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Der (fehlende) Zusammenhang zwischen Temperatur und Wirtschaftswachstum

von David Stadelmann

Dem jüngsten Bericht des Weltklimarates der Vereinten Nationen (IPCC) zufolge betrug der globale durchschnittliche Temperaturanstieg im Zeitraum 1850-1900 bis in die 2010er Jahre etwa 1,1 Grad. In mehreren Ländern der Welt sind die Durchschnittstemperaturen um fast 2 Grad gestiegen. Von 1820 bis 2016 ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf in den meisten westlichen Ländern um das 25-fache und in den nicht-westlichen Ländern um das 13,5-fache gestiegen. Dieses Wirtschaftswachstum ging mit enormen Verbesserungen bei verschiedenen Indikatoren für das Wohlergehen der Menschen einher, wie etwa einer höheren Lebenserwartung, einer geringeren Kindersterblichkeit und einer geringeren Unterernährung.

Die Folgen des Klimawandels können die wirtschaftlichen Wachstumsmöglichkeiten beeinträchtigen. Der IPCC prognostiziert, dass die durchschnittlichen Oberflächentemperaturen im Zeitraum 2041-2060 um 1,2 bis 3,0 Grad höher sein werden als im Zeitraum 1850-1900. Die Folgen dieses Temperaturanstiegs, wie z. B. der Anstieg des Meeresspiegels, häufigere Wetterextreme und die Veränderung der Lebensräume von Pflanzen, sind vielfältig und werden sich häufig negativ auf die Natur auswirken. Die globale Erwärmung könnte sich auch negativ auf das Leben der Menschen auswirken, indem sie beispielsweise die Ernährungssicherheit gefährdet oder zur Ausbreitung von Krankheiten beiträgt, vor allem in den anfälligeren Teilen der Welt. Inwieweit wirkt sich der Klimawandel auch auf das menschliche Wohlergehen aus? Ein kürzlich in der Fachzeitschrift Economic Policy veröffentlichter Artikel und ein aktuelles IREF Working Paper befassen sich eingehend mit dem Zusammenhang zwischen dem Temperaturanstieg einerseits und dem Wirtschaftswachstum andererseits.

Wirtschaftswachstum und Temperatur

Die Wirtschaftsleistung eines Landes ist von seinen Produktionsfaktoren und deren effizienten Einsatz abhängig. Zu den Produktionsfaktoren gehören in der Regel Land, Sachkapital (z. B. Maschinen) und Humankapital (z. B. qualifizierte Arbeitskräfte). Höhere Temperaturen können die wirtschaftliche Entwicklung beeinträchtigen, indem sie die Verfügbarkeit und Produktivität dieser Faktoren verringern. Dies könnte z. B. durch schlechtere Ernten aufgrund eines erhöhten Dürrerisikos geschehen. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl anderer Mechanismen, die zu einer negativen Auswirkung höherer Temperaturen auf die Wirtschaftsleistung beitragen könnten. So ist es beispielsweise denkbar, dass der Klimawandel Ressourcenkonflikte (z. B. um Ackerland) verschärft und damit Investitionen und Wirtschaftswachstum verringert. In einigen Ländern und Sektoren sind jedoch auch positive Auswirkungen möglich.

Mehrere länderübergreifende empirische Studien deuten darauf hin, dass es einen Zusammenhang zwischen Temperatur und wirtschaftlicher Entwicklung gibt. In der Regel sind heißere Länder ärmer. In ähnlicher Weise haben steigende Temperaturen nachweislich einen ungünstigen Einfluss auf das nationale Wirtschaftswachstum. Unter anderem auf der Grundlage solcher Studien warnt der Weltklimarat, dass der Klimawandel eine Bedrohung für die künftige globale wirtschaftliche Entwicklung und damit für den Lebensstandard der Menschen darstellen könnte. Auch der Nobelpreisträger William D. Nordhaus diskutiert die Zusammenhänge zwischen dem Klimawandel und den wirtschaftlichen Auswirkungen sowie die Folgen der Klimapolitik für das Wirtschaftswachstum.

Bestehende empirische Forschungen untersuchen die Beziehung vorwiegend auf nationaler Ebene, indem sie die Durchschnittstemperatur eines Landes und das Pro-Kopf-Einkommen analysieren. Neben den klimatischen Bedingungen unterscheiden sich viele weitere Faktoren von Land zu Land, die sich nachhaltig auf die wirtschaftliche Entwicklung auswirken können. So leiden viele afrikanische Länder neben einem heißeren Klima auch unter schlechter Rechtsstaatlichkeit, mangelnder wirtschaftlicher Freiheit oder ethnischen Konflikten, die unter anderem durch willkürliche Grenzziehungen der ehemaligen Kolonialherren verursacht wurden. Die Vergangenheit lehrt, dass Faktoren wie Wirtschaftspolitik, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie oder Humankapital die wirtschaftliche Entwicklung stärker beeinflusst haben als die natürlichen Bedingungen im Allgemeinen oder die Temperatur im Besonderen. Eine Vielzahl von wachstums- und entwicklungsrelevanten Faktoren variieren von Land zu Land und können in vergleichenden Länderstudien nicht unbedingt angemessen berücksichtigt werden, selbst wenn ausgefeiltere ökonometrische Techniken eingesetzt werden. Dies birgt die Gefahr einer relevanten Verzerrung bei der Analyse möglicher Auswirkungen der Temperatur auf den Wohlstand.

Regionale Daten liefern weitere Erkenntnisse

Die Verwendung regionaler (d. h. subnationaler) Daten zu klimatischen und wirtschaftlichen Bedingungen können die bestehenden Analysen auf Länderebene bereichern. Die Analyse regionaler Daten zeigt, dass es innerhalb eines Landes beträchtliche Unterschiede bei den klimatischen Bedingungen gibt, man denke nur an Regionen in Russland (Republik Sacha vs. Region Krasnodar) oder in den Vereinigten Staaten (Alaska vs. Arizona) als Beispiele. Ähnliche Unterschiede sind auch bei der regionalen wirtschaftlichen Entwicklung zu beobachten: Einige Regionen innerhalb von Ländern sind vergleichsweise arm, während andere relativ reich sind. Durch die gezielte Untersuchung subnationaler Einheiten innerhalb desselben Landes können alle potenziellen Störfaktoren, die ansonsten die wirtschaftliche Entwicklung im Laufe der Zeit auf nationaler Ebene beeinflussen, durch ökonometrische Schätzverfahren ausgeschlossen werden. Dies ist genau der methodische Ansatz, der in den zwei aktuellen Studien, in der Fachzeitschrift Economic Policy und im IREF Working Paper, verfolgt werden.

In der Studie in der Zeitschrift Economic Policy wird untersucht, ob wärmere Regionen innerhalb eines Landes zwangsläufig ärmer sind. Für einen Datensatz von etwa 1.500 Regionen in 83 Ländern gibt es keine statistisch robuste Beziehung zwischen Temperatur und Pro-Kopf-Einkommen auf subnationaler Ebene. Dieser Befund deutet darauf hin, dass sich die in der vorhandenen Literatur zum Teil auf nationaler Ebene aufgezeigte Beziehung auf der subnationalen Ebene nicht in gleicher Weise widerspiegelt. Dementsprechend könnte zumindest ein Teil der auf nationaler Ebene aufgezeigten Beziehung eine Folge davon sein, dass andere wachstums- und entwicklungsbezogene Faktoren, die sich innerhalb der Länder unterscheiden, nicht angemessen berücksichtigt werden.

Die Studie in Economic Policy lässt jedoch keine direkten Rückschlüsse auf den Zusammenhang zwischen steigenden Temperaturen und Wirtschaftswachstum zu. Dies kann problematisch sein, da der Klimawandel ein langfristiges Phänomen ist. Dementsprechend ist es möglich, dass sich die negativen wirtschaftlichen Auswirkungen des Klimawandels erst über längere Zeiträume hinweg bemerkbar machen. Das Wirtschaftswachstum kann dazu beitragen, sich an mögliche negative Folgen höherer Temperaturen anzupassen. Um solche Mängel zu beheben, analysiert das IREF-Working Paper die Auswirkungen des Temperaturanstiegs auf die regionale Wirtschaftsentwicklung über längere Zeiträume. Dabei wird auch berücksichtigt, dass bestimmte länderspezifische Faktoren die Anpassung von Regionen an steigende Temperaturen beeinflussen können.

Die Ergebnisse zeigen, dass wenn andere regionale Variablen berücksichtigt werden, es kurzfristig keinen Zusammenhang zwischen höheren Temperaturen und Wirtschaftswachstum gibt. Es besteht somit weder ein positiver noch ein negativer Zusammenhang zwischen Temperaturanstieg und Wachstum auf kurze Sicht. Längerfristig können steigende Temperaturen negative Auswirkungen auf den Wohlstand haben. Weitere Analysen zeigen, dass die einzigen Regionen, die von solchen langfristigen negativen Auswirkungen betroffen sind, in Ländern liegen, die keine ausreichenden Anpassungsmöglichkeiten an den Klimawandel zulassen. Länderspezifische Bedingungen wie hohe Einkommen, eine starke Demokratie und eine starke Rechtsstaatlichkeit helfen den Regionen bei der Anpassung, sodass es für Regionen in solchen Ländern auch auf längere Sicht keinen Zusammenhang zwischen Temperaturen und Wachstum gibt. Diese Erkenntnis ist insofern von Bedeutung, als ein günstiges wirtschaftliches und institutionelles Umfeld in der Regel selbst als grundlegend für das Wirtschaftswachstum angesehen wird. Anders ausgedrückt: Höhere Einkommen, Demokratie, ein etablierter Rechtsstaat, wirtschaftliche und politische Freiheiten usw. tragen dazu bei, dass Regionen wachsen und ein möglicher Zusammenhang zwischen Temperatur und Wachstum verringert oder sogar aufgehoben wird.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass bei vergleichenden länderübergreifenden Studien die Ergebnisse darauf hindeuten, dass hohe und steigende Temperaturen Wachstum und Einkommen verringern können. Ein Blick auf die subnationale Ebene ermöglicht ein differenzierteres Bild und neue Erkenntnisse. Erstens sind wärmere Regionen nicht unbedingt ärmer. Zweitens können potenzielle wirtschaftliche Schäden durch höhere Temperaturen eher längerfristig auftreten, sodass Zeit für Anpassungen bleibt. Drittens, und das ist der wichtigste Punkt, deuten die Ergebnisse darauf hin, dass wirtschaftliche und institutionelle Faktoren gestärkt werden können, um die potenziellen wirtschaftlichen Auswirkungen höherer Temperaturen zu verringern oder zu vermeiden und gleichzeitig das Wirtschaftswachstum zu fördern. Das Klima bestimmt also nicht unbedingt unser wirtschaftliches Schicksal.

 

Foto: Fabian Kurz.

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