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Neo-Broker demokratisieren den Kapitalmarkt

von Kalle Kappner

Die Deutschen gelten als begeisterte, aber risikoscheue Sparer – eine Kombination, die sich in einer im internationalen Vergleich hohen Sparquote bei zugleich unterdurchschnittlicher Rendite ausdrückt. Doch das Klischee des selbst bei Nullzinsen, steigenden Bankgebühren und Inflation behäbig am Sparbuch festhaltenden Aktienmuffels gerät ins Wanken. Vor allem junge Sparer entdecken den Kapitalmarkt, investieren in Aktien und Indexfonds und verwalten ihre Anlagen zunehmend über sogenannte Neo-Broker, also günstige Online-Portfolio-Manager ohne Serviceleistungen und Filialnetz.

Die neuen Online-Broker sehen sich indes scharfer Kritik ausgesetzt. Verleiten die unkomplizierten, per Smartphone bedienbaren Trading-Plattform eine ganze Generation unerfahrener Sparer zu risikoreicher, wenig diversifizierter Spekulation mit Aktien und Kryptowährungen? Eine aktuelle DIW-Studie belegt das Gegenteil. Ganz überwiegend dienen die Neo-Broker dem Aufbau einer renditeträchtigen Altersvorsorge über wenig riskante Kapitalmarktbeteiligungen – eine Strategie, die dank der günstigen Online-Broker nun auch für Geringverdiener und junge Sparer attraktiv wird.

Mit den Neo-Brokern öffnet sich der Kapitalmarkt für bisher kaum investierende Gruppen. Eine breitere Kapital- und Aktienmarktkultur kann wiederum mittelfristig der drohenden Altersarmut entgegen wirken. In ihrem Koalitionsvertrag würdigt die Ampelregierung die veränderte Sparrealität und erkennt die Reformbedürftigkeit der privaten Altersvorsorge an. Nun gilt es, das Versprechen einer Integration kapitalmarktbasierter Anlagen in existierende Fördermodelle zügig umsetzen.

Die Neo-Broker: Kapitalmarkt für alle

Traditionell gilt der Kapitalmarkt vielen Sparern als Spielplatz der besonders Vermögenden – ein Sparbuch hat jeder, ein Festgeldkonto mag auch für Geringverdiener vorstellbar sein, doch Aktien muss man sich erst einmal leisten können. Ganz ohne Grundlage ist dieses Klischee nicht, da hohe Ordergebühren und teure Kontoführungsgebühren Kleinsparern den Zugang zum Kapitalmarkt lange erschwerten. Doch mittlerweile stellen eine Reihe von Finanzinnovationen wie passive Indexfonds („ETFs“), das anhaltende Niedrigzinsumfeld und der Markteintritt kostengünstiger Broker die traditionelle Zweiteilung des Kapitalmarkts in Frage.

Insbesondere den sogenannten Neo-Brokern kommt bei der Demokratisierung des Aktienmarkts eine Schlüsselrolle zu. Diese neuartigen Portfoliomanagementplattformen unterhalten keine personalintensiven Filialen, bieten meist nur minimale Kundenberatung und pflegen keine eigenen Anlageprodukte. Im Gegenzug können sie ihren Kunden niedrige Kontoführungs- und Ordergebühren bieten. Damit wird die Wertpapieranlage auch bei geringem Anlagevolumen attraktiv.

Nicht alle freuen sich über den neuen Schwung im Kapitalmarktgeschäft. Traditionelle Geschäftsbanken schimpfen über die zusätzliche Konkurrenz. Die EU-Kommission sieht erwartungsgemäß Regulierungsbedarf. Verbraucherschützer warnen vor versteckten Gebühren und intransparenten Geschäftsmodellen. Doch am stärksten wirkt die diffuse Angst, dass die günstigen Neo-Broker eine ganze Generation zur hemmungslosen Spekulation mit Kryptowährungen und anderen volatilen Anlageklassen verleitet – die den Computerspielhändler „Gamestop“ betreffende Spekulationsblase im Frühjahr 2021 dient den Kritikern als warnendes Beispiel.

DIW-Studie: Neo-Broker nützen Jungsparer, Geringverdiener und Vorsorger

Eine aktuelle Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung bietet nun Aufschluss über die Zusammensetzung und das Anlageverhalten von über 200.000 Kunden des Neo-Brokers „Trade Republic“. Die repräsentative Untersuchung zeigt, dass die günstige Portfolio-Plattform überwiegend durch Jungsparer unter 35 genutzt wird. Rund die Hälfte der Kunden verfügt über keine vorhergehenden Erfahrungen auf dem Kapitalmarkt. Neo-Broker, so ein zentraler Studienbefund, werben nicht nur den Kundenstamm der teureren traditionellen Banken ab, sondern öffnen den Kapitalmarkt für zuvor kaum partizipierende demographische Gruppen.

Vom günstigen Kapitalmarktzugang profitieren insbesondere Geringverdiener. Zwar fällt der Anteil der Anleger mit unterdurchschnittlichem Einkommen unter den „Trade Republic“-Kunden mit rund 25 % ähnlich aus wie unter allen Deutschen mit Kapitalmarktbeteiligung. Doch im Gegensatz zu traditionellen Vermögensanlegern sind besonders junge Anleger unter 30 im Kundenstamm des Neo-Brokers nahezu gleichmäßig über alle Einkommensgruppen hinweg vertreten. Bei frühzeitiger Kapitalmarktanlage können auch geringfügige Beträge einen merklichen Beitrag zur Altersvorsoge leisten – die niedrigen Verwaltungsgebühren der Neo-Broker eröffnen diese Chance.

Langfristige Sparziele bilden das Hauptmotiv der Anleger. Nur etwa 2 % der Nutzer spekulieren mit Derivatprodukten. 72 % der untersuchten „Trade Republic“-Kunden sehen ihre Kapitalmarktanlage als Beitrag zur Altersvorsorge. Sparer ohne Vorerfahrung setzen dabei überwiegend auf passive Indexfonds, während erfahrenere Nutzer die Plattform auch zum aktiven Aktienhandel nutzen. Die Median-Rendite liegt bei 7,1 % – deutlich über der impliziten Rendite des umlagefinanzierten Rentensystems. In Zeiten niedriger Sparbuchzinsen und angesichts des auf der Umlagerente lastenden demographischen Drucks bieten die Neo-Broker offensichtlich eine attraktive Alternative.

Politik der neuen Sparrealität anpassen

„Trade Republic“ und andere Neo-Broker erleichtern den Zugang zum Kapitalmarkt, insbesondere in den unteren Einkommens- und Altersklassen. Damit bietet sich die Chance, die traditionelle Indifferenz vieler deutscher Sparer gegenüber Aktien, Börse und Investmentportfolio zu überwinden.

Für Millionen junger Sparer und Geringverdiener eröffnen sich neue Möglichkeiten, am weltweiten Wirtschaftswachstum teilzuhaben, ihr Geld vor der Inflation zu schützen und effektiv für das Alter vorzusorgen. Damit daraus Realität wird, muss die Ampelkoalition existierende Fördermodelle zügig anpassen. Ab 2023 soll der Sparerfreibetrag steigen – ein guter Anfang. Wichtiger ist die versprochene Reform der überkommenen privaten Vorsorgemodelle.

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