Büros, reduzieren die Zahl der Mitarbeiter, drängen Kunden auf digitale Plattformen und erhöhen ihre Gebühren. Dennoch schreiben sie entweder Verluste oder nur geringe Gewinne. Die Zahl der notleidenden Kredite wurde nur durch buchhalterische Tricks reduziert und das Anleiheankaufprogramm der EZB wegen der zusehends offensichtlicher werdenden Probleme der Banken wieder aufgelegt.

Die Krux ist, dass ein hochkarätiger Bericht, dem die Annahme zugrunde liegt, dass die Wirtschaftsprüfung ihre Orientierung verloren hat, derart bizarre Empfehlungen zutage fördern kann. Die einzige Erklärung dafür ist, dass Brydon große Banken und Unternehmen als öffentliche Einrichtungen betrachtet, die von wohlwollenden Mitgliedern des Establishments geführt werden. Tatsächlich werden sie aber als private Unternehmen geführt, deren Manager vor allem ihre persönlichen Interessen im Blick haben, besonders wenn es hart auf hart kommt. Die Veröffentlichung von Berichten wie diesem wird Banken nicht stabiler machen und zur Folge haben, dass Politiker wie die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern, welche argumentieren, der Kapitalismus sei gescheitert und der Sozialismus die Lösung, mehr Zulauf bekommen.

Bild (bearbeitet): Robert Bye/Unsplash

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